25.08.1969

KUNSTMARKT EXPRESSIONISTENJetzt oder nie

Ekstatische Jünglinge und bärtige Visionäre sind obenauf; Vorstadtstraßen und Alpenkämme, gezackt und seelenvoll, haben Konjunktur -- als Drucke deutscher Expressionisten. Noch niemals waren Blätter von Kirchner, Nolde, Kokoschka oder Schmidt-Rottluff so gesucht und, darum, so teuer wie in diesem Jahr.
"Die Graphik des deutschen Expressionismus erlebt einen ungeheuren Boom", bemerkt das Fachjournal "Artis"; sie muß nunmehr, wie das "Handelsblatt" herausgefunden hat, "mit internationalen Preismaßstäben gemessen werden". Denn endlich ist sie "vom internationalen Markt richtig entdeckt und erschlossen" -- so sagt es der Berliner Kunsthändler Florian Karsch.
Karsch, 44, als Chef der "Galerie Nierendorf" ein versierter Zwischenträger der heimatlichen Ausdruckskunst, zieht gegenwärtig mit einer Verkaufsausstellung Konsequenzen aus der vergangenen Auktionssaison: Für die besten und rarsten der rund 200 gezeigten Holzschnitte, Radierungen und Lithographien hat er Preise bis 12 000 Mark festgesetzt, so für zwei Nolde-Gravüren und für Otto Muellers "Badeszene mit fünf gelben Akten".
Demnach müssen Karschs Kunden nun jene Expressionisten-Höchstpreise, die im Mai und Juni bei Versteigerungen in München, Hamburg und Bern erzielt worden sind, schon wieder überbieten -- zum Teil beträchtlich.
Den 1926 gedruckten Holzschnitt "Burg, Turm, Häuser im Gebirge" des heute 84jährigen "Brücke"-Mitbegründers Karl Schmidt-Rottluff etwa hatte Karsch selbst erst vor zwei Monaten für 5400 Mark (plus Aufgeld und Mehrwertsteuer) ersteigert, ein anderes Blatt desselben Künstlers, "Christus und Nikodemus" (1919), für 3800 Mark. Nun sollen ihm die beiden Drucke 12 000 und 7500 Mark bringen.
"Ich kann", rechtfertigt der Kunsthändler diese horrenden Gewinnspannen, "nicht nur davon ausgehen, was ich für ein Blatt bezahlt habe. Ich muß auch fragen, was es kosten würde. wenn ich es jetzt wieder kaufen wollte." Und bis auf weiteres sei eben die "Progression der Preise" vorauszusetzen.
Dieser, jetzt freilich ruckhaft beschleunigte Auftrieb hält schon seit zwei Jahrzehnten an; vorher wurde expressionistische Graphik zu rechten Ramsch-Preisen abgegeben. "Fast alles war vor 20 Jahren hundertmal billiger", behauptet Karsch.
In Einzelfällen ist sogar diese Monstermarge noch überschritten worden: 1>1949 bot die Galerie Nierendorf dem auf Max Beckmann spezialisierten Münchner Händler Günther Franke 240 Beckmann-Blätter zum Stückpreis von sieben Mark an; der lehnte ab. Niedrigster Beckmann-Preis in Karschs Verkaufsausstellung 1969: 750 Mark.
* Gleichfalls 1949 und gleichfalls vergebens offerierte dieselbe Galerie dem ausgebombten Schmidt-Rottluff seine eigenen Druck-Werke für je fünf Mark. Heute kostet Karschs billigste Schmidt-Rottluff-Graphik 1200 Mark.
Nur wenig steiler aber kletterten, in Prozenten gemessen, auch die Preise der ausgemachten Spitzenblätter, die nicht erst vom Discount-Niveau zu starten brauchten. Besonders eindrucksvoll avancierten zwei in Holz geschnittene Vollbart-Typen, die Karsch derzeit nicht vorzuweisen hat: der flächige "Prophet" (1912) von Emil Nolde und das graphisch aufgelockerte "Bildnis des Kunsthändlers Scharnes" (1918) von Ernst Ludwig Kirchner.
Der leicht glotzäugige "Prophet" hatte immerhin schon 1955, bei einer Versteigerung im damaligen Stuttgarter Kunstkabinett, 400 Mark eingebracht. In den folgenden Jahren stieg dann am gleichen Ort sein Preis über 580 und 1400 auf 2000 Mark (1959). Bei Wolfgang Ketterers Münchner Auktions-Debüt 1968 ging der Seher für 5100 Mark weg, und im Juni dieses Jahres schließlich, bei Hauswedell in Hamburg, kostete er den Händler Lewis aus San Francisco 12 000 Mark.
