25.08.1969

Karl Steinbuch über Gerhard Stoltenberg: Staat und Wissenschaft“WER SICH SOWENIG BEMÜHT ...

Professor Karl Steinbuch. 52, Ist Direktor des Instituts für Nachrichtenverarbeitung und Nachrichtenübertragung an der Universität Karlsruhe und Autor des Bestsellers „Die informierte Gesellschaft“.
Wenn der Bundesminister für wissenschaftliche Forschung zum Thema "Staat und Wissenschaft" schreibt, dann erwarten wir vor allem seine Ansicht zu den Problemen
* Technologische Lücke und
* Unruhe der Studenten.
Wir erfahren hier einiges Erfreuliche, so vom Auftrag an deutsche Firmen zur Lieferung eines Kernkraftwerkes nach Südamerika. Daß die europäischen Gemeinschaftsvorhaben für Weltraumfahrt und Atomforschung wenig Fortune haben, ist bekannt. Daß die Rechenzentren in der Bundesrepublik unzureichend sind, läßt der Satz des Autors vermuten: "Der Rechenbedarf ... wächst in unerwartet starkem Maße." Obwohl eine einzige US-Firma für die Entwicklung ihres neuen Computersystems zwanzig Milliarden Mark aufgewandt hat, wird hier befriedigt vermerkt, daß die Mittel der Bundesregierung zur Förderung der Datenverarbeitung bis 1972 auf etwa 300 Millionen Mark jährlich ansteigen werden.
Wenig informativ sind die regelmäßig wiederkehrenden Feststellungen, wie rasch in der Bundesrepublik die Ausgaben für Bildung und für Forschung gestiegen sind. Wir sollten nicht mit unseren eigenen Aufwendungen in früheren Jahren vergleichen, vielmehr mit den Aufwendungen unserer Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Wir stehen ja mit diesen in Wettbewerb, nicht aber mit unserer eigenen Vergangenheit.
Die zentrale Frage ist (nach Stoltenberg), "welche Opfer man der heute lebenden Generation zugunsten der kommenden auferlegen soll". Dies ist eine gute Frage, aber ebenso wichtig ist die andere: Welchen Anteil unseres Vermögens (personell und materiell) vertun wir zur Konservierung unzeitgemäßer Strukturen?
Wer die Realität unserer Universitäten erduldet und beispielsweise Jahr um Jahr Anträge (In zehnfacher Ausfertigung) auf Genehmigung einer Assistentenstelle schreibt und Jahr um Jahr weder Antwort noch Stelle bekommt, der hört mit Interesse die Formulierung "großzügiges Tutorenprogramm. Wer seit einem halben Jahr vergeblich versucht, dem ersten Habilitierten für Computerwissenschaft eine Planstelle zu verschaffen, der hofft nach Stoltenbergs Worten über die Datenverarbeitung nunmehr auf grundsätzlichen Wandel.
Die Studentenunruhen nehmen in Stoltenbergs Büchlein einen großen Raum ein. Aber er hat wenig Verständnis für Ihre Ursachen. Wenn er von "neuen gesellschaftspolitischen Einsichten" spricht und wenn er sagt, die Bildungspolitik könne "nicht einfach zur Dienerin ganz bestimmter gesellschaftspolitischer Zielsetzungen reduziert werden", dann kommt er den Problemen ziemlich nahe, aber die Konkretisierung dieser Andeutungen fehlt und besonders auch, was er unter "neuen gesellschaftspolitischen Einsichten" versteht.
Kann die Unruhe unter den Studenten überhaupt beendet werden, solange die Verantwortlichen ein solch geringes Verständnis ihrer Ursachen haben? Sicher gibt es hier nicht nur eine einzige Ursache, und wahrscheinlich liegen deren wichtigste nicht bei der Finanzierung und der Universitätsorganisation. Sollte man nicht auch andere Ursachen suchen, zum Beispiel welche psychische Wirkung die immobilen Machtstrukturen auf junge Menschen haben, ihre deprimierende soziale Stellung, ihre berufliche Unsicherheit, die Aushöhlung des demokratischen Prinzips etwa durch Meinungsmonopole, die Unzulänglichkeit mancher Repräsentanten unseres Staates?
Ist es fair, gegenüber den Studenten immer wieder den Vorwurf der Ideologie zu erheben, so, als ob die Prinzipien der etablierten Politik nicht ideologisch, sondern mit einer Nabelschnur dem absoluten Geist verbunden wären?
Stoltenberg hat recht, wenn er schreibt: "Der Hinweis auf steigenden Wohlstand und wissenschaftlichen Fortschritt befriedigt existentielle Fragen nicht," Seine Ansicht, daß die Radikalisierung nicht reformfördernd, sondern reformhemmend wirke, ist vordergründig zweifellos richtig. Man sollte aber nicht vergessen: Vor der Radikalisierung geschah sehr wenig, und nach Beendigung der Proteste wird die Bildungsreform vermutlich ausgehen wie das Hornberger Schießen.
Stoltenbergs Kritik an Herbert Marcuse geht nicht sehr tief: "Er und seine Anhänger versuchen nicht, die konkreten Probleme unserer sozialen und politischen Ordnung exakt zu analysieren, die schicksalhafte Frage, wie Freiheit, Individualität und Menschenwürde unter dem Vorzeichen immer komplizierterer sozialer Strukturen und wechselseitiger Abhängigkeiten zu bewahren sind, was wir tun müssen, um die Folgeprobleme eines immer schnelleren, fast autonom gewordenen wissenschaftlich-technischen Fortschritts rechtzeitig zu erkennen und zu meistern."
Gescheite Kritik an Marcuse findet sich beispielsweise bei Jürgen Habermas ("Antworten auf Herbert Marcuse", Suhrkamp).
Stoltenberg meint: "Die Isolierung der Radikalen nimmt zu. Ideologische Väter und publizistische Förderer, von Adorno bis Augstein, waschen ihre Hände in Unschuld und versichern, daß es so nicht gemeint gewesen sei."
Es spricht wenig dafür, daß die Isolierung der "Radikalen" zunimmt. Das bisherige Unverständnis der Verantwortlichen für die Probleme unserer Universitäten und die dilettantischen Reformversuche führten zu wachsender Solidarisierung der frustrierten akademischen Intelligenz, auch wenn in den politischen Zielen keine Einigkeit besteht. Und daß "Adorno bis Augstein" die Hände in Unschuld waschen, ist keine präzise Darstellung der Wirklichkeit.
Nach der Lektüre dieses Büchleins von Stoltenberg bin ich noch unruhiger als zuvor: Wie können wir jemals eine vernünftige und gewaltfreie Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme erhoffen, wenn die verantwortlichen Politiker sich so wenig bemühen, die Probleme einer unterdrückten Minorität zu verstehen?
Eine andere Frage ist: Müßte ein christlicher Politiker nicht darüber nachdenken, weshalb die Jugend revoltiert und schwere Nachteile auf sich nimmt?
Aber man kann ja auch die Bergpredigt nicht dauernd unter dem Arm tragen.

DER SPIEGEL 35/1969
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