25.08.1969

FILM / NEU IN DEUTSCHLANDViel zu alt

Wild in den Straßen (USA, Farbe). "Der Fortschritt ist nur eine Verwirklichung von Utopien", hat Oscar Wilde einst gesagt; doch dieses wahre Wort dementiert der bislang als Fernsehregisseur erfolgreiche Amerikaner Barry Shear in seinem ersten Kino-Film: Seine Utopie eines totalen Jugendstaates, made in USA, hat mit Fortschritt nichts zu tun und ist so reaktionär wie ein Wahl-Pamphlet der NPD.
Freilich viel raffinierter gemacht. Eine Halbzeit nämlich heuchelt Shear mit Pop und Pot, Beat und statistischen Daten ("52 Prozent aller Amerikaner sind unter 25") Verständnis für die rebellische Jugend seines Landes und führt sie auf der Leinwand zum Sieg:
Unter wilden Vandalen-Akten -- Stich in Mutters Polstermöbel, Bombe in Vaters Chrysler -- befreit sich Max Frost (Christopher Jones) vom Einfluß seines Middle-Class-Elternhauses; als 22jähriger Beat-Star ist er zum Multimillionär und Massenidol geworden, das seinen Einfluß politisch ausbeutet: Von Hippies, Black-Power-Kämpfern und Ostermarschierern der "Kennedy-Generation" unterstützt, agitiert Max erfolgreich für die Herabsetzung des Wahlalters ("14 oder es gibt Stunk"); mit 24 ist er Präsident der Vereinigten Staaten.
Im Schlußteil jedoch zeigt der Regisseur, was er von der Jugend wirklich hält -- überhaupt nichts. Der junge Präsident verfällt dem Machtrausch, engagiert eine Knüppelgarde in Schwarzhemden und macht -- "30 ist schlimmer als der Tod" -- Jagd auf die älteren Mitbürger: Wer über 35 ist, wird ins KZ verschleppt und "mit LSD vollgepumpt". In blauen Kutten tanzen die Häftlinge Ringelreihen zwischen Stacheldrähten.
Daß der Regisseur sein Handwerk als Satiriker beherrscht, spricht ihn vom Vorwurf der Unredlichkeit noch nicht frei: Statt die Schwächen der Demokratie anzugreifen und die Motive ihrer jugendlichen Kritiker zu berücksichtigen, verdammt er die Protest-Generation pauschal als pubertär und faschistisch.
Träge hofft er auch auf den heilenden Einfluß der Zeit: "24 ist auch schon viel zu alt", so läßt Shear eine Zehnjährige ironisch zum Präsidenten sprechen, und daraufhin bricht Max im letzten Bild kläglich zusammen.

DER SPIEGEL 35/1969
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