25.08.1969

KLEIDERORDNUNG

Die Journalisten waren ins Berliner ZDF-Studio gekommen, um von Heinrich Böll Feuilleton-Würdiges über die Fernsehfassung seiner Novelle "Nicht nur zur Weihnachtszeit" zu erfahren. Böll aber fand, man solle nicht über solch belanglose Dinge reden, sondern über Wichtigeres. Nämlich über die "kriminelle Berichterstattung" West-Berliner Zeitungen zu den Straßenschlachten zwischen Polizei und Apo.
Während am nächsten Morgen die "Berliner Morgenpost" über die Bäume im Studio schrieb ("garantiert echte Edeltanne"), verschwieg der SPD-nahe "Telegraf" nicht, daß Böll sich "zum Tenor mancher Berichterstattung" kritisch geäußert habe, und lobte sogar -- im Feuilleton -, hier werde "glücklicherweise" die Ansicht vom "Literaten im professionellen Elfenbeinturm" ad absurdum geführt.
In dieses Lob eingeschlossen waren die Schauspieler Gerd Baltus und Rolf Becker, die auf der ZDF-Pressekonferenz behaupteten, es sei "unmöglich, in der sogenannten freien Berliner Presse einen Bericht über Zustandekommen und Verlauf der Demonstration vom 1.8. unterzubringen, in dem sich die Meinung des Schreibenden unverfälscht und unter Berücksichtigung der ihm bekannten Tatsachen formuliert".
Diese Kleinmütigen zu beschämen beschloß noch am selben Tag die Redaktionskonferenz des "Telegraf". Die beiden Schauspieler sollten ihre Meinung im "Telegraf" veröffentlichen -- unzensiert und unverfälscht.
Kaum hatten Becker und Baltus ihren Beitrag durchgegeben, da definierte am Telephon der zuständige "Telegraf"-Redakteur Martin Schneider die in seinem Haus gehandhabte Liberalität: "Also was Sie da schreiben, über die Abhängigkeit der Journalisten, nee" bei uns nicht, wir sind hier durch und durch liberal; wenn ich das bringe, haut mir mein Chef den Artikel um die Ohren." Und im übrigen sei der Beitrag zu lang.
Baltus und Becker eilten zum "Telegraf", kürzten auf die verabredeten 75 Zeilen und erfuhren, daß der gekürzte Artikel von Chefredakteur Arno Scholz genehmigt sei.
Doch die Korrekturfahne, die die beiden Schauspieler eine Stunde vor Druckbeginn erhielten, zeigte, daß ihr Beitrag -- obwohl als "freie Meinungsäußerung" außerhalb der Verantwortung der Redaktion gekennzeichnet -- nach Art des Hauses behandelt war. So bearbeitete der "Telegraf" die unzensierte und völlig freie Meinungsäußerung der beiden Schauspieler; es wurde umgeschrieben, Unangenehmes in Anführungszeichen gesetzt und das Unangenehmste immer wieder gestrichen. Aus "offensichtlich" wurde das Gegenteil: "scheinbar", unvermittelt endete ein Satz: "daß einige Journalisten, die bisher noch "gutgläubig" im Sinne ihrer Herausgeber, im Sinne von Behörden und Senat berichtet haben, den Widerspruch sehen, ihn zuzugeben". Gestrichen war die Fortsetzung:
aber erleben, daß sie ihn nicht formulieren dürfen. Der Terror, auf den die Demonstranten hinweisen, wird erlebbar am Arbeitsplatz, auch in Redaktionen der freien Presse."
Baltus und Becker versuchten den "Telegraf"-Redakteuren begreiflich zu machen, daß durch diese Streichung genau das bewiesen werde, was gestrichen wurde, vergebens. Redakteur Schneider erklärte ihnen, er könne streichen, was er wolle. Die beiden Schauspieler -- so über die Wahrheit dessen, was sie geschrieben haben, belehrt -- zogen ihren verstümmelten Artikel zurück.
Später erfuhren sie: Sie waren völlig gleichberechtigt mit den übrigen "Telegraf"-Mitarbeitern und Redakteuren behandelt worden. Die politischen Redakteure Jörg Mettke und Klaus Mügge hatten unlängst mit der Begründung gekündigt, sie wollten sich nicht länger für "politische Nachrichtenmanipulierung im "Telegraf" hergeben". Beide Redakteure hatten immer wieder erleben müssen, daß auf den Seiten, für die sie verantwortlich waren, nachträglich und ohne ihre Kenntnis geändert und gestrichen wurde. Beschwerden wurden mit dem journalistischen Grundsatz beantwortet: "Es muß eine Kleiderordnung geben."
Chefredakteur Arno Scholz, Herausgeber der Broschüre "Freiheit des Wortes", über das "Stern -- Statut, nach dem kein Redakteur gezwungen werden darf, gegen seine Überzeugung zu schreiben: "Ist das wirklich etwas Besonderes? In vielen Zeitungen und Zeitschriften ist dies seit langen Jahren ein ungeschriebenes Gesetz."
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 35/1969
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