30.01.1967

AUTOMOBILE / MOSKWITSCHLuftpumpe an Bord

Die Russen, denen es an Autos mangelt, wollen Autos an die Bundesdeutschen verkaufen, deren Autofabrik-Halden überquellen.
"Wir wollen nichts erobern", verkündete in Frankfurt Iwan Alexandrowitsch Pankratow, Vizepräsident der Moskauer Staatsfirma Autoexport, "sondern mit den Jahren ein kontinuierliches Automobilgeschäft in Westdeutschland aufbauen." Die Westdeutschen sollen vom nächsten Monat an einen Autotyp kaufen -- den Moskwitsch 408 -, dessen Urgroßvater die Russen vor 21 Jahren als Kriegsbeute in Deutschland erobert hatten
In 59 Güterwagen transportierten die Russen damals die Produktionseinrichtungen des Opel-Kadett-Modells aus dem Jahre 1939 nach Moskau und bauten es dort bis 1955 im Original als Moskwitsch 400. Dann maßen sie ihm ein neues Blechkleid (Moskwitsch 402) an, dem sie erst 1965 bei ihrem dritten Modellwechsel den Typ Moskwitsch 408 folgen ließen,
Der konventionell gebaute Starrachser mit westlichem Styling und wassergekühltem 1,4-Liter-Vierzylindermotor (50 PS; 125 Stundenkilometer) erwies sich als leidlich erfolgreicher Devisenbringer. Die Russen exportierten rund 40 Prozent der jährlich produzierten 80 000 Moskwitsch. 20 000 Wagen konnten bisher ins westliche Ausland verfrachtet werden, davon allein im vergangenen Jahr 600 nach England und 800 nach Frankreich.
Trotz des Kaufpreises von 6020 Mark und des technischen Nachteils eines Getriebes ohne synchronisierten ersten Gang hofft Moskwitsch-Generalimporteur Karl-Heinz Stenvers, daß sich unter den bundesdeutschen Automobilisten zahlreiche Käufer für den Moskwitsch interessieren werden. Der Wagen, angepriesen als "automobilistische Besonderheit für Liebhaber", garantiere "den Status der Rarität".
In der Tat bietet die· mit Doppelscheinwerfern bestückte, "Elite de Luxe" genannte Exportausführung des robusten Sowjetautos nicht wenig: Radio, Sicherheitsgurte, Liegesitze, zwei Außenspiegel und eine Kühlerjalousie sind serienmäßig. Der groß dimensionierte Wasserdurchfluß seiner Heizung wurde für sibirische Kältegrade berechnet. Moskwitsch gewährleistet für 10 000 Kilometer oder zwölf Monate Garantie.
Vom Erfolg des Moskwitsch 408 will es Importeur Stenvers abhängig machen, ob er noch weitere Sowjetmobile ins Land holt: den luftgekühlten Kleinwagen Saporoschjez (dessen Konstruktion als Kreuzung zwischen Fiat 600 und VW gilt) und den 2,5-Liter-Wagen Wolga, für dessen eher ungefüge Erscheinung sich im westlichen Ausland bisher kaum Käufer erwärmen mochten.
Um das für 1967 vereinbarte bundesdeutsche Einfuhrkontingent von 500 Moskwitsch 408 glatt abzusetzen, bieten die Russen potentiellen Moskwitsch-Händlern eine fette Gewinnrate, von der Autohändler selbst im kapitalistischsten Land der Erde nicht zu träumen wagen: Der Nettopreis des für 6020 Mark angebotenen Fahrzeugs liegt bei 3000 Mark. Außerdem sollen die Händler beim Moskwitsch-Kauf Gebrauchtwagen zu Höchstpreisen hereinnehmen und in Ostblockstaaten, jedoch nicht nach Rußland, abschieben.
Schon binnen Jahresfrist will Moskwitsch für die 500 Autos ein Netz von 300 Service-Stationen einrichten -- prozentual einstweilen mehr als Opel, Ford und VW zusammen. Trotzdem wird der Moskwitsch 408 wie in der Sowjet-Union mit "besonders reichhaltigem Werkzeug" (Moskwitsch-Prospekt) und außerdem mit Andrehkurbel, Kabellampe. Luftdruckmesser und Luftpumpe geliefert.
Service-Netz und Bordausrüstung muten wie pure Verschwendung an. Der weitgehend wartungsfreie Moskwitsch 408 ist nach Aussage des Vizepräsidenten Pankratow "so zuverlässig wie Mütterchen Rußland".

DER SPIEGEL 6/1967
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