25.08.1969

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Die Würzburger „Deutsche Tagespost“ „Katholische Zeitung für Deutschland":
Wer für das von Augstein auch sprachlich umerzogene deutsche Publikum schreibt oder vor ihm spricht, muß mit Satire und Ironie vorsichtig sein. So etwas versteht man in SPIEGEL-Deutschland nicht mehr ... Franz Josef Strauß, einer der wenigen deutschen Politiker (wenn nicht der einzige), der Witz und Humor hat, kündigt es, durch Erfahrungen gewarnt, neuerdings meist an, wenn er ironisch wird. Er sagt: "Achtung, das ist Ironie" und nachher "Ironie Ende". Umlauert von Brigaden von SPIEGEL-Spitzeln, kann er im Wahlkampf gar nicht vorsichtig genug sein, da für die Linke alles davon abhängt, ihren gefährlichsten Gegner außer Spiel zu setzen. Dabei ergeben sich aber auch schwer vorherzusehende Schwierigkeiten. Als Strauß, vermutlich im Gespräch mit Parteifreunden, die über die Apo empört waren, angeregt wohl auch durch die Empörung von Versammlungsteilnehmern über die Nachgiebigkeit der staatlichen Stellen gegenüber dem Treiben der Catilinarier, ein Telegramm an den bayrischen Ministerpräsidenten richtete, in der Absicht, ihn aus seiner landesväterlichen Behäbigkeit aufzuscheuchen, war zweifellos van den "Viechereien" der Anarchisten die Rede, denn so drückt man sich auf gut bayrisch aus. Daß sich das G'schwerl benimmt "wie die Viecher oder schlimmer als die Viecher", mag das Grundmotiv des Gespräches gewesen sein. Als Strauß dann ein Telegramm stilisierte, übersetzte er das bayrische "Viecher" ins Hochdeutsche: Tiere. Nun klingt das dann härter. Sich wie die Viecher aufführen hat einen anderen Tonfall als das schriftdeutsche "Wie die Tiere benehmen". Hier setzte die Hetze der ach so feinfühligen Kopfjäger und Schreibtischmörder ein.
Die Hamburger "Welt":
Ende Juli schlug die Demoskopie abermals eine neue Seite auf: Die AIlensbacher Meinungsforscherin Noelle-Neumann fand nicht nur zur alten Kopf-an-Kopf-Prognose des Winters zurück, sondern sprach der SPD vom Sieg über die CDU, mit 46 zu 43 Prozent" freilich mit einer versteckten Einschränkung. Professor Noelle-Neumann, deren Ergebnisse vom SPIEGEL aufbereitet und von Kommentatoren aller Medien wenn nicht zitiert, so doch verwertet worden sind, hat die Vorwahl-Landschaft verändert. Die CDU/CSU, bis dahin eher bedacht, Zweifel am Herbsterfolg leben zu lassen, um auch noch den letzten Wähler zu mobilisieren, zeigte plötzlich nicht nur taktische Unsicherheit. Die SPD, im Mai verwirrt ob des schlechten Starts in den Wahlsommer, nahm seit Noelle-Neumann die Brust heraus.

DER SPIEGEL 35/1969
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