21.07.1969

RADRENNEN / DOPINGGriff zum Gift

Den Sarg schmückte eine olympische Goldmedaille. Sie war 1960 in Rom dem dänischen Radamateur Knud Enemark Jensen nachträglich zuerkannt worden -- dem ersten bekannt gewordenen Doping-Toten bei Olympischen Spielen.
"Mehr als 1000 Fälle von Doping bei Radrennfahrern endeten tödlich", glaubte der französische Präsident des Internationalen Sportärztebundes, Professor Chailley-Bert. Allein 1967 starben fünf namhafte Rennfahrer an der Giftladung am Lenker.
In der letzten Woche zog sich der erfolgreichste deutsche Fahrer, Rudi Altig, bei der Frankreich-Rundfahrt eine Strafe zu. Fünf Tests hatten nach Aussagen des Tour-Arztes Dr. Pierre Dumas in seinem Urin fünfmal die Rückstände von mindestens zwei Amphetamin-Drogen nachgewiesen.
Aber auch für andere Sportarten ist das chemische Zeitalter angebrochen. Doping-Skandale häuften sich im italienischen Fußball. "Einige Leichtathleten", berichtete der frühere US-Zehnkampf-Weltrekordler Hussel Hodge, "geben dafür monatlich 120 bis 160 Mark aus." Sogar die Modernen Fünfkämpfer präparierten sich auf das Pistolenschießen -- mit Alkohol.
Bestimmte Drogen, etwa Weckamine, befähigen den Sportler ähnlich wie einen Menschen in Lebensangst -, 20 bis 30 Prozent mehr Kraft aus sonst unangreifbaren Reserven zu mobilisieren. Physisch gesunde Athleten laden sich mit Gift auf,
* weil sie an eine Leistungssteigerung glauben und
* weil sie unterstellen, daß ihre Konkurrenten sich ebenfalls dopen.
Einige Länder wie die Schweiz, Frankreich und Belgien und nahezu alle Verbände haben stimulierende Präparate unter Strafe gestellt. Mediziner aus 20 europäischen Ländern stellten eine Verbotsliste mit 13 verschiedenen Drogen-Gruppen auf, darunter Pervitin, Arsen, Digitalis und Morphium. Bei allen bedeutenden Wettkämpfen der letzten Jahre, die Olympiade 1968 eingeschlossen, wurden Sportler zu Doping-Untersuchungen zitiert. Das dämmte den Pillenmißbrauch keineswegs ein.
Denn über die Wirksamkeit der Tests mokierte sich in Mexiko ein amerikanischer Gewichtheber: "Alle benutzten ein neues deutsches Mittel, das nicht nachweisbar war. Es ist wie beim Räuber-und-Gendarm-Spielen."
Tatsächlich sind Doping-Nachweise auch eine Geldfrage. Anfangs kosteten Tests 3000 Mark, zur Zeit immer noch 650 Mark pro Probe. Deshalb erlauben die Kosten nur Stichproben. Auch bei der Tour de France wurden täglich nur drei Fahrer überprüft. Die Italien-Rundfahrt begleitete ein rollendes Antidoping-Laboratorium.
Einige Mittel, wie das von Kugelstoßern benutzte Muskel-Präparat Dianabol, sind mit den gebräuchlichen Methoden nicht nachweisbar. Überdies ist es üblich und erlaubt, verletzte Athleten durch Injektionen fit zu spritzen. Nur dank einer Injektion stand etwa der deutsche Zehnkampf-Weltrekordler Kurt Bendlin seinen Olympia-Wettkampf in Mexiko durch.
Wenn sie als Alibi ein ärztliches Attest beibringen, dürfen auch Rennfahrer bestimmte Präparate schlucken. Selbst der Belgier Eddy Merckx, der bei der Tour de France alle überragte, habe sich mit Cortison und Potassium "biologisch vorbereitet", behauptete Tour-Arzt Dr. Maigre.
Bestimmte Drogen sind nicht überall zulässig. "Beim Giro d'Italia waren die Sachen noch erlaubt", beklagte sich der überführte Altig, der später verletzt ausschied. "Wer kennt sich da noch aus?" Anti-Doping-Dr. Dumas resignierte: "60 Prozent der Tour-Teilnehmer waren geladen."

DER SPIEGEL 30/1969
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