25.08.1969

FILM / WARHOLTon weg

Der Regisseur schickte sein Team -- "ich und ein Tonbandgerät" -- aus dem Studio und ließ seine Stars vor der surrenden Kamera allein.
35 Minuten später hatten eine Frau mit kleinen Brüsten und prallen Schenkeln sowie ihr muskulöser Partner Filmgeschichte gemacht. Denn erstmals seit Bestehen des Kommerz-Kinos war für die Vorführung in aller Öffentlichkeit ein Beischlaf nicht vorgetäuscht, sondern wirklich aufgenommen worden. Titel des Werks: "Blue Movie" (etwa: Schmutziger Film).
Das Liebesspiel, ("The New York Times" "In gewissem Sinne ein Kunstwerk), das schon eine Woche nach seiner Uraufführung im New Yorker "Garrick Theater" die fünffachen Herstellungskosten (12 000 Mark) eingespielt hatte, stammt von einem prominenten Autor:
Der Pop-Maler und Underground-Regisseur Andy Warhol, 39, hat das 105-Minuten-Stück in drei Stunden gedreht -- als "Film über den Vietnamkrieg und was wir in dieser Angelegenheit tun können". Hauptrequisit: ein großes Bett.
Darauf sitzen, liegen, rollen und debattieren die beiden von Warhol so genannten "Superstars" Viva (Zuname unbekannt) und Louis Waldon. Sie debattieren über Vietnam und die hohen Steuern, "die man zahlt, um sich selbst vernichtet zu sehen".
"Warum bist du nie festgenommen worden?" fragt Waldon vor der meist starren Kamera. und Viva berichtet: "Ich bin mit der Polizei großgeworden. Mein Vater leitete eine Polizeistation und behandelte die Polizisten wie Sklaven. Behandle die Polizisten wie Sklaven, und sie benehmen sich wie Sklaven." Doch dann bleibt der Ton weg, die Disputanten finden sich im Liebesakt, und das ist "mehr Akt als Liebe" (Fachblatt "Variety").
Denn "Warhol", so urteilt das Blatt. "bringt es fertig, den Geschlechtsverkehr mechanisiert und, Betrachter mit klinischem Interesse ausgenommen, langweilig erscheinen zu lassen," Aber das ist bei Warhol wirklich nichts Neues. "Ich möchte eine Maschine sein, weil man doch immer wieder dasselbe tut", so hatte er einst geäußert -- rund 160 Filme, in denen er unter anderem das Empire State Building 24 Stunden lang mit unbewegter Kamera gefilmt hatte. belegen die Fähigkeit des Pop-Artisten, Alltägliches als Kunst und Ungewöhnliches als banal zu begreifen.
Warhols banaler Sex-Akt erschien zumindest den im Dialog kritisierten Polizisten anstößig genug, um mit einem Rollkommando ins Kino einzufallen: Im "Garrick Theater", das Andy Warhol gehört. beschlagnahmten sie "Blue Movie" und nahmen Theater-Manager, Vorführer und Kassiererin vorläufig fest -- zum Verhör in die Polizeistation.
Die Chancen der Gerichtsverhandlung am 24. September jedoch beurteilt die "New York Times" als durchaus günstig: "In einer Gesellschaft, in der Geschmacklosigkeit und Vulgarität zu den unabdingbaren Rechten gehören. könnte es sehr wohl verfassungswidrig sein, Erwachsenen den Umgang mit obszönen Dingen zu verbieten."

DER SPIEGEL 35/1969
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