25.08.1969

FERNSEHEN / WDRTotal verheddert

Da kam einer im schönen Pepita-Anzug und hieß Wördemann. Seine journalistische Reputation genügte, die Frage nach dem Parteibuch erst gar nicht zu stellen. Ich konnte ihn sofort als Chefredakteur engagieren." So erinnert sich Hans-Joachim Lange, der neun Jahre lang Programmdirektor des WDR-Fernsehens war, bevor er im April 1969 zum Südwestfunk ging.
Doch nun, da der Mann im Pepita zum Fernseh-Programmdirektor des WDR aufsteigen soll, nützt ihm sein journalistisches Renommee nichts mehr: Die Kandidatur Franz Wördemanns, der laut "Kölnische Rundschau" "zwar nicht von der Muse, doch von der CDU geküßt ist", stößt im WDR-Verwaltungsrat auf den Widerstand der SPD- und FDP-Politiker.
Damit ist zwischen dem Kölner Funkhaus und den Düsseldorfer Funkhaus-Kontrolleuren (in den WDR-Verwaltungsrat entsenden SPD und CDU je drei, die FDP einen Landespolitiker) ein "mittelalterlicher Erbfolgekrieg" ("Neue Ruhr-Zeitung") ausgebrochen. Resultat: Fünf Monate nach Langes Demission ist die an Personal und Programm-Anteil (25 Prozent) größte ARD-Anstalt immer noch ohne TV-Programmdirektor und das landespolitische Proporz-Gerangel in vollem Gange. "Dem WDR", prophezeite der "Aktuelle Fernsehdienst", "droht totale Politisierung."
Denn schließlich haben Politiker zu bestimmen, wie der Sender zu einem Programmchef kommt: Nach Paragraph 21 des WDR-Gesetzes schlägt der Intendant seinen Kandidaten vor, der Verwaltungsrat aber muß ihn akzeptieren.
Doch zu akzeptieren gab es bislang nichts. Wen immer Klaus Hans Herbert von Bismarck, 57, auf Vorschlag der CDU 1960 einstimmig zum WDR-Intendanten gewählt, auch nach Köln holen wollte: seine möglichen Aspiranten winkten ab -- so Hans Heigert, damals Chefredakteur beim Bayerischen Rundfunk, und Peter Scholl-Latour, ARD-Korrespondent in Paris. Weitere TV-Journalisten wie Peter von Zahn, Dieter Gütt, Klaus Bölling und Gerd Ruge waren nur flüchtig im Gespräch.
Als sich letztes Frühjahr im Kölner Funkhaus Unmut über Bismarcks erfolgloses Werben breitmachte, sickerte von der Intendanten-Etage der Name Wördemann durch. Aber in Bismarcks Sondierungsgesprächen mit Verwaltungsräten wurde eines rasch klar: Der Katholik und CDU-Parteigänger Wördemann würde mit der notwendigen Mehrheit kaum rechnen können.
Also verfiel Bismarck auf einen neuen Kandidaten -- den Hauptabteilungsleiter Programmplanung im Mainzer ZDF und ehemaligen Holzamer-Referenten Dieter Stolte. Gegen Stolte wiederum rebellierten die WDR-Redakteure: Die Hauptabteilungsleiter ließen ihren Intendanten wissen, daß sie unter dem angeblich autoritären politischen Berater der katholischen Deutschen Bischofskonferenz nicht arbeiten wollten.
Bismarck gab nach: Auf der Verwaltungsrat-Sitzung am 18. April, die eine Entscheidung bringen sollte, nannte er weder den Namen Wördemann noch den Namen Stolte -- er schwieg. Erst bei der nächsten Zusammenkunft am 29. Mai präsentierte er seinen -- aussichtslosen -- Kandidaten Wördemann, Der Verwaltungsrat aber kniff: Er schlug vor, eine Fusion des regionalen Dritten WDR-TV-Programms mit dem Ersten Programm zu erwägen.
Und das war nun eine wirklich kuriose Taktik: Denn im Dezember 1965, als der WDR sein regionales Fernsehen eröffnete, hatten sich gerade die Parteimanager für eine redaktionelle Trennung beider Programme ausgesprochen, von Bismarck dagegen hatte die Fusion befürwortet. Nun sollte er ihnen die inzwischen längst etablierten und manchmal konkurrierenden Redaktionen wieder verschmelzen helfen.
Die Düsseldorfer Politiker hofften so die Diskussion um den Programmdirektor aus der Welt zu schaffen. Denn Chef des Dritten Kölner Programms ist Werner Höfer, 56; und dieser "verdiente und überaus engagierte Fernsehmann" -- so der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Kühn -- könne dann ja Kölns gesamte TV-Arbeit dirigieren.
Der Verwaltungsrat, der keinen eigenen Kandidaten vorschlagen kann, bekundete seine Sympathie für den Frühschöppner auf andere Weise: Er berief Höfer zum Gutachter über die Fusionierungsvorhaben und lud ihn am 14. Juli in den Kabinettssaal der Düsseldorfer Staatskanzlei, wo Wördemann über seine Programmplanung referierte.
Angesicht in Angesicht mit seinem geheimen Gegenspieler, so berichtete ein Sitzungsteilnehmer, "verhedderte sich der arme Wördemann total". Der Verwaltungsrat lehnte seine Kandidatur ohne Angabe von Gründen ab. Mit Macht versucht nun Bismarck, Höfers Auf stieg zum WDR-Generaldirektor zu blockieren. Bei seinen Studien zur Fusion beider Programme, verriet der Intendant in einem Interview, habe er "in Abwägung der Vor- und Nachteile kein Übergewicht der Argumente zugunsten der nachträglichen Zusammenlegung der beiden Direktionen gesehen".
Leitende Angestellte des WDR vermuten inzwischen, daß der Verwaltungsrat seine Entscheidung jetzt so lange vor sich her schieben wird, bis Bismarcks Vertrag 1971 ausläuft.
Und so lange kann Höfer warten. Denn dann, so jedenfalls sieht es heute aus, wird er nicht Programmdirektor, sondern gleich Intendant.

DER SPIEGEL 35/1969
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