30.01.1967

„ÜBERALL HILFT DIE KIRCHE DEM FASCHISMUS“ROGER GARAUDY

-- 1913 in Marseille geboren, Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Frankreichs, Professor für Philosophie an der Universität von Poitiers, in der französischen Presse zumeist als "Chefideologe" der KP apostrophiert -- ist einer der Repräsentanten des zumal im außerrussischen Europa um sich greifenden neuen, liberalen Kommunismus. Zwei Ereignisse waren dem seit Stalins Tod (5. März 1953) rumorenden neuen Kommunismus förderlich:
* der XX. Parteikongreß der sowjetischen KP im Februar 1956, auf dem Nikita Chruschtschow den "monolithischen", dogmatischen Genickschuß-Kommunismus Stalins verdammte;
* das Zweite Vatikanische Konzil (Beginn Oktober 1962), dessen Initiator Papst Johannes XXIII. in einer am Gründonnerstag 1963 verkündeten Enzyklika "Pacem in terris" (Friede auf Erden) unter deutlicher Anspielung auf den Kommunismus und Sozialismus dazu mahnte, das "Gute und "Anerkennenswerte" dieser Bewegungen zu sehen.
Partei-amtliche Schlüsse aus den beiden Ereignissen zog vor allem die italienische KP. Sie erhob das van ihrem am 21. August 1964 verstorbenen Generalsekretär Palmiro Tagliatti hinterlassene "Memorandum" zum Leitprogramm. Darin hatte Togliatti kommunistisches Verständnis für das Christentum, für den Parlamentarismus, Individualismus und Nationalismus in Westeuropa propagiert (SPIEGEL 36/1966). Vorwiegend aber waren es intellektuelle Kommunisten, die sich für die neue Richtung begeisterten -- so in Polen die Philosophen Adam Schaff (ZK-Mitglied) und Leszek Kolokowski (im vorigen Jahr aus der Partei ausgeschlossen), in Ostdeutschland der Chemiker Professor Robert Havemann (von der SED seiner Ämter enthoben), in Osterreich der Schriftsteller Ernst Fischer, in Italien die Professoren Cesare Luporini (Florenz) und Lucio Lamborda Radice (Rom).
Unter den französischen Kommunisten machte sich Garciudy nach dem XX. Parteitag der Sowjet-KP zum Sprecher der neuen Richtung. Bis dahin hatte er als "gewissenhafter Wortführer des orthodoxen Kommunismus" ("Le Monde") gegolten.
Hatte er zum Beispiel, sich streng an die Parteilinie haltend, früher Sartres Werk "Das Sein und das Nichts" als "eine Philosophie der Blindgänger" bewertet, so sah er 1960 in dem Sartre-Werk "eines der wichtigsten Ereignisse der französischen Philosophie in diesem Halbjahrhundert".
Von da an wurde Garaudys Opposition gegen den orthodoxen Kommunismus immer deutlicher:
* Roger Garaudy: "Gott ist tot". Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 430 Seiten; 32 Mark.
* 1962 veröffentlichte er ein Werk über Hegel*, in dem er sich mit Hegels Idee der "Liebe" als der "konkreten Totalität" identifizierte;
* 1963 attackierte er die sowjetamtliche Ästhetik, den "sozialistischen Realismus", und setzte sich für die Anerkennung der Kunst Picassos, der Prosa Kafkas und der Lyrik van Samt-Jahn Perse ein;
* 1964 verstrickte er sich in eine Feder-Fehde mit Leonid Iljitschow, dem damaligen Christentum-Bekämpfer im ZK der sowjetischen KP;
* 1965 sprach er in Salzburg auf einer Tagung der Paulus-Gesellschaft van der "wunderbaren Konzeption der christlichen Liebe" (SPIEGEL 47/1966);
* ebenfalls 1965 veröffentlichte er die Broschüre "Vom Anathema zum Dialog", in dem er die Vorstellung von der "unendlichen Liebe Christi" als "schön" bezeichnete;
* schließlich 1966 propagierte er in einem Buch ("Marxismus im XX. Jahrhundert") die Erneuerung humanistischer Werte auf den Gebieten der Moral, der Religion und der Kunst.
Doch Garaudy ist nicht nur Philosoph, sondern auch Parteifunktionär, ein hoher sogar -- und er steht mitten im Handgemenge einer schwerfälligen, bürokratisierten Parteiführung, die sich nur unter äußerster Anstrengung der auseinanderstrebenden Kräfte innerhalb ihrer eigenen Kreise erwehren kann.
Garaudys "Dialog"-Politik hat viele Gegner -- unter den Linken innerhalb der KPF und noch mehr unter den "Chinesen " die inzwischen eine eigene KPF gründeten. Wenige Wochen bevor Garaudy mit dem SPIEGEL sprach, war sein Freund und enger Mitarbeiter, der KPF-Ideologe Gilbert Mury, zu den "Chinesen" übergelaufen -- nicht zuletzt aus Horror vor Garaudys "Dialog"-Philosophie.
Sogar KPF-Parteisekretär Waldeck Rochet warnte des öfteren vor den allzu "apologetischen" Christentums-Vorstellungen Garaudys.
Garoudy schützt sich gegen solchen Tadel häufig, indem er die christlichen Kirchen, deutlicher noch: die "Hierarchien" der Kirchen scharf attackiert, dabei aber das gemeine Christenvolk, "die Christen", ausnimmt.
Trotz solcher Manöver bleibt Garaudys Lage in der Parteispitze prekär. Auf dem 18. Kongreß der KPF Anfang Januar gab Waldeck Rochet der Garaudy-Linie zwar auf dem Gebiet der Kunst Spielraum. doch auf dem wichtigeren Gebiet, dem der Weltanschauung, betonte der Parteisekretär den Vorrang der Parteistrategie: Die Partei-Philosophie müsse den Bezug zur Politik im Auge behalten.
Garaudys Dialog-Angebot an das Christentum bleibt mithin eine Funktion der Politik der Partei.

DER SPIEGEL 6/1967
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