30.06.1969

MINISTER CSUPack ma's

Für Politik und Parteileben war bislang in Ruhpolding weder Zeit noch Platz. Denn bei gut 800 000 Übernachtungen im Jahr stehen die Bürger der 6000-Seelen-Gemeinde unermüdlich im Einsatz für rheinische Frohnaturen: Schuhplattln, Trompetenblasen, Zitherspielen und -- ä la carte -- Fensterln. Nicht einmal die landeseigene CSU hatte unter den Folklore-Profis mehr als 36 Mitglieder rekrutieren können.
Das ist, gleichsam über Nacht, anders geworden. Binnen kurzem traten 400 Ruhpoldinger der christlich-sozialen Staatspartei bei.
Das Mirakel in Oberbayern begab sich nicht ohne Hilfe von oben. Kultusminister, CSU-Fraktionschef und Partei-Vize Ludwig Huber hatte umsichtig für eine Stärkung der alpenländischen Parteibasis gesorgt,
Denn die Delegierten der Touristengemeinde (einer je angefangene zehn Parteimitglieder) stimmen mit bei der Wahl des CSU-Kreisvorsitzenden (zur Zeit: Ludwig Huber) und des CSU-Landtagskandidaten (zur Zeit: Ludwig Huber). Und weil der Einfluß des fern in München amtierenden Ministers daheim zusehends schwindet, setzte Huber nun einen starken Statthalter ein -- was freilich nur dank der wundersamen Mitgliedervermehrung in Ruhpolding möglich wurde.
Daß die Stimmenverhältnisse in seiner Wahl-Heimat aus dem Lot geraten waren, hatte Huber bereits im März ausgemacht. Als am 8. jenes Monats zu Traunstein die CSU-Kreisvertreterversammlung zusammenkam, entsandte der Ortsverband Ruhpolding statutengemäß vier Delegierte. Argwöhnisch wurden die vier beobachtet. Denn das gleiche Gremium sollte am 19. April einen Landratskandidaten für Traunstein nominieren, und keiner der beiden Anwärter vermochte eine klare Mehrheit für sich zu erkennen.
Der eine, Max Gaul, 38, juristischer Staatsbeamter am Landratsamt Traunstein, wurde von den Bürgermeistern des Landkreises sowie von der Jungen Union unterstützt. Der andere, Leonhard Schmucker, 49, Oberhaupt der Gemeinde Ruhpolding, genoß das Wohlwollen zahlreicher arrivierter CSU-Funktionäre, wie des Stimmkreisabgeordneten Huber.
Schmucker ist überdies im Landkreis Traunstein beheimatet, während Gaul erst 1965 dort ansässig wurde, Ferner rühmt sich Leonhard Schmucker des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten. Zwar war er unmittelbar nach Vollendung seines 18. Lebensjahres in die NSDAP, in die NSV, in den Reichsbund der Deutschen Beamten, in den Reichsluftschutzbund (Untergruppenführer) und in den Reichskolonialbund (Ortskassierer) eingetreten, doch weiß Schmucker dafür eine plausible Deutung: "Ja mei, wenn man damals net dabei war, kam man ja nie zum Zug."
Der Spruchkammer lieferte Leonhard Schmucker ein lebendiges Beweismittel für seine antifaschistische Haltung: 1942 hatte er ein Fräulein Olga Tutschku aus Prachatitz kennengelernt, das mit einem jüdischen Arzt verlobt war. Der Arzt verscholl, Schmucker ehelichte das zehn Jahre ältere Fräulein und wurde deswegen -- laut Spruchkammerbescheid -- "von der Gestapo und Partei selbst schief angesehen".
Mehr passierte ihm nicht, denn Schmucker stand in Heinrich Himmlers Diensten. 1940 bewarb sich der Jungbeamte mit Erfolg um den Posten des Kreiskassenverwalters in Bergreichenstein, einem Böhmerwaldgebiet, das 1938 von Adolf Hitler Bayern zugeschlagen worden war. Dort errichtete der SD-Abschnitt Bayreuth eine Außenstelle, und im Frühjahr 1942 avancierte Schmucker zum Chef dieser Filiale.
Der 23jährige kommandierte an die 20 V-Leute, observierte Deutsche und Tschechen, lieferte Nachrichten, Situationsberichte und Beurteilungen einzelner Persönlichkeiten nach Bayreuth.
Die Amerikaner verurteilten Schmucker nach 1945 zu 30 Monaten Gefängnis, die Spruchkammer ließ ihn unter Jugendamnestie fallen. 1948 war er schon wieder Kreisinspektor, bald darauf Gemeindeamtmann der Touristenortschaft, der er heute als Bürgermeister vorsteht.
1958 nominierte die CSU Schmucker als Landtagskandidaten -- Anlaß für den SPIEGEL, Leonhard Schmucker der Öffentlichkeit vorzustellen; die Partei verzichtete alsbald auf den Kandidaten. In aller Eile suchte sich Traunsteins CSU einen neuen Mann, der jung genug sein mußte, um bestimmt keine politischen Belastungen aufweisen zu können: Ludwig Huber, Jahrgang 1928.