Kirchners "Schames", in Stuttgart 1953 mit 570 und 1962 mit 4000 Mark bezahlt, stieg im Berner Auktionshaus Kornfeld und Klipstein noch höher: Amerikanische Interessenten honorierten ihn dort mit 6100 (1964) und 9200 Franken (1965); in diesem Jahr steigerte nun der Münchner Galerist Raimund Thomas ("Es ist nötig, sehr gute Ware zu bekommen; sie weiterzureichen, ist ein weniger großes Problem") den begehrten Druck in Bern sogar auf 27 000 Franken -- gegen amerikanische Konkurrenz.
Der Aufmarsch der vom Dollar-Wechselkurs begünstigten Amerikaner auf deutschen und Schweizer Versteigerungen trieb die Preise in Gipfelzonen, in die sich heimischer Kunstsinn allein wohl kaum verstiegen hätte. Er signalisiert eine entscheidende Markterweiterung für den -- etwa in Frankreich oder England noch immer als teutonisch verschrienen -- Expressionismus.
Denn in den Vereinigten Staaten hat "während der letzten Jahre die deutsche expressionistische Schule eine neue Popularität erworben" (so die Londoner "Times") -- eine Popularität, die beispielsweise auch einen Boom für Kirchner-Gemälde verursacht hat (SPIEGEL 25/1969).
Zur gleichen Zeit begannen viele amerikanische Sammler, Druckgraphik anzuschaffen, die ihnen lange nur als minderwertiger Gemälde-Ersatz gegolten hatte. "Der Markt für Original-Drucke", so eruierte die "Financial Times", "nimmt in den USA rascher an Beliebtheit zu als irgendeine andere Form der Investition."
Dieser Graphik-Trend bringt manchmal verblüffende Auswirkungen hervor: Wie für Picasso-Blätter (SPIEGEL 26/1969) werden nun auch für expressionistische ars multiplicata wahre Bilder-Preise gezahlt.
So steigerte der Kunsthändler Kovler aus Chicago jetzt in Bern die farbige Kirchner-Lithographie "Stadtbahnbogen" auf 40 000 Franken, während die Londoner Marlborough-Galerie (mit einer Filiale in New York) 39 500 Franken für Noldes Farblithographie "Windmühle" anlegte -- mehr, als bei derselben Kornfeld-Auktion für originale Nolde-Aquarelle geboten wurde (bis 37 000 Franken).
Womöglich noch wichtiger als diese neuerlichen Preisrekorde der eingeführten Favoriten war aber, schon kurz zuvor, der massive Durchbruch eines bis dahin recht mäßig taxierten Künstlers gewesen: Für eine 127 Nummern starke Sammlung von Schmidt-Rottluff-Graphik erzielte die Hamburger Firma Hauswedell am 7. Juni rund 360 000 Mark.
Schmidt-Rottluffs beste Holzschnitte -- so die 9500 Mark teure "Bucht" -- rückten dabei, sogar für Profis wie Karsch "etwas plötzlich", in Kirchner-Kategorien auf: Der Berliner Galenist mußte mehrfach selbstgesetzte Höchstpreise überbieten. Für den schließlich mit 3800 Mark bezahlten "Nikodemus" etwa hatte er ursprünglich allenfalls 2000 Mark vorgesehen; doch er begriff: "Der Zug fährt ab. Jetzt oder nie!"
Der Preis-Expreß ist vorerst noch "über die Bereitschaft des normalen Publikums hinausgezischt" -- bislang hat sich zu den neuen Preisen kein einziger Schmidt-Rottluff-Käufer bei Karsch eingefunden. Aber: "Der Händler", sagt der Händler, "weiß natürlich früher, was die Preise des Herbstes sind."
Für seine übrigen Ausstellungsstücke verzeichnet Karsch schon jetzt eine rege Nachfrage: Bis zur letzten Woche hatte er 78 Graphiken für rund 160 000 Mark verkauft.

DER SPIEGEL 35/1969
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