25.08.1969

OST-KONTAKTEBillett verweigert

Letzten April startete der Kölner Fernseh-Reporter Ernst Ludwig Freisewinkel nach Moskau: Dort, so war es mit den Sowjets "per Handschlag vereinbart" (Freisewinkel), sollte er den Transsibirien-Expreß besteigen und mit der Farbkamera die längste Bahnstrecke der Welt bereisen.
Aber als "da plötzlich an der Grenze das Theater mit den Chinesen anfing", verweigerten ihm die Russen das Billett; statt dessen durfte Freisewinkel nur zehn russische Clowns und Artisten (darunter Oleg Popow) beim harmlosen Jux in der Kreml-Metropole filmen.
Selbst in die fertig montierte bunte Illustrierte vom Frohsinn an der Moskwa -- sie wird an diesem Montag 21.00 Uhr vom WDR unter dem Titel "Stepan Stepanowitsch dreht einen Film" ausgestrahlt -- griffen die Sowjets noch einmal ein: Eigens ins Kölner Funkhaus entsandte Gutachter beanstandeten die Sequenz, in der Clowns vor dem Lenin-Mausoleum Ulk treiben. Freisewinkel schnitt die Szene aus dem Film.
Die Kalamitäten der Kölner sind symptomatisch, die Ost-Kontakte der westdeutschen Fernsehanstalten gestört: Die Moskauer Agentur Nowosti, Pflicht-Vertragspartner aller ausländischen Filmer, erteilt, beschränkt und vereitelt Drehgenehmigungen scheinbar willkürlich.
1966 durfte der WDR-Reporter Olrik Breckoff noch mit zwei VW-Bussen und 400 Kilogramm Photo-Ausrüstung die Strecke zwischen Riga und Irkutsk abfahren und unzensiertes Material für vier TV-"Ansichten aus der Sowjet-Union" mit nach Hause nehmen,
Breckoffs Bilderbogen erregte bei den Sowjets Anstoß, Nowosti sicherte sich deshalb für die Zukunft ab: Neben hohen Lizenzgebühren (rund 20 000 Mark für eine halbstündige Reportage) und einem staatlichen Aufpasser setzte die Agentur jedenfalls in WDR-Verträgen ein Mitspracherecht bei der Filmabnahme durch.
"Da haben wir viel bessere Erfahrungen". sagt der Chefredakteur beim Hessischen Rundfunk, Wolf Hanke, Für die Frankfurter hatte der Reporter Kurt Morneweg im Frühjahr 1967 neun Wochen lang Operationssäle, Dorfkrankenhäuser und Affenzuchtstationen in der UdSSR inspiziert und auf 8000 Meter Farbfilm die "Medizin in der Sowjet-Union" gerühmt.
Seine zweiteilige Folge -- Kosten: mehr als 500 000 Mark -- wurde von den Russen gelobt; die Hessen revanchierten sich: In ihrem Sender-Bulletin schwärmten sie von der "völlig unbürokratischen" Agentur Nowosti und der "hübschen Mittzwanzigerin mit dem überdurchschnittlichen Allgemeinwissen", die Morneweg begleitet hatte.
Das gefiel den Sowjets so gut, daß sie Morneweg nun abermals durch den Eisernen Vorhang lassen: "Ohne einen Pfennig Lizenzgebühr und ohne Vor- oder Nachzensur" will der Reporter diesmal das sowjetische Bildungswesen filmen. Chefredakteur Hanke über Nowostis Goodwill: "Wir Frankfurter haben Glück; der WDR miß Rücksichten nehmen, weil er in Moskau einen Korrespondenten sitzen hat."
Dieser Kölner Korrespondent Lothar Loewe, der seit 1967 für die ARD aus dem Kreml berichtet, wird von seinen Gastgebern mal hofiert, mal attackiert: 1987 spielten sie ihm eine -- als sensationell empfundene -- Farbreportage über die Ausrüstung der Roten Armee zu; doch als Jürgen Rühle, Leiter der "Ost-West"-Redaktion in Köln, die sowjetischen Waffen von hohen Nato-Offizieren entschlüsseln ließ und in Wort und Bild mit dem USA-Arsenal verglich, drohten die Sowjets" den Korrespondenten Loewe auszuweisen.
Loewe blieb und konnte im vergangenen März dem WDR als erstem TV-Sender der westlichen Welt den sowjetischen Dokumentarfilm von den Ussuri-Schießereien mit den Chinesen übermitteln.
Andere Ostblockländer haben die Kreml-Taktik mit westdeutschen Fernseh-Teams weitgehend kopiert. So wollen die Polen den WDR nur dann Städtebilder von Krakau, War-schau und Danzig aufnehmen lassen, wenn sich die Kölner an vorgeschriebene Drehbücher polnischer Autoren halten. Die Ungarn stellen noch Nowosti-Vorbild jedem ausländischen Team einen staatlichen Kontrolleur bei, und auch die Tschechoslowaken haben die Grenze wieder dichtgemacht -- eine Rarität freilich ließen sie noch passieren:
Anfang dieses Jahres durfte der Slowaken-Spezialist Wolfgang Yenohr in Preßburg erstmals jene Filme einsehen, auf denen der Aufstand der slowakischen Nationalisten gegen die Hitler-Besatzer und ihre Kollaborateure festgehalten ist -- jenes Filmmaterial, das der Alt-Stalinist Novotny auf Stalins Geheiß jahrelang unterdrückt hatte, weil es die schwache Rolle der Roten Armee in dieser nationalen Freiheitsbewegung dokumentiert. Yenohrs Bericht vom "Aufstand in der Tatra 1944" (mit Husák, Dubcek, Svoboda, Smrkovsky und Oberst Vesel als frühe Nationalhelden) sendet der WDR am Freitag dieser Woche um 20.15 Uhr.
Solches Entgegenkommen ist von der DDR längst nicht mehr zu erwarten: Pankow verhängte bereits 1965 eine totale Einreisesperre für westdeutsche Kameraleute. Nun verschaffen sich die bundesrepublikanischen DDR-Berichterstatter ihr Material auf Umwegen. In Hamburg (ARD) und West-Berlin (ZDF) nehmen sie das DDR-TV-Programm mit teuren Spezialgeräten auf und kaufen mitunter von DDR-Touristen Amateurfilme an.
Nun soll auf Pankower Geheiß auch die ergiebigste Quelle austrocknen -- der Erwerb ausländischer Produktionen über die DDR. Dänische und belgische Teams mußten jüngst in Ost-Berlin die Klausel unterschreiben: "Der Verkauf der Filme nach Westdeutschland ist verboten."

DER SPIEGEL 35/1969
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