Trotz steiler Partei- und Polit-Karriere in München verschmähte Huber auch das Amt eines Kreisvorsitzers von Traunstein nicht. Doch hier wie dort verfiel die Macht des selbstherrlichen und salbungsvollen CSU-Führers zusehends. Im November erhielt Huber bei seiner Wiederwahl als Kreisvorsitzer nur noch 41 von 70 Stimmen, sein Stellvertreter und örtlicher Vertrauter fiel durch. Einen Monat später stand die Wiederwahl des stellvertretenden Landesvorsitzers an; Huber schaffte es gerade noch mit 273 Stimmen, während ein kurzfristig angesetzter Gegenkandidat mühelos 246 Voten zusammenbrachte.
Seine wackelige Karriere nimmt Huber offenbar so sehr in Beschlag, daß er sogar familiäre Probleme schleifen läßt. Als im Sommer 1968 sein Schwiegervater, der Buchdrucker und CSU-Veteran Alfons Nothhaft im niederbayrischen Deggendorf, Pleite machte (Massebestand: 3 199,74 Mark; bevorrechtigte Forderungen: 11 348,45 Mark), hielt Ludwig Huber (Monatseinkommen als Minister und MdL: rund 8000 Mark) still. CSU-Honoratioren wunderten sich; "denn", so ein CSU-Bundestagsabgeordneter, "jeder weiß doch, daß der damals wohlhabende Nothhaft dem jungen Huber beim Studium geholfen hat".
Statt der Familie in Niederbayern half Huber lieber sich selbst in Oberbayern. Die Gelegenheit schien günstig, als sich im Kreis Traunstein die CSU-Mitglieder um die Landratsaspiranten Gaul und Schmucker gruppierten. Oberregierungsrat Gaul sammelte Pluspunkte: Er ist Volljurist und kennt, seit vier Jahren im Landratsamt, die Behörde und deren Abläufe. Bürgermeister Schmuckers Mitgift ist anderer Art: Zu seiner Zeit stieg die Pro-Kopf-Verschuldung der Ruhpoldinger Bürger auf 856 Mark; der jährliche Schuldendienst der kleinen Gemeinde liegt bei 700 000 Mark.
Gleichwohl protegierten Kreisvorsitzender Ludwig Huber und der CSU-Ortsverband Ruhpolding den Bürgermeister. Freilich: Von den rund 90 Delegierten kamen nur vier aus Ruhpolding, und von 55 Bürgermeistern des Landkreises wollten 45 Gaul zum Landrat haben. Unter diesen Vorzeichen wurde die Versammlung auf den 19. April anberaumt.
Doch als die Gaulisten zur Wahl ins Liedertafelzimmer des Hofbräuhauses Traunstein einrücken wollten, fanden sie den Raum schon besetzt. Aus Ruhpolding waren nicht vier -- wie noch am 8. März -, sondern 44 Delegierte erschienen, die triumphierend offenbarten, seither seien in ihrer Gemeinde 400 CSU-Mitglieder gewonnen worden.
Ein Vertagungsantrag der verblüfften Gaul-Equipe wurde glatt niedergestimmt; dann erhielt Leonhard Schmucker 79, Max Gaul 49 Stimmen. Gaul verdattert: "Ohne die 40 Neuen wäre ich also glatt Landratskandidat geworden."
Die Gaulisten verfaßten eine Wahlanfechtung an das Generalsekretariat der CSU, in der sie diverse Formalitäten ebenso beanstandeten wie die Tatsache, daß außerhalb Ruhpoldings Dutzende von Leuten sich -- teilweise seit 1968 -- vergebens darum bemühten, in die Partei aufgenommen zu werden ("Gleichheitsgrundsatz augenfällig verletzt").
Statt einer Antwort erschien Kreisvorsitzender Ludwig Huber und erzählte umständlich, was für "eine ganz ausgezeichnete Persönlichkeit" Schmucker sei und welch "großer Gewinn für die Bevölkerung Traunsteins". Die Gaul-Anfechtung schmetterte der CSU-Vize mit Kraftsprüchen ab: "Halt ma z'sammen' dann pack ma's scho."
Das Packeln aber macht der Jungen Union "Sorge um die Glaubwürdigkeit der Partei". Die Junioren sprachen von "Manipulation" und durchleuchteten den Hintergrund der Affäre: Der gefährdete Landtagskandidat Huber sei auf die 40 neuen Vertreter aus Ruhpolding angewiesen, um für die Wahl im Herbst 1970 wieder aufgestellt zu werden.
Manipulation, so erläuterte Huber-Günstling Schmucker, sei "an sich nicht der Fall" gewesen. Er habe sogar selber 15 neue CSU-Angehörige geworben, und zwar "absolut korrekt". Manche seiner Helfer seien sogar so in Eifer geraten, "daß es auch schon vorgekommen ist, daß dieser oder jener von ihnen sagte, für den Neuen zahl ich Aufnahme- und Mitgliedsbeitrag aus eigener Tasche".

