25.08.1969

FernsehenDIESE WOCHE

"Hokuspokus", schimpfte vor vier Jahren der Böll-Verleger Joseph Caspar Witsch und prophezeite dem Böll-Verfilmer Straub -- zutreffend -- "Gelächter des Publikums". Einheimische Kritiker rügten "Dilettantismus", und selbst das New Yorker Fachblatt "Variety" radebrechte auf deutsch: "Nicht Versohnt ist nicht guht."
Sie haben sich alle getäuscht. Straubs zweiter Spielfilm, 1965 nach dem Bestseller "Billard um halbzehn" entstanden und auch von Autor Böll verdammt, erscheint in Wahrheit als angemessene Möglichkeit, diesen von inneren Monologen zerklüfteten Zeit-Roman ins Film-Bild zu setzen.
Denn Straub folgte dem Autor bei den Dialogen aufs Wort und gab auch der Facetten-Struktur des Buches nach: In langen, durch Zeitsprünge isolierten Unterhaltungen rekonstruiert er das Familien-Bild einer Kölner Baumeister-Dynastie und setzt es unter ein Brecht-Motto: "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht.
Gewalt übte der Architektensohn Robert Fähmel (Henning Harmssen, Photo) als Schüler heim Attentat auf einen Nazi-Lehrer und als Soldat bei der Not-Sprengung ausgerechnet jener Abtei, deren Bauweise seinen Vater berühmt gemacht hatte, Gewalt erleidet Fähmels Freund Schrella von den Faschisten -- vor und nach dem Kriege. Mit Gewalt befreit sich schließlich Fähmels Großmutter von einem bornierten Alt-Nazi: Sie schießt ihn nieder.
Diese Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit hat Straub ausschließlich Laien überlassen. Sie bewegen sich linkisch. reden ausdrucksarm und oft unverständlich vor der fast starren Kamera und identifizieren sich nicht mit ihren Rollen. So hält Straub zum Mißvergnügen aller Verfechter eines konventionellen Erzähl-Kinos auch die Emotionen des Publikums auf Distanz und zwingt die Betrachter zu genauerem Hinhören und kritischem Sehen.
Die ARD-Filmredaktion zeigt "Nicht versöhnt" zusammen mit Straubs erstem Kurzfilm _Machorka Muff" (nach einer Militär-Satire von Heinrich Böll) als "Wiedergutmachung an einem vielfach verkannten Regisseur.
Bilder erstarren und Bewegungen werden in Zeitlupe gedehnt; bewegte Handkamera-Sequenzen wechseln mit statischen Einstellungen; ständig verändern sich Farbwerte und Perspektiven: Der slowakische Regisseur Barabás, 45 (Photo), der mit Doppelkopierungen, Kolorfiltern und am Trickpult arbeitet, ist ein Meister moderner TV-Technik und einer ausgeklügelten Fernsehdramaturgie.
Nachdem die ARD im April dieses Jahres die synchronisierte Fassung des in Prag gedrehten Barabas-Films "Die Sanfte" nach Dostojewski gesendet hat, bringt der NDR nun die zweite Dostojewski-Adaption des im letzten Jahr emigrierten Regisseurs als deutsches Produktions-Debüt.
In der kunstvoll zergliederten Novellen-Partitur, in raffiniert geschnittenen Bildfolgen und Off-Monologen der Darsteller, die sich zu fiktiven Zwiegesprächen steigern, werden die seelischen Spannungen, die bigotte Moral und der morbide Humor von Dostojewskis "Ewigem Gatten" (1870) zu einem so Barabas -- "inneren Krieg zwischen Wollust und Qual":
Neun Jahre nach dem Tod seiner Frau entdeckt Trusockij, daß er in seiner Ehe immer nur der ungeliebte Hahnrei war. Mit vielen Männern hat ihn Natalja betrogen -- wenigstens an einem will er sich rächen. Doch der Rasiermesser-Anschlag auf den einstigen Nebenbuhler schlägt fehl. Am Ende eines abgründigen psychischen Duclis hat der betrogene Trusockij wieder geheiratet; der Günstling Nataljas sucht eine neue Liaison. "Dies alles", kommentiert Barabas, "schien mir für einen Fernsehfilm besonders geeignet. Denn die Figuren Dostojewskis verlangen Anteilnahme und Urteil -- oder wenigstens Zeugen."
