22.09.1969

LANDWIRTSCHAFT / SCHLACHTPRÄMIENKnopf im Ohr

Nur eine tote Kuh, so entschieden in der letzten Woche die Landwirtschaftsminister der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Brüssel, ist eine gute Kuh.
Weil sie anders der rasch wachsenden Flut von Milch und des immer höher aufgetürmten Berges unverkäuflicher Butter nicht mehr Herr werden können, wollen Deutschlands Hermann Höcherl und seine fünf Fachkollegen das EWG-Überschußproblem nunmehr mit dem Bolzenschußapparat lösen.
Von November an sollen binnen sechs Monaten 500 000 europäische Milchkühe abgeschlachtet oder trockengelegt werden. Je Stück Rindvieh zahlen die Eurokraten den Bauern 800 Mark Prämie. Die insgesamt 400 Millionen Mark sollen je zur Hälfte aus der durch sogenannte Abschöpfungen gespeisten EWG-Kasse und direkt aus den nationalen Haushalten der sechs Mitgliedsländer der Gemeinschaft abgezweigt werden.
Das Kopfgeld aus Brüssel ist an zwei Empfänger-Gruppen adressiert:
* an Klein-Kuhhalter mit mindestens zwei und höchstens zehn Stück Milchvieh; sie bekommen bis zu 8000 Mark Prämie, wenn sie ihren gesamten Viehbestand liquidieren; an größere Milchbauern; ihnen winkt die volle Prämie, wenn sie keine Milch mehr an die Molkereien abliefern und statt dessen ihre Kühe mästen.
Dabei ist freilich zweifelhaft, ob die teuren Schlachtprämien zu der gewünschten Entlastung des Milchmarktes führen. Von 22 Millionen Kühen in Westeuropa müßte während der von Brüssel angesetzten Halbjahresfrist ohnehin eine Million geschlachtet werden, weil sie alt und unwirtschaftliche Milchspender geworden sind.
Und da der Schlacht-Plan von Fachleuten schon seit langem diskutiert wird, gewährten kluge EWG-Bauern ihrem moribunden Milchvieh in der begründeten Hoffnung auf eine neue Subventions-Art schon länger ein lukratives Gnadenbrot.
Bis zum Beginn der Aktion haben die Bauern ohnehin noch Zeit. ihre Prämienansprüche durch geschickten Tausch oder Zukauf aufzubessern. Beispielsweise können kleine Bauern gute Milchkühe an Berufskollegen abgeben, die auch in Zukunft Milch produzieren wollen, und statt dessen zugekaufte schlechte Kühe in den Stall nehmen. Zum Prämien-Inkasso genügen ihnen auch ältliche Tiere (Agrar-Jargon: "Krücken").
Um solchen Mißbrauch zu verhindern, will der Bund mit Hilfe der Länder und Landwirtschaftskammern das unerwünschte deutsche Milchvieh möglichst schnell noch plombieren. Hermann Höcherls neue Steift-Tiere werden sämtlich einen Knopf im Ohr tragen. Die Geldprämie wird dann gegen Vorlage der Plombe und einer zugehörigen Sterbeurkunde des Schlachthofes ausbezahlt.
"Selbst bei sehr hohem Verwaltungsaufwand" jedoch, so urteilte der Agrarwissenschaftler Dr. Arnim Röckseisen von der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel, seien "Mißbrauch ausschließende Kontrollen kaum möglich".
Insbesondere läßt sich nicht kontrollieren, wo die Milch der von einem Tag auf den anderen trockengelegten Kühe bleiben wird. Selbst Hermann Höcherl zweifelt daran, daß sie voll zur Mast verwendet werden kann. Im Kreise seiner Brüsseler Kollegen sprach der Fachmann: "Sogar das trunkfreudigste Kalb kann im Jahr höchstens 1200 Liter saufen. Wo bleibt der Rest, meine Herren?"
Da Europas Kühe im Jahr durchschnittlich 3300 Liter Milch geben, sind die subventionierten Trockenleger in der Tat versucht, die überschüssigen 2100 Liter mit Hilfe freundlicher Nachbarn doch noch zum hohen EWG-Preis in die Molkerei zu schaffen und so doppelte Subventionen zu kassieren. Mit dem befohlenen Massen-Tod der Kühe erklärt Brüssel praktisch den Bankrott der Milchmarkt-Ordnung.
Bei jährlichen Überschüssen von fünf Milliarden Liter Milch läßt sich die EWG die Preisstützung und Vorratshaltung schon bislang eine Mark je Liter kosten. Daran wird auch die neue Prämie nichts ändern. Das Bonner Ernährungsministerium hat durch eine Umfrage herausgefunden, daß trotz des Kopfgeldes nur jeder achte deutsche Bauer daran denkt, die Milchproduktion aufzugeben. Jeder vierte aber will zusätzliche Kühe anschaffen.
Mithin wird der Butterberg weiter wachsen. Höcherls Kabinettskollege Schiller hat errechnet, daß die in EWG-Kühlhäusern gelagerten Milchfette (400 000 Tonnen) bereits mehr wiegen als beispielsweise alle Einwohner Österreichs zusammengenommen.
Und ein Unfug zeugte den nächsten. Schon hat der Deutsche Bauernverband als Folge der Schlachtprämien einen neuen Agrarberg ausgemacht. Weil sonst "Preiszusammenbrüche für Rindfleisch" drohen, fordert die Grüne Front bereits "sorgfältigste Steuerung" des Rindfleischmarktes.
Der Weg der toten Herde ist damit schon vorgezeichnet: Das prämienbegünstigte Schlachtvieh wird -- auf Kosten des Steuerzahlers -- von den staatlichen Einfuhr- und Vorratsstellen aufgekauft, zu Konserven verarbeitet, im Kühlhaus eingelagert und am Ende weit unter dem Gestehungspreis verschleudert.

DER SPIEGEL 39/1969
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