25.08.1969

BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLANDVertrackte Akustik

James Leigh: „Delilah“. Ullstein; 288 Seiten; 18 Mark.
"Wenn mich dieses dumme Luder von einer Sexmaschine in die Ecke treibt, garantiere ich dir, daß ich sie v ..., bis ihr Hören und Sehen vergeht." Also spricht, mit verschämten Pünktchen in der Rede, der Junggeselle Hardy Brewster, USA.
Sein Mündel Delilah, 14, ("hat sich viel zu rasch entwickelt und führt sich auf wie eine Nutte") bedrängt ihren Erziehungsbevollmächtigten teils kindlich und teils ausgekocht denn auch so lange, bis der sie wirklich v ...
Der begehrliche Teen ist danach freilich nicht befriedigt: "Ich bringe dich schon noch dazu, mich zu lieben", droht sie dem unfreiwilligen Verführer und meint damit: zu heiraten. Doch das mißlingt. Selbst als Delilah ihren Ziehvater vor Gericht schleppt, bleibt der hart: Brewster zieht die Haft der Ehe vor.
Der Amerikaner James Leigh, 39, hat sich für seine Lolita-Version, in der er (so der Verlag, der das wohl gar für eine Leistung hält) "auf Nabokovs intellektuelle Psychologie verzichtet", einen dezenten Verhüllungs-Trick einfallen lassen: Um dem Leser peinliche Beobachtungen zu ersparen, macht er den altgedienten Hollywooder Butler-Darsteller H. Victor Ramsey zum Nur-Ohrenzeugen des lockeren Vormund-Mündel-Miteinanders, in dem die beiden leben "wie Mann und Frau".
Obschon "ein wahres Muster von Ehrenhaftigkeit, Würde und unerschütterlicher Rechtschaffenheit", zeigt sich Ramsey über das gesetzwidrige Treiben jedoch keineswegs indigniert. Er schreibt vielmehr -- gewissenhaft und nicht ohne eine Spur von Mitgefühl -- nieder, was er mit Hilfe einer vertrackten Akustik über die Affäre des ungleichen Pärchens erfahren hat.
Damit erweist er (und Autor Leigh) sich als ein pointierter Erzähler mit Vorliebe für sentenziöse Aussprüche und fast philosophische Erkenntnisse: "Ach was", so stellt er etwa fest, "Frauen sind Frauen! Das ist doch das Beste an ihnen."

DER SPIEGEL 35/1969
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