25.08.1969

LEICHTATHLETIK KUNSTSTOFF-BAHNENSchneller auf Tartan

Jahrzehntelang galten Stoppuhr und Maßband in der Leichtathletik als unfehlbar. Neuerdings sind jedoch nicht unbedingt mehr 100 Meter gleich 100 Meter und zehn Sekunden gleich zehn Sekunden.
Das hat in ihren Labors die Chemie ausgekocht: Etwa seit 1960 entwickelte sie besonders elastische Kunststoffböden, auf denen im Vergleich zu den herkömmlichen Aschenbahnen Läufer, Springer und Werfer mit gleicher Kraft bessere Leistungen erzielen.
Olympiasieger Armin Hary, der seinen 100-Meter-Weltrekord (10,0 Sekunden) 1960 noch auf einer Aschenbahn aufgestellt hatte, schätzte den Vorteil einer künstlichen Piste auf zwei Zehntelsekunden für 100 Meter ein. "Pro Runde spart ein 1500-Meter-Läufer eine Sekunde", rechnete der frühere belgische 800-Meter-Weltrekordler Roger Moens.
Auf künstlichem Tartanboden der US-Firma "3M" stellten die Leichtathleten bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico City 15 spektakuläre Weltrekorde auf, die allerdings zusätzlich durch die Höhe von 2200 Metern begünstigt wurden. Den farbigen US-Weitspringer Bob Beamon überwältigte sein eigener Weltrekord von 8,90 Meter: Sobald er nach dem Olympiasieg weniger als acht Meter sprang, pfiffen ihn die Zuschauer aus.
Sie maßen nun die Leistungen an den Rekorden von Mexiko. Immer weniger Besucher zahlten für Wettkämpfe Eintritt, bei denen keine Bestleistungen zu erwarten standen; auf Aschenbahnen sind Weltrekorde kaum noch möglich.
Während künstliche Bahnen bessere Wettkampfleistungen garantieren, erhöhen sie zugleich das Risiko: Offenbar strapazieren die Chemiepisten Sehnen und Gelenke mehr als Naturboden. Experten erklären damit die auffällige Häufung von Verletzungen in jüngster Zeit. Eine Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) studiert die Zusammenhänge.
Die DDR-Funktionäre handelten rasch. Sie ließen das Ost-Berliner Jahn-Stadion mit Tartan, made in USA, ausstatten. Dort glänzte die DDR-Elite bei ihren Titelkämpfen mit einer Serie von Weltklasse-Leistungen.
Dagegen mündeten die Meisterschaften der Bundesrepublik am vorletzten Wochenende in Enttäuschung: Eine Aschenbahn aus "Aachener Rothe Erde" ließ in Düsseldorf kaum Glanzleistungen zu. Während des 10 000-Meter-Laufes verwandelte zudem ein Gewitterregen die Piste in eine Landschaft aus knöcheltiefen Teichen.
So blieb der Darmstädter Lutz Philipp unter dem Soll, das zur Teilnahme an den Europameisterschaften im September in Athen berechtigt. Langstrecken-Rekordler Harald Norpoth schätzte, daß der Sieger Jochen Ließ aus Hamburg auf einer Kunststoffbahn, die auch bei Regen ihre Eigenschaften behält, ungefähr "eine halbe Minute besser" gewesen wäre.
Nur auf den Anlagen für die Springer und Werfer experimentierten die Organisatoren mit verschiedenen Kunstprodukten wie Variolastik, Tartan, Elastan und Rekortan. Aber auf dem ausgerollten, vom Regen rutschigen Kunststoffteppich verlor ein Weitspringer die Balance und schoß mit einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern per Salto in die Grube.
Als der DLV-Verbandsrat auch die Meisterschaften für 1970 in ein Aschenbahn-Stadion -- in Bremen -- verlegte, meuterten Trainer und Athleten. Die gewählten Sprecher der Nationalmannschaft, Olympiasiegerin Ingrid Becker und der frühere Speerwurf-Meister Hermann Salomon, unterschrieben eine Resolution, die wegen des "internationalen Leistungsvergleichs" Kunststoffbahnen für Deutsche Meisterschaften "ab sofort" verlangt. Kosten einer kompletten Anlage: mindestens eine Million Mark.
Die bundesdeutschen Sportler, denen die Düsseldorfer Aschenbahn keine Norm für die Europameisterschaft erlaubte, müssen nun Ende August in Stuttgart der Qualifikationszeit nachlaufen -- auf Tartan.

DER SPIEGEL 35/1969
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