DER SPIEGEL 27/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MINISTER CSU:
Pack ma's

Video 02:10

Nach Vulkanausbruch auf White Island "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"

  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit" Video 01:41
    Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit
  • Video "Vor entscheidendem Champions-League-Spiel in Salzburg: Klopp ärgert sich über Dolmetscher" Video 00:51
    Vor entscheidendem Champions-League-Spiel in Salzburg: Klopp ärgert sich über Dolmetscher
  • Video "Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus" Video 01:27
    Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Video "Nahende Buschfeuer: Sydney versinkt im Rauch" Video 00:49
    Nahende Buschfeuer: Sydney versinkt im Rauch
  • Video "Finnlands neue Ministerpräsidentin: Denke nicht an Alter oder Geschlecht" Video 02:26
    Finnlands neue Ministerpräsidentin: "Denke nicht an Alter oder Geschlecht"
  • Video "Mögliches Impeachment gegen Trump: Er hat seinen Eid gebrochen" Video 01:43
    Mögliches Impeachment gegen Trump: "Er hat seinen Eid gebrochen"
  • Video "Neuseeland: Amateurvideo zeigt Rettung nach Vulkanausbruch" Video 01:47
    Neuseeland: Amateurvideo zeigt Rettung nach Vulkanausbruch
  • Video "Geschenke: So geht das mit dem Einpacken" Video 02:55
    Geschenke: So geht das mit dem Einpacken
  • Video "Tödliche Attacke auf Feuerwehrmann in Augsburg: Ermittler schildern Tathergang" Video 01:33
    Tödliche Attacke auf Feuerwehrmann in Augsburg: Ermittler schildern Tathergang
  • Video "Systemisches Doping: In weiten Teilen Etikettenschwindel" Video 02:51
    Systemisches Doping: "In weiten Teilen Etikettenschwindel"
  • Video "Brexit-Folgen: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet" Video 03:20
    Brexit-Folgen: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet
  • Video "Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten" Video 01:35
    Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"
  • Video "73-Jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß" Video 02:17
    73-Jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß
  • Video "Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße" Video 01:34
    Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße
  • Video "Nach Vulkanausbruch auf White Island: Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt" Video 02:10
    Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"