22.09.1969

AFFÄREN / BERGAuf Notwehr gemünzt

Das Wort führte der Präsident: "Die hätte doch ruhig schießen sollen, einen totschießen, dann herrschte wenigstens wieder Ordnung."
Als Fritz Berg, 68, seit zwei Jahrzehnten erster Repräsentant der deutschen Industrie, den Satz vollendet hatte, schwiegen seine Zuhörer im 6. Stockwerk der Düsseldorfer Industriekreditbank. Darauf insistierte der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband: "Sie können weite erzählen, daß ich das gesagt habe"
Einer erfüllte den Wunsch -- und richtete dem SPIEGEL die Worte des Präsidenten aus. Das Berg-Zitat wurde am Montag letzter Woche in einem SPIEGEL-Bericht über eine Streik-Story der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht.
Sechs Tage zuvor hatte die "FAZ" ihre Frontseite mit der Meldung aufgemacht, bei den wilden Streiks an der Ruhr hätten "Aufrührer" die Villa des Generaldirektors der Dortmunder Hoesch AG, Dr. Fritz Harders, stürmen wollen. Aber Harders-Gattin Ulla habe "mit einer Pistole in der Hand" ihr Heim gegen den Mob verteidigt. Berg am vorletzten Freitag in der Industriekreditbank: "Da stimmt jedes Wort. Nicht nur die "FAZ' hat das geschrieben. Es stand auch in der "Bild-Zeitung".
Die "FAZ" hatte sich bereits dementiert, als in Berg der Wunsch aufbrach" es hätte ruhig einer erschossen werden können. Eine Konfrontation von Frau Harders mit den Demonstranten habe, so das Frankfurter Blatt, "glücklicherweise" gar nicht stattgefunden. Aber Berg hatte die Morgenzeitung der Unternehmer nicht gelesen.
Der Satz, mit dem sich der Präsident der deutschen Industrie als "Schlagetot" (Frühschoppen-Chef Werner Höf er) entpuppte" löste die heftigste Affäre um den Matratzen-Fabrikanten aus dem Sauerland aus. Empört verlangten Gewerkschaftler und Zeitungen den Rücktritt des BDI-Chefs.
Nicht zum erstenmal hatte der Präsident starke Worte gefunden. Seit er 1949 an die Spitze des Verbandes trat, gehörten Rüpeleien -- vornehmlich gegen SPD und Arbeitnehmer -- zum guten Ton.
1952 warf Redner Berg bei der Eröffnung der Industrieausstellung in Berlin der SPD "Mangel an nationaler Gesinnung" vor -- Festgäste verließen laut protestierend den Saal.
1960 bezeichnete der BDI-Präsident einen Journalisten, der seine Politik kritisiert hatte, als "Schwein". Ein Jahr später warf Berg als Aufsichtsratsvorsitzender der Industriekreditbank den Darmstädter Aktionär Erich Nold aus der Hauptversammlung. Nold hatte die Vorstandsbezüge moniert, die in einem Jahr um 150 000 Mark erhöht worden waren. Berg zu Nold: "Das geht Sie einen Dreck an."
CDU-Freund Berg brüstete sich mit seinen guten Beziehungen zu Adenauer: Er brauche nur zum Kanzler zu gehen, und alle Vorschläge (Wirtschaftsminister) Erhards seien "endgültig vom Tableau".
Jede Kritik ließ der von Paukschmissen schwer gezeichnete Verbandsboß, den eine New Yorker Zeitung als "typischen deutschen Bierstudenten" charakterisierte, an sich ablaufen. Ungeschlachte Auftritte hielt der Mittelständler, der die Attitüde des klassenkämpferischen Gründer-Kapitalisten bis in die Gegenwart konservierte, stets für die rechte Industrie-Diplomatie. Berg: "Die Interessen der Produktion pflegen, wenn sie auftreten, selten mit Glacéhandschuhen zu erscheinen."
Für die Interessen der Produktion, wie er sie versteht, setzte sich der deplacierte Präsident auch beim Stehkonvent in Düsseldorf ein. Seinen Mitarbeitern blieb es überlassen, die Schieß-Empfehlung herunterzuspielen: Die Äußerung sei "nicht prinzipiell gemeint, sondern auf Notwehr gemünzt"; der Präsident habe sich über "Radikalinskis" und "gesteuerte Aufrührer" empört.
Bevor die Fahndung nach dem SPIEGEL-Informanten anlief, klingelte am Montagvormittag letzter Woche bei Berg das Telephon: Dr. Juergen Krackow, Generaldirektor der Bremer Werft AG Weser, bekannte freiwillig, Bergs Zitat weitergereicht zu haben. In einem zur Veröffentlichung freigegebenen Brief an den Präsidenten bedauerte Krackow alsbald, "daß hier eine aus dem Zusammenhang gerissene temperamentvolle Äußerung überhaupt und dann allein und deshalb den Sinn entstellend wiedergegeben worden ist".
In welchem anderen Zusammenhang das in jedem Zusammenhang aufschlußreiche Zitat zu verstehen sei, schilderte Krackow: Berg habe in dem vom BDI als "Gegendarstellung" apostrophierten Schreiben "nicht Arbeiter, sondern gesteuerte Aufrührer" gemeint -- der SPIEGEL hatte auch exakt von "Aufrührern" geschrieben.
Vom Berg-Zitat selbst aber rückte der zu Löscharbeiten aufgerufene Werftchef aus Bremen nicht ab.

DER SPIEGEL 39/1969
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