30.06.1969

OPER / PENDERECKIDurchfall mit Erfolg

Das wird ein Riesenspektakel", kündigte Krzysztof Penderecki, 35, schon vor zwei Jahren an. Und der in West-Berlin lebende polnische Komponist, der mit seiner Lukas-Passion berühmt geworden ist, hat sich auch alle Mühe gegeben, ein Spektakel zu machen.
Bei der Uraufführung seiner ersten Oper, "Die Teufel von Loudun", mit der in Hamburg das 43 Weltmusikfest, das internationale Treffen der Neutöner, eröffnet wurde, knirschten 42 Streicher auf Saiten und Saitenhalter, spielten 32 Blasinstrumente, trommelten Schlagzeuge, bimmelten kleine Meßglöckchen, großes Kirchengeläut und javanische Gongs, erklangen elektrische Baßgitarre, Harfe, Klavier, Harmonium und Orgel, und 74 Chorsänger hatten immer die Kehle voll.
Aber was soll's: Beim ganzen großen Tamtam war in diesem von der Hamburgischen Staatsoper bestellten Stück nur wenig Musik zu hören, und wenn, dann war sie recht leise, oft im vierfachen Pianissimo hingehaucht. Ganz gleich, ob Tonbüschel, Tontrauben, Klopfgeräusche, Polydynamik, Konsonanzen oder Klang "in unbestimmter Höhe" (Partiturangabe) erzeugt wurden -- die "Teufel" traten meist lautlos auf und machten keinem die Hölle heiß.
Pendereckis illustrative Partitur, die erst drei Wochen vor dem Premierentermin fertig geworden ist, bietet nicht viel mehr als Begleitmusik für Sprechtheater, dessen Helden zufällig singen. Sie besingen eine Cause célébre des 17. Jahrhunderts, die der englische Romancier Aldous Huxley 1952 in einem halbdokumentarischen Report dargestellt, sein Landsmann John Whiting 1961 dramatisiert und Penderecki ("Ich gehe nie in die Oper, ich finde Oper langweilig") 1968 zu einem Libretto umgearbeitet hat:
Die bucklige Priorin Jeanne im Ursulinenkloster zu Loudun unweit der französischen Provinzstadt Poitiers spürt plötzlich den Teufel im Unterleib. Als Satanshelfer verdächtigt sie den eleganten Pfarrer Grandier, der es mit dem Zölibat nicht sonderlich ernst nimmt und dem sie in einer Art Haßliebe verfallen ist, seit er abgelehnt hat, als Beichtvater in ihr Kloster zu kommen.
Als die Vorsteherin Jeanne mit ihrer Hysterie schließlich die Schwestern infiziert und die streng gehaltenen Nonnen in sexuelles Delirium verfallen, bringen korrupte Kirchenmänner den unschuldigen Kanonikus auf die Folter und führen ihn schließlich zum Scheiterhaufen; eine Schar frommer Heuchler begleitet Grandiers letzten Gang, lobt den Herrn und preist die Jungfrau Maria.
Doch diese Texte in Kirchenlatein. die Penderecki in einem Gebetbuch aus dem 16. Jahrhundert entdeckt hatte, wollten den Hamburger Choristen nicht so recht über die Lippen. Da der manchmal auf 16 Stimmen gespleißte Chor seine schwierigsten Passagen nicht mehr rechtzeitig hatte auswendig lernen können, mußte er das Gotteswort auf Tonband murmeln. Und zu diesen Playback-Geräuschen schlurfte der Chor über die Bühne und bewegte stumm die Lippen. "Das ist aber auch wirklich teuflisch schwer", entschuldigt Penderecki die Panne, "das müßte man ein Jahr lang proben."
Aber da irrte der Meister, und das zeigte sich rasch: Schon 48 Stunden nach der Hamburger Uraufführung spielte das Württembergische Staatstheater in Stuttgart die Penderecki-Oper nach und machte den Hanseaten vor, daß ein guter Opernkapellmeister aus der schütteren, weitgehend graphischen Notation, deren aleatorisches Verfahren dem Dirigenten großen Spielraum läßt, mehr herausholen kann als nur stimmungsmalende Hintergrundmusik.
Während in Hamburg der aus Krakau herbeigebetene Penderecki-Spezialist Henryk Czyz, dem die "Teufel"-Oper gewidmet ist, einen konturlosen Klangfilm dirigierte, trat Janos Kulka in Stuttgart die "Flucht nach vorne" an und interpretierte die "kleinmütige Erstlingsvertonung" ("FAZ") als grelle, aggressiv -- dissonante Theatermusik. Selbst die "teuflisch schweren" Chorstellen kamen präzise aus dem Mund der Stuttgarter Sänger.
Auch der Stuttgarter Regisseur Günther Rennert machte seinem Hamburger Kollegen Konrad Swinarski (er ist durch die Inszenierung von Peter Weissens "Marat" bekannt geworden) einiges vor: Statt des in der Hamburgischen Staatsoper dargebotenen historischen Ausstattungsstücks, eines Arrangements schöner, mit pantomimischen Zutaten und ein wenig Pseudosozialkritik belebter Tableaux, inszenierte Rennert ein realistisches, zuweilen zynisch-überspitztes, aber immer logisch motiviertes Drama voller Sex und Blut:
Anders als in der zimperlichen Hamburger Version reißen sich in Schwaben die vom Furor uterinus gepeinigten Nonnen die Kutten vom Leib und feiern barbusig einen wüsten Hexensabbat; die geile Priorin wird sichtbar klistiert, und vernehmlich fährt der Teufel aus ihrem Leib -- der Furz kommt kraß-naturalistisch vom Tonband. Nackt sitzt der Abbé Grandier, das Sex-Idol der Bräute Christi, mit einer Witwe im Badezuber, und er küßt die Stola, bevor er im Beichtstuhl ein Fräulein maust.
Doch auch in dieser verbesserten Stuttgarter Fassung ist Pendereckis "Teufels"-Werk immer noch eine überflüssige Literatur-Veroperung, und es ist außerdem, wie der Kritiker Heinz-Klaus Metzger im NDR sagte, "musikalischer Dünnschiß oder, um im üblichen Fachjargon zu verbleiben, Durchfall -- allerdings mit großem Erfolg".

DER SPIEGEL 27/1969
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OPER / PENDERECKI:
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