14.07.1969

GESTORBENWILHELM BACKHAUS

WILHELM BACKHAUS, 85. Im März, bei seiner letzten Geburtstagsfeier, witzelte er: "Ich bin nun wieder dort angelangt, wo ich angefangen habe. Als ich mit zwölf Jahren zum erstenmal öffentlich auftrat, sagten die Leute: "Wie ungewöhnlich für sein Alter. Heute sagen sie dasselbe." Ungewöhnlich in der Tat -- denn bis zu seinem letzten Konzert am 28. Juni in der Ossiacher Stiftskirche, das er abbrechen mußte, hat er nie jenes peinliche Bild des alten Künstlers geboten, der die früheren Erfolge zu beschwören sucht. Auch mit 85 noch besaß er die technische Unfehlbarkeit, die von der Jury des "Anton-Rubinstein-Preises" gerühmt wurde, als er 1905 diesen einst begehrtesten aller Klavierpreise gegen die Konkurrenz Béla Bartóks gewann. Damals schon, als die Liszt-Schüler und hemmungslos romantisierenden Beethoven-Spieler Rubinstein und d'Albert den Ton angaben, war der vom Dirigenten Arthur Nikisch geförderte Leipziger Backhaus schon ein disziplinierter Außenseiter, der, jeder genialischen Willkür abhold, um Objektivität bemüht war. Und dies vor allem als Beethoven- und Brahms-Spezialist. Lange bevor sich auch in der Musik eine neue Sachlichkeit durchsetzte, spielte Backhaus, der nahezu 5000 Konzerte absolvierte, Brahms und Beethoven ohne das sogenannte Titanentum, ohne Pomp und falsche Feierlichkeit. Doch eine Marotte hatte dieser so kühle, jedem Auftrittsgehabe feindliche Künstler: In seinem Gepäck führte er stets einen vierbeinigen Klavierstuhl mit.
WALTER GROPIUS, 86. "Ideen sterben, sobald sie Kompromisse werden", manifestierte er im Jahre 1919, nachdem er zum Direktor des "Staatlichen Bauhauses" (zunächst in Weimar, später in Dessau) berufen worden war. 50 Jahre später -- mit seinem Ableben -- war seine letzte große Idee gestorben, weil er einen Kompromiß eingegangen war: Der "Mann, der die Architektur des Jahrhunderts nachhaltiger beeinflußt hat als irgendein anderer Architekt" (so die Kritikerin Anna Teut), hatte in einem Generalplan für den West-Berliner Bezirk Britz-Buckow-Rudow Wohn-Zentren für 50 000 Menschen entworfen, aber nicht ihre Realisierung erzwingen können: Die "Gemeinnützige Heimstätten AG Berlin" ließ die von Gropius geplanten "Sonnenhöfe" durch zahlreiche andere Architekten zu landläufigen Schlafstellen zerkrümeln. Gropius hat sein langes Leben lang gekämpft gegen Grundstücksspekulation und für eine großzügige Sanierung, gegen staatliche Bevormundung und für die Aufhebung aller Beamten-Privilegien. Er hat entworfen: Sofakissen und Wohnsilos, Tassen und Tapeten, Stühle und einen Stromlinien-Look. Und er war Vorbild und Lehrer -- schon 1911 mit seinen vollverglasten Fagus-Werken in Alfeld an der Leine, dann 1926 mit dem kubischen "Bauhaus" in Dessau, schließlich 1929 mit seinen zukunftsweisenden Wohnungen in Berlin-Siemensstadt. Doch die Nazis mochten ihn sowenig wie etwa Mies, May und Mendelsohn. So wurde auch Gropius aus Deutschland vertrieben, und so geschah das neue Bauen -- eigentlich eine europäische Erscheinung -- nun in den USA: Gropius lehrte an der Harvard-Universität. Er gründete das Team "The Architects Collaborative", in dem Honorare und Gewinne unter allen Partnern gleichmäßig verteilt wurden. Gropius baute Gewaltiges -- wie die 52 Stockwerke des "Pan American World Airways Building" über der Grand Central Station in New York (mit einem Landeplatz für Hubschrauber). Und er baute auch eher Komisches -- wie die neue Fabrik des oberfränkischen Porzellan-Herstellers Philip Rosenthal (mit einem Gehege für Flamingos). Gropius war ein Gegner von Denkmälern -- lebenslang hat er ihre Beseitigung und Verhinderung gefordert. Welch traurige Ironie, daß ausgerechnet jener Stadtteil, der nun kaum noch etwas von seinem Entwurf erkennen läßt, im Volksmund seinen Namen trägt: Die Berliner nennen Britz-Buckow-Rudow (so die offizielle Bezeichnung) nur noch "Gropius-Stadt".

DER SPIEGEL 29/1969
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