25.08.1969

MIKÄTZCHEN UND GASTARBEITER

Mit Beginn des neuen Schuljahres am Montag vorletzter Woche mußte in den schleswig-holsteinischen Städten Husum, Glückstadt und Neumünster an fünf Gymnasien die 5-Tage-Woche eingeführt werden: Lehrermangel.
Am Immanuel-Kant-Gymnasium in Neumünster können 156 Wochenstunden nicht gegeben werden. Schlimmer noch steht es an der Holstenschule: Ein Viertel der Wochenstunden muß ausfallen, weil 14 Lehrer fehlen. An den beiden Gymnasien in Husum können 20 Prozent des Unterrichts nicht erteilt werden.
Im Schuljahr 1968/69 fielen in Schleswig-Holstein insgesamt 3601 Unterrichtsstunden aus -- so in Mathematik und Latein, im Turnen wie in Deutsch. So ist es im ganzen Bundesgebiet; der Lehrermangel -- zumal an Gymnasien -- ist akut.
In den letzten neun Jahren hat sich das Pädagogen-Minus an den Oberschulen verdoppelt. 1961 fehlten bei 852 575 Gymnasiasten 11 492 Lehrer -- 1970 werden es bei 271 300 Schülern 24 577 Lehrer sein (zugrunde gelegt die Bedarfszahlen der Ständigen Konferenz der Kultusminister von 1967 und die von diesen festgesetzten "Mittelwerte": 24 Schüler je Klasse. 14,1 Schüler je Lehrer).
Nach Schätzungen des Deutschen Bildungsrates müßten pro Jahr etwa 8000 neue Gymnasiallehrer ausgebildet werden. Tatsächliche Quote: rund 3000. Jährliches Defizit: durchschnittlich 5000.
Mit 9042 fehlenden Lehrern wird der Mangel im nächsten Jahr in Nordrhein-Westfalen an den Gymnasien mehr als doppelt so groß sein wie in den Ländern Baden-Württemberg (4428) und Bayern (4271), die noch etwa 2000 unbesetzte Stellen mehr haben als Rheinland-Pfalz (2364). Auch so bildungsprogressive Staaten wie Hessen (fehlende Studienräte: 1221), Bremen (266) und Hamburg (101) werden das selbstgesetzte Soll nicht erreichen,
Das größte Defizit besteht in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern. Nach einer Studie der Stiftung Volkswagenwerk wurden bereits 1965 rund 14 400 Stunden in Biologie, Chemie, Physik und Mathematik von Lehrern erteilt, die keine Lehrbefähigung für diese Fächer hatten. Und im Jahre 1980 werden etwa 22 000 Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften fehlen.
Ähnlich gravierend ist der Mangel an Lehrern für Sonderschulen (Defizit: 4100 Lehrer), Realschulen (Defizit: 5250 Lehrer) und Volksschulen (Defizit: rund 20 000).
Nur in Berlin und Hamburg reichen die Volksschullehrer aus, in Nordrhein-Westfalen dagegen werden im Jahre 1970 nahezu 7500 fehlen, in Bayern über 4000 und in Baden-Württemberg fast 3300.
Auch die für diesen Schulzweig von den Kultusministern 1963 festgelegten Mittelwerte (33 Schüler je Klasse, 29 Schüler je Lehrer) werden nur in Berlin (25,7 Schüler je Lehrer) und in Hamburg (28,5) erreicht. Im Bundesdurchschnitt muß ein Lehrer 31,8 Volksschüler unterrichten. In Schleswig-Holstein sind es gar 33,8, in Nordrhein-Westfalen 33,4, mehr als in Baden-Württemberg und Bayern: 32,3.
Obwohl der Lehrermangel vor allem an Volksschulen seit Mitte der 50er Jahre zu einem Problem geraten ist, verfügen viele Kultusministerien noch immer nicht über genaue Planungs- und Bedarfszahlen. Ministerialdirektor Dr. Böck vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus räumt ein, daß sieb "Fragen zum Lehrermangel ... zahlenmäßig nicht eindeutig beantworten" lassen.
Ministerialdirigent Dr. Hauer vom Niedersächsischen Kultusministerium: "Die Anzahl fehlender Lehrkräfte im nächsten Jahr läßt sich zur Zeit noch nicht völlig zutreffend übersehen."
Immer häufiger greifen die Kultusverwaltungen zu Behelfsmaßnahmen. So setzte der frühere Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, Paul Mikat (CDU), 1964 Männer und Frauen nach einjährigem Kursus als Hilfslehrer ein. Solche "Mikätzchen" gibt es mittlerweile auch in anderen Bundesländern. Mikats Nachfolger, Fritz Holthoff (SPD), holte "Gastarbeiter" ins Land: Engländer und Franzosen, die Fremdsprachen unterrichten.
In Bayern bemüht sich Kultusminister Ludwig Huber (CSU) mit einem Appell an pensionierte und ausgeschiedene Lehrer, die erforderlichen 2100 Pädagogen für das neueingerichtete 9. Schuljahr zu gewinnen.
Baden-Württembergs Kultusminister Wilhelm Hahn stellte jetzt eine "Alarmreserve" von 100 Junglehrern zusammen, die an Schulen mit besonders gravierendem Pädagogenmangel eingesetzt werden sollen.
In Niedersachsen versucht Kultusminister Richard Langeheine (CDU) mit größerer Durchlässigkeit zwischen den Schulformen das Lehrerdefizit auszugleichen: "Für die Gymnasien ... ist eine Hilfe durch Volks- und Realschullehrer vorgesehen" (Hauer).
Während Lehrer insgesamt in zunehmendem Maße Mangelware werden, erobern Lehrerinnen die Schulen. Im letzten Jahr waren 54 Prozent aller Volksschullehrer Frauen, 1910 war dagegen nur jeder vierte Lehrer eine Frau.
Die Zahl der PH-Studentinnen stieg allein von 1950 bis 1957 von 47 auf 64 Prozent, was den Hochschulen Namen wie "Hausfrauenakademien" und "Bundesbräuteschulen" einbrachte. Von 1961 bis 1965 machten 60 Prozent Frauen die zweite Lehrerprüfung. Und während
1967 in Nordrhein-Westfalen 4598 Lehrer unter 30 Jahre unterrichteten. waren es 11 439 Frauen. Im selben Jahr studierten an den nordrheinwestfälischen Pädagogischen Hochschulen rund 5000 zukünftige Volksschullehrer. aber nahezu 12 000 angehende Volksschullehrerinnen.
Da viele Lehrerinnen nach der Heirat die Schule wieder verlassen, trägt auch die "Feminisierung des Lehrerberufes" (Bildungsökonom Hasso von Recum) nicht dazu bei, den Lehrermangel zu beheben. Es ist dem deutschen Bildungswesen mit den zersplitterten Schulformen geradezu systemimmanent.
Erst eine Gesamtschule würde die Voraussetzungen schaffen, den Lehrerbedarf eindeutig festzustellen, erst eine reformierte Lehrerausbildung könnte die Attraktivität des Berufes steigern.

DER SPIEGEL 35/1969
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