30.06.1969

NIGERIA / BÜRGERKRIEGViel genauer

Wie lange werden wir noch unsere Münder für Manna öffnen, das vom Himmel fällt?" sinnierte Mitte April Biafras Staatschef Ojukwu gegenüber dem SPIEGEL.
Seit Mitte Juni öffnen sich die Münder der Biafraner vergebens, fällt kein Manna mehr vom Himmel: Die Luftbrücke der "Stockfisch-Bomber", zehn Monate lang die Nabelschnur für Millionen vom Hungertod bedrohter Biafraner (SPIEGEL 24, 25/1969), ist unterbrochen.
Nacht für Nacht flogen die Maschinen des Roten Kreuzes und der "Joint Church Aid" (Gemeinsame Kirchen-Hilfe) rund 250 Tonnen Lebensmittel und Medikamente in das eingekesselte Biafra. Bis zu drei Millionen Menschen ernährten sich täglich von den Gaben der Blockade-Brecher.
Nun aber stehen die Luftbrücken-Maschinen auf ihren Basen Cotonou, Säo Tomé und Fernando Póo nutzlos herum, nur noch unregelmäßig starten von Säo Tomé Flugzeuge in den Busch-Kessel.
Erneut droht jetzt in Biafra ein Massensterben, "eine Krise wie im vorigen Jahr, bei der täglich 6000 Menschen starben" (so der dänische Pastor Mollerup von "Joint Church Aid"). Die geringen Vorräte der Hilfsorganisationen in Biafra gehen nach zwei Wochen Luftbrücken-Stopp bereits zur Neige, die meisten Speisungszentren mußten inzwischen geschlossen werden.
"Eine Fortsetzung der Flüge wäre für uns Selbstmord", klagt der dänische Luftwaffen-Oberstleutnant Wichmann, technischer Leiter der von Säo Tomé zum Buschlandeplatz Uli führenden Kirchen-Luftbrücke.
Grund für den Flug-Stopp: "Die Piloten der nigerianischen Flugzeuge sind in jüngster Zeit in der Anpeilung ihrer Ziele viel genauer geworden" (Wichmann).
Bisher war es den für Nigerias Luftwaffe fliegenden ägyptischen Piloten nicht gelungen, mit ihren Mig-17 Luftbrücken-Flugzeuge in der Dunkelheit aufzuspüren -- die veralteten russischen Maschinen sind nicht für die Nachtjagd ausgerüstet,
Anfang Juni jedoch schoß ein nigerianischer Jäger zum erstenmal ein Hilfsflugzeug ab, eine DC-7 des Roten Kreuzes auf dem Weg von Cotonou nach Uli. Eine Maschine der Kirchen-Hilfe wurde bei der Landung in UlI angegriffen und schwer beschädigt.
Die überraschenden Erfolge der bislang nur im Angriff auf Krankenhäuser und belebte Marktplätze treffsicheren nigerianischen Luftwaffe erklären sich die Wohlfahrts-Profis mit dem Einsatz von Nachtjägern und fähigeren Piloten. Der Londoner "Daily Telegraph" wußte gar zu berichten, Piloten aus der DDR hätten Nigerias Luftwaffe verstärkt.
Unterstützt werden die Jagdflieger jetzt offenbar auch durch ein russisches Radarschiff, das vor der Küste Biafras liegt. Auf seinen Radarschirmen verfolgt es die Hilfsflugzeuge vom Start auf Fernando Póo oder Säo Tomé an und gibt Positionsangaben an die Mig-Piloten weiter.
Nach dieser Verstärkung der nigerianischen Luftwaffe weigerten sich die Luftbrücken-Piloten, noch weiterzufliegen. Sie wollen ihre Lebensmittel-Flugzeuge erst wieder in die abgefallene nigerianische Ostregion steuern, wenn die Nigerianer für die Sicherheit der Hilfsflieger garantieren.
Das erscheint allerdings sehr fraglieb. Nigerias Rundfunk und Presse hetzten in den letzten Wochen heftiger denn je gegen die weißen Wohltäter. Nigerias Militärregierung erklärte den Rotkreuz-Chefdelegierten für die Hilfsaktion in Nigeria und Biafra, den Schweizer Diplomaten August Lindt, 63, zur Persona non grata.
Lindt, unter dessen Leitung seit Herbst letzten "Jahres auch auf der nigerianischen Seite der Front über eine Million Menschen ernährt wurden, legte daraufhin sein Rotkreuz-Mandat nieder,
Nigerias Außenminister Arikpo gab als Vorwand für den Rausschmiß des stets auf Neutralität bedachten Schweizers "Einmischung in nigerianische Angelegenheiten" an. Wahrscheinlich jedoch dient das Rote Kreuz den Nigerianern als "Sündenbock für ihre Unfähigkeit, den Krieg schnell zu gewinnen ("Daily Telegraph").
Trotz der Feindseligkeit Nigerias bemühen sich die Luftbrücken-Manager inzwischen bei den Nigerianern um Sicherheits-Garantien für Tagflüge. Biafras Ojukwu, der bislang seinen Flugplatz Uli bei Beginn der Morgendämmerung sperrte, hat sich bereits mit Hilfsflügen bei Tageslicht einverstanden erklärt.
Hilfe könnte für die Biafraner auch auf dem Wasserweg kommen, wenn sich Nigeria und Biafra über den Plan des Nixon-Beauftragten Ferguson einigen können, die Hilfsgüter mit Landungsbooten über den Niger oder Cross River in den biafranischen Kessel zu transportieren. Im Hafen von Lagos wartet bereits das aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Landungsboot "Dona Mercedes" darauf, die Stockfisch-Bomber abzulösen.
Nigeria und Biafra stimmten zunächst einem solchen Wasserkorridor grundsätzlich zu. Dann aber wünschte Biafras Ojukwu "amerikanische Sicherheitsgarantien", und Nigerias Staatschef Gowon ließ erklären, erst müßten "die technischen Probleme einer festen Übereinkunft noch gelöst werden".
Daß sie jemals gelöst werden, ist freilich kaum zu erwarten. Gowon-Stellvertreter Awolowo: "Im Krieg ist alles fair -- und die Aushungerung ist eine der Waffen im Krieg."

DER SPIEGEL 27/1969
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