Der Amerikaner Stanley Kubrick ist ein guter Regisseur, das ist auch im Zweiten Deutschen Fernsehen bekannt. So kauften die Mainzer vor zwei Jahren jenen berühmten Weltkrieg-I-Film, den Kubrick 1957 nach dem Roman "Wege zum Ruhm" seines Landsmannes Humphrey Cobb gedreht hatte -- und dies sehr zum Ärger der Franzosen.
Denn die Story geht so: Die Hälfte des 73. französischen Linienregiments ist bei einem selbstmörderischen Angriff des Generals Cadou auf deutsche Stellungen verblutet. Um die Kampfmoral der Truppe zu retten, will der General drei willkürlich ausgewählte Poilus wegen "Feigheit vor dem Feind" erschießen lassen.
Eine spannende Story" und dennoch wurde der Kubrick-Film vom ZDF bis heute nicht gezeigt. Statt dessen kommt nun dieselbe Geschichte, vom deutschen Autor Traugott Krischke bieder aufbereitet, ins Programm -- mit vielen deutschen Darstellern, die dem deutschen Fernsehen seit langem teuer sind: Hans Caninenberg (Photo, links) zuckt markig mit der Backenmuskulatur, in Wolfgang Büttners Augen (Photo, M.) lodert der feurige Büttner-Blick, auch Hannes Messemer ist im Franzosenrock unverkennbar Hannes Messemer (Photo, r.). Und sie reden wie im Kammerspiel, fern von der Front und der Wirklichkeit, und die Bühne ist sauber gefegt.
Kurz, der "Bericht einer Offensive" ist wieder einmal ein deutsches Trauerspiel, und zwar eines mit doppelter Pointe: Als die Fernsehspiel-Redaktion ihren Krischke kaufte, wußte sie nicht, daß der gleiche Stoff, von Kubrick inszeniert, mittlerweile im ZDF-Filmarchiv verstaubt.
Nachdem Dänemarks Parlament, das Folketing, die Abschaffung der Zensur für pornographische Bilder, Filme und Magazine beschlossen hatte, reiste der ZDF-Redakteur Berg (Photo) nach Kopenhagen, um zu erfahren, wie die "brave kleine Monarchie" mit so viel Libertinage fertig wird.
Er interviewte Kleriker, Politiker und Porno-Händler, nahm eine Parlamentsdebatte auf, filmte im Nuditäten-Shop und beobachtete eine Sex-Party des Kopenhagener "Club intim". Und überall erklärten ihm die Befragten: "Pornographie ist in Dänemark keine Gefahr."
Ein Zuchthausdirektor lobt sogar den "Ventileffekt" pornographischer Lektüre bei seinen Gefangenen; ein Kriminologe behauptet: Seit der Aufhebung der Zensur sanken die Sexualstraftaten um 25 Prozent. Nur ein kleiner Verein christlicher junger Männer eifert vor Bergs Kamera gegen die "Schweinereien", und eine konservative Abgeordnete fürchtet eine Steigerung der Perversion.
Die frivolen Photos aus dem Norden jedoch, entschied der ZDF-Chefredakteur Wolf Dietrich, "sind nichts für unser Fernsehprogramm". Zwar hatte er einer TV-Reportage über die "Pornokratie Dänemark" zunächst freundlich zugestimmt, doch als der Reporter Berg seinen diskret illustrierten 60-Minuten-Film vorführte, empfand Dietrich die Dokumentation als "zu frei".
Autor Berg ("Ich bin ja kein destruktiver Typ") mußte eine Sex-Debatte im Folketing sowie Sequenzen aus einem Kopenhagener Porno-Studio aus seinem Film herausschneiden. Und selbst die Vorspann-Montage, in der ein nacktes Paar -- zwei Sekunden lang und winzig klein -- durchs Bild huscht, wurde nach einer Testvorstellung für rund 40 ZDF-Angestellte gegen deren Votum gekürzt. Bis zu diesem Beschluß hatte sich Chefredakteur Dietrich den mittlerweile auf 47 Minuten beschnittenen Film fünfmal angesehen.

DER SPIEGEL 35/1969
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