25.08.1969

THEATER „LABORATORIUM ELTEN“Ein Kampf um Raum

Unterm Dach des Bauern Johannes Verbücheln im rheinischen Elten waren merkwürdige Menschen eingekehrt. Sie stellten sich auf den Kopf, wanden sich auf der Erde, sie grunzten und blökten, ballten sich zu Leiberknödeln oder versanken in Trance.
Der Bauer Verbücheln hat sein verfallenes Gehöft samt Stall und Scheune an das "Theaterlaboratorium Elten" vermietet: In ländlicher Klausur, in Gesellschaft mächtiger Muttersäue und hysterischer Hennen, will ein Trupp Bühnenmenschen sich mit den "Methoden und Formen des modernen experimentellen Theaters auseinandersetzen".
Zur Weihe des Hauses hatten die Labor-Leiter, der Regisseur Peter Löscher, 30, und der Bühnenbildner Adolf Steiof, 31, an die 30 Kunstwerktätige ins Grüne geladen. Autoren, Regisseure, Dekorateure, Musiker, Darsteller und ein Rudel hübscher Schauspielerinnen experimentierten zwei Wochen mit sich und miteinander, nährten sich (Pensionspreis: 85 Mark) von Pellkartoffeln und Omeletts und ruhten, da es an Betten mangelte, auch im Heu,
Löscher, ein lockiger. langsamer Sachse, war vormals an Wuppertals Bühne tätig, empfand dort die "Stagnation" des subventionierten Bühnenlebens und beschloß mit dem Kollegen Steiof. zu neuen Ufern aufzubrechen; Ufer, neu für Deutschland.
Amerikas Avantgarde-Bühnen, vor allem, gaben die Richtung an; mit dem "Living Theatre", Julian Becks ambulanter Theaterkommune. war der neue Stil erstmals nach Deutschland gekommen. Er sucht die Befreiung des Schauspielers aus Unmündigkeit und Papageientum.
Denn die Künstler wollen nicht länger Lautsprecher fremder Texte und Vollzugsbeamte von Regie-Einfällen sein. Sie wollen sich, wie Free-Jazz-Musiker, selbst zum Ausdruck bringen; und weil ihr Spiel-Instrument der Körper ist, entsteht ein Theater gesteigerter physischer Expressivität.
Auch eins des gesteigerten Kollektiv-Empfindens. Wie beim Free Jazz einer auf den anderen hören muß, schlingt auch ein Free Theater engere Bande; die "Living"-Leute helfen mit Zen. Trance und Drogen nach, um zu lustvoller Kommunion und gemeinsamer Kreation zu gelangen.
Den Namen "Theaterlaboratorium" verdankt Löschers Unternehmen jedoch keinesfalls der Absicht, Kunst chemisch stimulieren zu wollen. "Zuviel Bier, zuwenig Pot", beklagte ein beobachtender Brite trefflich die Haushaltslage im Bauernhoftheater. Löscher orientierte sich am Breslauer "Theaterlaboratorium" des polnischen Regisseurs Jerzy Grotowski.
Grotowski, der Chef-Ideologe des physischen Expressiv-Theaters, arbeitet seit Jahren an der Erforschung und Erweiterung körperlicher Ausdrucksmittel. Seine Exerzitien -- Meditationen und rigorose Gymnastik -- hat er in einem Buch ("Towards a poor Theatre") mitgeteilt, das neben einer Zen-Fibel in Löschers Labor auslag.
Zwischen der schamanischen Zen-Mystik des "Living Theatre" und Grotowskis asketischem Reglement verliefen denn auch die beiden Experimental-Wochen; Kenner des neuen Stils. die Löscher angeworben hatte, gaben schulgemäßen Unterricht. Die deutschen Schauspieler, der Körper-Sprache weitgehend unkundig, trainierten wie Zehnkämpfer.
Morgens um sieben griff der Neger-Schauspieler Alexander McDonald, 37, zur Bongo-Trommel und rief zu einem Stündchen Joga. Er verordnete Balance- und Konzentrationsübungen, damit "der Körper denken lernt", und gebot einen längeren Kopfstand, weil ein solcher das "Gehirn wäscht.
Der Kölner Komponist Johannes G. Fritsch, 28, ein Stockhausen-Mitarbeiter, kreidete in der Scheune musikalische Struktur-Begriffe an eine Schultafel, um danach die Körper-Sprache zu methodisieren; die Ulmer Bühnenbildnerin Gisela Spahlinger, 33, eine Minks-Schülerin, lehrte "Raum-Spannungen" zu begreifen; der Salzburger Stückeschreiber Werner Schneyder, 32, probierte mit einer Gruppe Improvisationen über ein Thema -- einen Kampf um Raum; Löscher ließ eine Spielschar mit einem Free-Jazz-Quartett kommunizieren; und die Schauspielerin Sela Rox, 24, eine slawische Hippie-Rose aus Bad Schwalbach, vermittelte original amerikanische Avantgarde-Techniken.
Sie hatte einst mit Versprengten einer dem "Living Theatre" nahestehenden Truppe ein Trainings-Trio formiert und war in die magischen Rituale eingedrungen -- so in die Entspannungs-Übungen, die den Abendländer im Staub kriechen und tierische Laute röcheln heißen.
Derlei zwangloses Tun, zeigte sich aber, löst auch andere Zwänge: Die zunächst inhaltslose Turnerei mündete unvermutet in aggressive Haltungen, Kampfsituationen entstanden, Lust am Terror erwachte und an der sexuellen Hatz. Eine Laut-Improvisation artikulierte schließlich das KZ-Motto "Arbeit macht frei".
Noch frappanter freilich endeten Kollektiv-Aktionen gegen einzelne: Drei Teilnehmer, die von zwei Chorgruppen mit verschiedenen hohen Tönen beschallt wurden, gerieten völlig außer sich, legten Kleider ab, schluchzten und litten namenlose Angst, aus der sie nur entkamen, indem sie körperlichen Kontakt zueinander suchten.
So experimentierten die Gäste des Bauern Verbücheln mit dem Irrationalen und stellten fest, daß es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als Staatstheater bieten. Am letzten Abend in der Scheune, beim letzten Kasten Bier, fragten sie sich, wie es wohl mit dem "Theaterlaboratorium" weitergehen soll.
Es hat das Wohlwollen hochgesinnter Förderer -- unter ihnen Günter Graß mit einer 500-Mark-Spende. Und es hätte Aufgaben -- Spielformen zu analysieren, Rezeptionsvorgänge zu untersuchen, eine brauchbare Theater-Wissenschaft zu entwickeln; in Deutschland ist keine Kunstdisziplin, in Theorie und Methode, so unterentwickelt wie das Theater.
Auszehrung droht dem Labor jedoch von seinen Laboranten: Anstatt das Zwei-Wochen-Team in eine feste Truppe umzuwandeln, zogen die Gäste wieder heimwärts -- zur sicheren Gage und zum alten Trott.

DER SPIEGEL 35/1969
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