25.08.1969

MEDIZIN / HERZVERPFLANZUNGENSinnbild am Rande

Ein Jahr, sieben Monate und 15 Tage lebte der Südafrikaner Philip Blaiberg ein zweites, die Zweifler am medizinischen Fortschritt sagen: ein geborgtes Leben. Das Herz, das ihm am 2. Januar 1968 eingepflanzt worden war, hatte zuvor schon 24 Jahre lang in der Brust des farbigen Textilarbeiters Clive Haupt geschlagen.
Daß der bullige Zahnarzt aus Kapstadt die Operation als einer der ersten und so lange überstand, machte ihn zur medizinhistorischen Figur -- vielleicht gar zur Symbolgestalt eines Menschheitstraums: Rebellion gegen den Tod.
Aber als der bekannteste Herzpatient der Welt am Montag letzter Woche beerdigt wurde, meldeten die Gegner solcher Operationen sich wieder zu Wort. "Wenig Sinn" habe es nun vorerst, sagte der Hamburger Kreislaufspezialist Professor Ernst Gadermann, weitere Herzen zu verpflanzen. Dieses "im Grunde unheimliche Unternehmen", kommentierte die "Welt", müsse zunächst im Labor neu vorbereitet werden.
"Wurde ich als Monstrum betrachtet", so hatte Patient Blaiberg selber in seinem 184-Seiten-Memoirenband sinniert, "als Professor Barnards Versuchskaninchen "oder einfach als ein Mitmensch, der das Glück gehabt hat, durch die medizinische Wissenschaft vom Rande des Todes weggerissen zu werden?" Er entschied sich: Ein "Sinnbild der Hoffnung für Herzkranke" sei er geworden.
Und ganz ähnlich hatte es zum Beispiel auch der Gießener Chirurg Professor Karl Vossschulte verstanden: "Der Kampf um die Erhaltung des Lebens", so formulierte er in einem Kommentar zum Thema Herzverpflanzungen, dürfe "nicht an der Zahl der Niederlagen gemessen werden", sondern nur am "potentiellen Erfolg".
Als Erfolg werten es die Ärzte beispielsweise, wenn sie bei schweren Geisteskrankheiten mit Medikamenten die Symptome dämpfen, wenn sie einen Unfallverletzten so weit wiederherstellen, daß er gelähmt oder schwerversehrt nur weiterlebt, wenn sie einem hoffnungslos Krebskranken durch operativen Eingriff, ohne Aussicht auf Heilung, die Schmerzen lindern. All das ist unumstrittene ärztliche Routine. Gemessen daran sind die gewonnenen eineinhalb Jahre des Patienten Blaiberg eine Rechtfertigung für weitere Herztransplantationen.
Die Illusion, seine Pioniertat könne wirkliche Heilung bringen, erklärte letzte Woche Professor Christiaan Barnard, habe er weder seinen Patienten noch der Welt je vermittelt, Daß seine beispielgebende Tat, unabhängig von Erfolg oder Mißerfolg im Einzelfall, die medizinische Wissen-
* Oben: Bei Blaibergs Beerdigung. Unten: Bei seinem ersten Badeausflug nach der Operation.
schaft -- auf dem gesamten Gebiet der Organverpflanzung und der körpereigenen Abwehr gegen fremdes Gewebe -- beträchtlich vorangebracht hat, steht schon jetzt außer Zweifel.
Mit 14 Jahren hatte Blaiberg den ersten Herzanfall erlitten, mit 45 einen Herzinfarkt, der ihn zum Invaliden machte. Er lag im Sterben, von Schmerzen und Atemnot gequält" als ihm Barnard -- zwölf Tage nach dem Tod des ersten Herzempfängers Louis Washkansky -- das Ersatzorgan anbot.
"Das Herz ist eine Pumpe", und ihm sei sie ersetzt worden, "wie man das schadhafte Teil eines Automobils auswechselt", so unpathetisch hatte Herzempfänger Blaiberg seinen eigenen Fall von Anfang an betrachtet. Damals, als Eiferer wie Nobelpreisträger Werner Forßmann die Operationen Barnards noch in die Nähe von Frevel und Verbrechen rückten, wirkten solche Worte eher schnoddrig. Aber der Zahnarzt mit der Austauschpumpe wurde dann doch zum besten Public-Relations-Mann für die Sache der Herzverpflanzer.
Stets fand der schnurrpfeifige Ex-Sanitäter in der Klubjacke mit dem Wappen der Londoner Königlichen Zahnklinik effektvolle Sentenzen: "Es war mein Mount Everest" (als er die unterste Stufe eines Trainingspodests zum erstenmal erklommen hatte), "wunderbar verseuchte Luft" (als er nach 74 Tagen aus der klimatisierten, sterilisierten Krankenstation ins Freie kam). Und er teilte der Welt auch mit, daß er am 20. Tag nach seiner Entlassung -- an seinem 32. Hochzeitstag -- erstmals wieder mit seiner Frau geschlafen habe.
Daß sich mit einem Zweitherzen. wenn es denn schon Furore machte; auch Geld verdienen ließ, wußte er zu nutzen -- er sorgte so für eine Familie, mitunter auch für den Kapstädter Herzforschungs-Fonds und die Witwe seines Herzspenders.
Reporter, wenn sie nur die ärztlich verordnete Drei-Meter-Distanz (zum Schutz gegen Infektionen) einhielten, durften ihn beim Schwimmen, Autofahren und Memoirenschreiben knipsen und befragen. 1000 Dollar kosteten schließlich je 500 Blaiberg-Interview-Worte: soviel wie Ernest Hemingway in seinen besten Zeiten für Geschriebenes fordern konnte.
Aber stellvertretend für die inzwischen namenlosen Herzempfänger, die nach ihm kamen, tauchte Blaibergs Name jedesmal auch in den Nachrichten auf, wenn es schlecht um ihn stand. Mehrmals noch leisteten die Ärzte an diesem einzigartigen Patienten Pionierarbeit.
Sie bekämpften, im Juni letzten Jahres, erfolgreich eine lebensbedrohende Leberentzündung (die schon bei einem sonst gesunden Patienten schwer zu behandeln ist). Sie meisterten, einen Monat danach, eine schwere Abstoßungskrise (mit einem in München entwickelten Anti-Lymphozyten-Serum). Und sie konnten auch bei der nächsten Krise im Mai dieses Jahres (obwohl der Patient gegen das Serum inzwischen allergisch war) die Lebensfrist noch einmal verlängern.
In welchem Ausmaß die Suche nach einem weniger anfälligen Herz-Ersatz durch die Kapstädter Ersttat angeregt wurde, machen zahlreiche Forschungsberichte deutlich. Noch während Blaiberg lebte, wurde (in den USA) einem Herzpatienten versuchsweise ein mechanisches Hilfsherz eingepflanzt, einem zweiten ein tierisches Herz. Jüngst kündigten amerikanische Forscher an, demnächst würden komplette Kunstherzen serienweise an Tieren erprobt werden können.
Die Operation, die dem Zahnarzt Blaiberg eineinhalb Jahre Aufschub brachte, ist inzwischen 138mal an anderen Todkranken wiederholt worden. 33 der Herzempfänger sind noch am Leben. Einer von ihnen, der französische Dominikaner-Pater Jean-Marie Boulogne, 58, überlebte die Operation nun fast schon so lange wie Philip Blaiberg: 15 Monate.

DER SPIEGEL 35/1969
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