30.06.1969

ITALIEN / EHESCHEIDUNGDie Frauen zittern

Des Papstes Hausblatt, der "Osservatore Romano", prophezeite Schreckliches: Italien ist dabei, eine "Scheidungs-Republik" zu werden. Liberale und Kommunisten hätten sich verbündet, um eine der letzten sittlichen Festungen des Staates, die Ehe, zu schleifen.
Tatsächlich hat jetzt zum erstenmal in der Geschichte des italienischen Einheitsstaates die Scheidungspartei im Parlament die Mehrheit. Für die Unauflöslichkeit der Ehe schlagen sich nur noch Christdemokraten, Neofaschisten und Monarchisten. Sie konnten nicht verhindern, daß ein Gesetzentwurf zur Einführung der Scheidung auf die Tagesordnung gesetzt und der Antrag, ihn für verfassungswidrig zu erklären, abgewiesen wurde.
Die Ehescheidung erregt Italien mehr als Mondflug und Vietnam-Krieg: Mindestens fünf Millionen Italiener leben in illegalen Ehegemeinschaften, da sie bislang nicht geschieden werden konnten. Rund 500 000 italienische Männer haben sich ihren Ehepflichten durch Auswanderung entzogen.
Mit den noch heute gültigen Lateran-Verträgen hatte Italiens Duce Mussolini 1929 der katholischen Kirche weitgehend die gesamte Ehegesetzgebungskompetenz überantwortet. Staat und Kirche vereinbarten damals die sogenannte Konkordats-Ehe. Sie wird vom Priester geschlossen und automatisch in das Standesamtsregister der Gemeinde übertragen. Der staatliche Standesbeamte prüft dabei nur noch die zivilrechtlichen Voraussetzungen für die Trauung.
Zwar blieb die -- 1865 eingeführte -- Zivilehe offiziell bestehen, doch lassen sich nur zwei Prozent aller italienischen Brautpaare ohne den Priester trauen: Sie wollen nicht als "öffentliche Sünder" verschrien sein.
Eine Scheidung gibt es weder für die kirchlich noch für die weltlich Getrauten. Sie haben allenfalls die Möglichkeit, ihre Ehe durch ein vatikanisches Gericht annullieren zu lassen. Aber eine Annullierung ist teuer und kann acht bis zehn Jahre dauern. Sie ist außerdem nur möglich, wenn ein sogenanntes Ehehindernis -- Verschweigen der Impotenz, Bigamie, Blutsverwandtschaft und Eheschließung unter Zwang -- nachgewiesen wird. Die Sacra Rota, das oberste Ehegericht des Vatikan, annulliert jährlich 100 bis 150 Ehen.
Leichter ist die "gesetzliche Trennung", die jedoch eine Wiederheirat ausschließt. Pro Jahr werden in Italien nur etwa 10 000 Ehen "gesetzlich getrennt".
Seit 117 Jahren haben fortschrittliche Parlamentarier versucht, auch in Italien ein modernes Scheidungsrecht durchzusetzen. Sie scheiterten stets am Widerstand der Kirche und ihrer Anhänger. Elf Gesetzesvorlagen versandeten in den Parlamentsausschüssen oder blieben liegen, weil ihre Initiatoren starben oder nicht wiedergewählt wurden,
Auch den zwölften Entwurf, den des sozialistischen Abgeordneten und Strafverteidigers Loris Fortuna, konnte die christdemokratische Regierungspartei jahrelang blockieren. Erst als Fortuna einen neuen Entwurf präsentierte und auch die Kommunisten nach langem Zögern klar Stellung für die Scheidung bezogen, waren die Christdemokraten endgültig in der Minderheit.
Nach dem neuen Entwurf soll eine Ehe künftig geschieden werden, wenn einer der Partner
* zu mindestens zwölf Jahren Gefängnis verurteilt ist;
* Inzest- oder Sexualverbrechen an den eigenen Nachkommen begangen hat;
* seine Angehörigen zur Prostitution angehalten oder versucht hat, sie zu ermorden;
* wegen Mißhandlung seiner Angehörigen verurteilt (oder in diesem Zusammenhang wegen Zurechnungsunfähigkeit freigesprochen) wurde;
* mindestens fünf Jahre in einem Irrenhaus verbracht hat und keine Aussicht auf Heilung besteht;
* Ausländer ist und im Ausland bereits die Scheidung erreicht hat oder eine neue Ehe eingegangen ist. Da aber die Masse der in wilder Ehe lebenden Italiener weder krimineu noch zurechnungsunfähig ist, sollen auch Verheiratete geschieden werden -- wenn sie seit mindestens fünf Jahren legaliter oder de facto getrennt gelebt haben.
Wird dieser Punkt des Entwurfs Gesetz, hätte der Richter nicht mehr -- wie in den meisten anderen Ländern -- die Scheidungsgründe zu überprüfen, sondern nur noch festzustellen, ob die Trennung tatsächlich fünf Jahre bestanden hat. Kommentar des römischen "Espresso": "Die Frauen zittern."
Die Christdemokraten haben 101 Redner in die Parlamentsschlacht geschickt. Einige von ihnen warfen den Scheidungskämpfern vor, sie seien an dem Gesetz nur interessiert, weil sie selbst in zerütteten Ehen leben. Fortuna: "Wenn wir Sozialisten neue Krankenhäuser fordern, so heißt das ja auch nicht, daß wir alle krank sind."
Christdemokrat Guido Gonella hat dem Scheidungsgesetz den "Kampf bis zum Äußersten" angesagt und gemeinsam mit zahlreichen Anhängern den Rücktritt der Regierung Rumor und die Auflösung der ohnehin rissigen Mitte-Links-Koalition gefordert.
Die Scheidungsgegner hoffen auf eine Wunderwaffe, deren Einsatz vom Präsidenten der Katholischen Aktion, Vittorio Bachelet, angekündigt wurde: Sobald das Scheidungsgesetz verabschiedet ist, sollen katholische Organisationen 500 000 Stimmen sammeln und eine -- in der Verfassung vorgesehene -- Volksbefragung erzwingen.
Diese Volksbefragung über die Scheidung könnte der Kirche allerdings mehr schaden als nützen: Das Referendum wäre gleichzeitig eine Abstimmung über den Papst und ine Politik, nicht zuletzt auch über die Pillen-Frage.
Fortunas Männer, die sich in der "Italienischen Liga für die Scheidung" organisiert haben, veranstalten in ganz Italien Kundgebungen für die Scheidung. Sie verteilen Schallplatten mit Interviews und Reden, sie ließen Zehntausende von Aufklebern für Autofenster anfertigen, sie kündigten an, daß bald jeder zweite Brief einen Stempel mit einem Scheidungs-Slogan tragen werde.
Auf der anderen Seite ließ die Katholische Aktion Millionen von Flugblättern drucken. Sie will 70 000 Redner ins Feld schicken. Pater Lucio Migliaccio kündigte an: "In 48 Stunden können wir in ganz Italien 15 000 Bürger-Komitees mobilisieren."
Und im römischen "Tempo" stand: "Man sollte nicht vergessen, daß die beängstigende und törichte französische Mai-Revolte das Werk von Söhnen der Scheidung war."

DER SPIEGEL 27/1969
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