25.08.1969

FORSCHUNG / PSYCHOLOGIETötende Gesinnung

Der Mann sei ein Kain, "ein Verbrecher mit einer unstillbar tötenden Gesinnung" -- gutachtete am 1. April 1961 der in Zürich lebende Psychotherapeut Leopold Szondi über eine ihm unbekannte Testperson. Erst nach über einem Jahr erfuhr der Psychologe: Kain war Adolf Eichmann.
Die "tötende Gesinnung", die er bei Eichmann diagnostiziert hat, versucht der Tiefenpsychologe seit Jahrzehnten in Familienstammbäumen, Krankengeschichten und Kriminalakten aufzudecken: den "kainitischen Urtrieb" der Menschen zum "Brudermord". Kain und Abel betrachtet Szondi nicht als mythische oder historische Figuren, sondern als "Symbole für menschliche Schicksale, die ein jeder von uns unter Umständen zu tragen gezwungen werden könnte".
Der 76jährige Erbforscher und Tiefenpsychologe entstammt einer jüdisch-strenggläubigen Schuhmacherfamilie. Von 1927 bis 1941 lehrte er an der Hochschule für Hellpädagogik in Budapest Psychopathologie. Während des Krieges wurde er in das, Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt. Zusammen mit etwa 1800 jüdischen Intellektuellen wurde ihm 1944 in einem Tauschhandel gegen Dollars und Lastwagen die Ausreise in die Schweiz erlaubt.
Bereits in den dreißiger Jahren hatte Szondi seine "schicksalspsychologische" Grundthese entwickelt: Jede menschliche Triebkonstellation ist erblich bedingt. Jeder Mensch unterliegt zunächst dem Schicksal seiner ererbten Triebe und Affekte; er kann mit der Anlage zum Kain oder mit der Anlage zum Abel geboren werden.
Leopold Szondi: "Kain. Gestalten des Bösen". Verlag Hans Huber, Bern/Stuttgart! Wien; 188 Selten; 24 Mark.
Diese ursprünglichen Triebkonstellationen -- Szondi ermittelte acht dieser "Radikale" versucht er seit 1937 mit dem sogenannten Szondi-Test festzustellen. Bei diesem Test werden der Versuchsperson 48 Porträtaufnahmen triebkranker Menschen vorgelegt. Aufgabe des Patienten ist es, jeweils zwölf der ihm sympathischsten und unsympathischsten abgebildeten Kranken auszuwählen. Aus dieser Selektion ermittelt der Tester das "Triebprofil"" die Triebstruktur des Probanden.
Aus seinen über 6000 Testserien leitet Szondi nun in seinem neuen Buch* die Behauptung ab, rund sechs Prozent der Menschheit seien mit der tötenden Gesinnung des echten Kainiten belastet und 14 Prozent lebten als "neurotische oder getarnte" Kain-Erben in der Gesellschaft.
Exemplarisch für den Bruderzwist in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts wie in der Weltgeschichte überhaupt ist, laut Szondi, die in vielen Varianten und Kommentaren überlieferte Bibelgeschichte von Kain, der seinen Bruder Abel erschlug.
In dem Brudermord offenbaren sich für Szondi symbolisch "jene gewaltigen Triebstrebungen", die seit eh und je für Streit und Gewalt, für Mord und Krieg verantwortlich sind:
* der Haß und der Neid auf den bevorzugten Bruder, den Mitmenschen;
* der Besitzdrang, das "Alles-haben-Wollen", auch das Eigentum des Mitmenschen;
* "der religiöse Streit" mit dem Mitmenschen um den wahren Glauben;
* die Eifersucht auf die sexuellen Bindungen des Mitmenschen. Freilich: Diese Affekte entlädt der Kainit -- wie der biblische Kain -- nicht sofort, sondern er staut sie auf. Dadurch erscheint er der Mitwelt zumeist als unauffällig, höflich, harmlos, als "stilles Wasser" (Szondi). Typisch dafür war, laut Szondi, Adolf Eichmann, der seine tötende Gesinnung im Hintergrund verbarg und sie erst "unter chaotischen Umständen -- politisch getarnt" als "Schreibtisch-Kain" offenbarte.
Die "kainitische Schicksalsform" kann aber auch in klinischen Symptomen zum Ausbruch kommen. Sie äußert sich dann, so meint Szondi, in Anfallskrankheiten wie Epilepsie, Asthma, Migräne, Stottern, Pyromanie, Allergien (Heuschnupfen), Perversionen, Religions-Ekstasen und einem unsteten Wandertrieb.
Aus der klinischen Diagnose und Beobachtung solcher kranker oder krimineller Kainiten entwickelte Szondi eine "schicksalsanalytische Therapie" gegen die tötende Gesinnung. In jedem Kain nämlich, so behauptet der Psychotherapeut, stecke auch ein Stück Abel. Gut und Böse sind für ihn nicht sich gegenseitig ausschließende Widersprüche, sondern sich "ergänzende, komplementäre Gegensätzlichkeiten", sie sind gleichsam zwei Seiten einer Medaille.
Der tötenden Gesinnung des Kainiten entspricht als Komplement die "gerechtsame Gesinnung" des Abeliten. Gelänge dem Psychotherapeuten, den dominanten Kaintrieb "umzudrehen", käme die gerechtsame Gesinnung zur Herrschaft.
Allerdings ist Szondi skeptisch: Diese "Umdrehung der Gesinnung" sei eine "fast übermenschliche Aufgabe", weil der Psychotherapeut "höhere Instanzen" im Patienten mobilisieren müsse -- Geist, Vernunft und Glaube. Doch selbst wenn die Therapie kranker oder krimineller Kainiten nicht gelingt, sind sie ungefährlich, weil isolierbar. Ausgesprochen gefährlich hingegen für die Menschheit seien die nicht identifizierten, getarnten Alltagskainiten.
Gerade diese Kainiten haben, so der Psychotherapeut, die "politischen, wirtschaftlichen, künstlerischen und höchsten wissenschaftlichen Positionen in der Gesellschaft" inne. Szondi: "Kain regiert die Welt."

DER SPIEGEL 35/1969
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