25.08.1969

LUDWIG MIES VAN DER ROHE

Mit 72, elf Jahre vor seinem Tod, sollte er sein Examen nachholen -- Amerikas Bürokraten wollten es so.
Das Bauwerk, das ihm später den größten Ruhm einbrachte -- der Verwaltungsbau für die Whisky-Firma "Seagram" in Manhattan -, war beinahe vollendet, da entdeckten die Behörden, daß der Entwerfer im Staate New York als Architekt nicht zugelassen werden dürfe: Der Mann konnte nicht einmal ein Oberschulzeugnis vorweisen.
Auch in seiner Geburtsstadt Aachen hätte der Volksschüler nach derzeit geltenden bundesdeutschen Gesetzen nie das Recht gehabt, sich Architekt zu nennen: Der "Architekt des Jahrhunderts" (so der West-Berliner Kunst-Professor Karl Otto) hat nie Architektur studiert; er hat das Bauen nie an Bildungsstätten" sondern nur auf Baustellen gelernt. Seine einzige Ausbildung empfing der Steinmetz-Sohn um 1910 im Büro des Berliner Maler-Architekten Peter Behrens (wo damals auch Le Corbusier und Walter Gropius arbeiteten).
Und doch hat er das Bild der Metropolen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts beeinflußt wie kein anderer Architekt. Als "Meister des Stahlskelettbaus" wurde er gerühmt wie als "Meister des Details", als "Beherrscher von Stahl und Glas" wie als "Bewahrer klassischer Proportionen" -und er hat, im Wortsinn" Schule gemacht: Vulgäre Nachahmungen der Mies-Architektur wuchsen in allen Großstädten der Welt, kubische Käfige aus Glas und Metall.
Mit einer Villa in Babelsberg und Wohnhäusern am Wedding, mit einer Wohnsiedlung in Stuttgart ("Weißenhof-Siedlung") und dem deutschen Pavillon für eine Weltausstellung in Barcelona hatte er in den zwanziger Jahren begonnen. Aber als er 1933 das progressive "Bauhaus" (dem er drei Jahre lang vorgestanden hatte) auseinandergehen ließ, war sein revolutionäres Bau-Konzept noch immer nur Vision.
Entwickelt hatte er sie schon vor dem Ersten Weltkrieg: die Idee vom "auf fast nichts reduzierten Gebäude" -- fast körperlos anmutende, gläserne Fassaden, eingehängt in ein auf das statische Minimum beschränktes Stahlskelett. Realisieren konnte er das Konzept erst als 60jähriger: in Amerika, dem Land, das für ihn und für das er gemacht war.
Als freier Architekt war er 1937 in die Vereinigten Staaten emigriert. Ein Jahr später wurde er Leiter der Architektur-Abteilung am renommierten Illinois Institute of Technology; er blieb es zwanzig Jahre lang. Doch auch das Land, in dem er Weitgeltung erlangte, nahm mitunter Anstoß an seiner Person und seinem Werk.
Eine finstere Gruppe von "Internationalisten" (gemeint waren die Bauhaus-Emigranten), argwöhnte die konservative Hearst-Zeitung "House Beautiful"" wolle den Amerikanern eine abstoßende Architektur aufzwingen -- gesteuert von kommunistischen Hintermännern. Und als dann Ende der fünfziger Jahre Beamte des State Department herausfanden, daß Mies 1926 in Berlin tatsächlich ein Mahnmal für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg entworfen hatte, zögerten sie mit dem Auftrag für das US-Konsulat in Sao Paulo (er baute es dann doch).
Aber da standen schon (seit 1951) die 26 Stockwerke hohen Apartment-Türme am Lake Shore Drive in Chicago, mit Blick auf den Michigan-See, standen (seit 1958) die 38 Geschosse des Seagram-Building in New York, mit bronzefarbenem Fassadenraster und graurosa getöntem Glas. "Der Stahl", so umschrieb es Mies, "Ist der Knochen, das Glas die flimmernde Haut über dem Skelett."
Ein Jahr vor seinem Tode wurde sein einziges Werk im Nachkriegsdeutschland vollendet: die neue Nationalgalerie in West-Berlin,
Bei der Grundsteinlegung hatte Mies so wenige Worte gemacht wie stets. "Ihr Entwurf", sagte ihm der Berliner Bau-Professor Werner Düttmann, "erinnert sehr an Ihr Verwaltungsgebäude für Bacardi in Kuba." Mies, der die Funktion eines Gebäudes stets souverän mißachtet hat: "Ich denke nicht daran, jeden Montagmorgen eine neue Architektur zu erfinden."
So karg" fast knurrig, war er auch privat, wenn er, frühestens gegen zwei Uhr nachmittags, mit Martini-Cocktails und Zigarren seinen Arbeitstag begann: zwischen Leder- und Chromstahlsesseln, wie er sie 1929 für die Weltausstellung in Barcelona entworfen hatte, vor einer Sammlung von Paul-Klee-Bildern an weißen Wänden, zuletzt an Krücken, durch eine Arthritis halb gelähmt -- in einer Fünf-Zimmer-Suite im dritten Stock eines altmodischen Apartmenthauses im Norden Chicagos.
In einem eigenen, von ihm selbst entworfenen Haus hat er nie gewohnt.

DER SPIEGEL 35/1969
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