25.08.1969

PERSONALIENWilly Brandt, Kurt Georg Kiesinger, Edwin Aldrin, Anna Moffo, Charles de Gaulle, Abbé Drouot, Gustav Stoltenberg

Willy Brandt, 55, Außenminister, unterhielt auf einer Party Sowjetbotschafter Semjon Zarapkin, 63, mit politischen Witzen. SPD-Wahlmanager Hans-Jürgen Wischnewski hatte Parteigenossen und Diplomaten zur Einweihung seines neuen 150 000-Mark-Bungalows in Liblar bei Köln geladen. Beim "Kölschen Abend" im Neubau unterhielt sich Brandt mit dem Russen-Botschafter nur kurz über Wetter und Politik und erzählte dann gleich seinen Lieblingswitz: "Der amerikanische Präsident berichtet Sowjetpremier Kossygin, daß er einem rattengeplagten Entwicklungsland helfen konnte, indem er eine Roboter-Ratte schickte, die ins Meer wieselte und alle Ratten hinter sich her ins Wasser lockte. Nach kurzem Überlegen bat Kossygin den Amerikaner: Könnten Sie uns nicht mal einen kleinen Roboter-Chinesen schicken?" Zarapkin lachte höflich und wandte sich dann schnell an den Hausherrn :"Herr Wischnewski, Ihr Kölsch ist ja fast so stark wie unser Wodka." Doch auch dieses harmlose Kompliment des Russen weckte sofort Widerspruch. Der Leiter der tschechoslowakischen Handelsmission in Frankfurt, Oldrich Nový, warf ein: "Aber unser Pilsener Urquell, das haut Sie um."
Kurt Georg Kiesinger, 65, CDU-Chef, verweigerte einem politischen Gegner Unterstützung. Als die Kanzler-Widersacherin Beate Klarsfeld mit ihrem Sohn Arno, 4, Kiesinger auf seiner Wahlreise durch Südbaden begleitete, schlug Parteisprecher Arthur Rathke seinem Herrn vor: "Herr Bundeskanzler, wenn Sie den kleinen Arno auf dem Schoß gehabt hätten, das wäre doch das Bild des Jahrhunderts gewesen." Der Kanzler stimmte zu: "Sicher, warum nicht. Ich würde das ohne weiteres machen." Rathkes Vorschlag, Beate Klarsfeld und ihr Kind im Pressebus mitreisen zu lassen, weil sie so große Schwierigkeiten habe, dem Kanzler zu folgen, ging Kiesinger zu weit. Der Schwabe Wissen Sie, das erinnert mich an die Bemerkung des preußischen Unteroffiziers an seine Leute: Ihr könnt ja alles machen, aber es darf nicht in Humanität ausarten."
Edwin "Buzz" Aldrin, 39, zweiter Mann auf dem Mond und der Frömmste der Apollo-XI-Crew, reichte sich selbst vor dem Ausstieg auf den Erdtrabanten die Kommunion. In einem Bericht für die US-Illustrierte "Life" erzählte der Presbyterianer, er habe zwei Wochen vor dem Raumflug mit seinem Pastor Dean Woodruff eine "spezielle Kommunion" gefeiert und anschließend von seinem Geistlichen einen "Miniatur-Kelch" bekommen. Zusammen mit "einer kleinen Menge Brot und Wein" habe er den Kelch in der Landefähre verstaut und kurz nach dem Aufsetzen auf dem Mond vor sich aufgebaut. Aldrin: "Während einer erbetenen Funkstille las ich einige Passagen aus der Bibel und zelebrierte die Kommunion." Pietät hielt den Astronauten davon ab, auch bei dieser Gelegenheit zu forschen: "Ich hätte gern beobachtet, wie sich Wein in dieser Umgebung gießt; aber zu diesem Zeitpunkt wäre das ungehörig gewesen."
Anna Moffo, 34, Primadonna der New Yorker Metropolitan Opera, fand wieder eine geeignete Filmrolle. Nachdem die Sopranistin in der Verfilmung von Harold Robbins Bestseller-Roman "Die Playboys" (Filmtitel "Die Abenteurer") mit gewagten Bettszenen brilliert hatte, lehnte sie weitere Rollen-Angebote als "zu schmutzig" ab. In Rom spielt sie nun unter der Regie von Michele Lupo die verheiratete Geliebte eines Draufgängers, der den Liebesakt mit ihr mittels ferngesteuerter Kamera filmt und sie anschließend halbnackt auf die Straße jagt. Filmtitel: "Eine Liebesgeschichte". Kommentierte die Moffo ihre Rolle: "Dieser Film ist nicht ein bißchen unzüchtig, denn am Ende kehrt die Frau ja zu ihrem Ehemann zurück."
Charles de Gaulle, 78, Pensionär, zeigte sich nach längerer kirchlicher Abstinenz wieder bei der Heiligen Messe in Colombey-les-Deux-Eglises. Zusammen mit Ehefrau Yvonne, Sohn Philippe und Schwiegertochter Henriette erbaute er sich am Markus-Evangelium 7, Vers 31 bis 37, über die Wunderheilung eines Taubstummen: "Vortrefflich hat er alles gemacht. Die Tauben macht er hörend, und die Stummen macht er redend." Zur Verschönerung des Choralgesangs hatte de Gaulles Gemeindepastor. Abbé Drouot, 55, zwei Kleinbusse mit Schwestern aus Nancy kommen lassen. Obwohl Gemeinde-Glied de Gaulle in der neunten Reihe hinter dem Harmonium einen reservierten Stammplatz besitzt, hatten Schaulustige und Gläubige an den letzten Sonntagen vergeblich in der Dorfkirche auf den prominenten Gläubigen gewartet. Der General hatte es vorgezogen, den Abbé Drouot in sein Landhaus "La Boisserie" zur Hausandacht zu bestellen oder in ein anderes Kirchspiel der Umgebung zur Elf-Uhr-Messe auszuweichen. Obwohl er sich als Staatsrentner seinem Volk nur noch selten zeigt, blieb de Gaulle auch als Privatmann eine Attraktion für durchreisende Touristen, die in der derzeitigen Ferien-Saison vom einzigen Bistro am Ort täglich 200 und mehr Ansichtskarten von historischer Stätte versenden.
Gustav Stoltenberg. 74, evangelischer Pastor im holsteinischen Bad Oldesloe und Vater des Bundesforschungsministers Gerhard Stoltenberg (CDU), versicherte auf einer Wahlversammlung dem schleswig-holsteinischen FDP-Chef, Landessozialminister Otto Eisenmann: "Sie werden verstehen, daß ich die Erststimme meinem Sohn geben muß. Meine Zweitstimme aber gebe ich der FDP. Das muß ich einfach, bei der Politik, die die CDU im Augenblick macht."

DER SPIEGEL 35/1969
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