18.08.1969

„KONKRET“K 2 r

Noch im Mai verteidigte der stellvertretende "Konkret"-Chefredakteur Uwe Nettelbeck die "einzige linke Publikumszeitung der Bundesrepublik", zu der er zwei Monate zuvor von der liberalen "Zeit" hinübergewechselt war. Klaus Rainer Röhl, Eigentümer, Herausgeber und Chefredakteur des linken 14-Tage-Blatts (Auflage: 220 000), 50 wähnte Nettelbeck damals, habe die "Ära seiner einsamen Beschlüsse" beendet: "Konkret' ist kein Ein-Mann-Blatt mehr."
Und der Chef und sein Stellvertreter wurden nicht müde, auch ihre Leser an das neue Zwei-Mann-System zu gewöhnen. Leitartikelte Röhl gegen "allzu ungeduldige Marcuse-Leser und Reinheitsapostel", so hielt ihm Nettelbeck in der nächsten Nummer vor, er wolle damit "Auflage machen". Analysierte Nettelbeck die "Frustration antiautoritärer Emanzipationsbedürfnisse", so höhnte Röhl: "Scheißrevolutionäre."
Die Diskussion mit seinem Nettelbeck, der "Konkret" zu einem "Forum für linke Agitation" ausbauen wollte, beendete Röhl nun nach dem Hire-and-fire-Prinzip des Unternehmers.
Am Sonnabend vorletzter Woche kündigte der "Konkret"-Chef "fristgerecht zum 1. September" per Einschreibebrief. Nettelbeck, der ein Monatsgehalt von 3250 Mark plus Leitartikelhonorar bezog, nahm das Papier "erleichtert", wenn auch "mit Bedauern" zur Kenntnis.
Röhl, einst Linksaußen der deutschen Blattmacher' mittlerweile aber vom Pärchen-Magazin "Jasmin" zur Prominenz erhoben ("Der Sozialist mit Porsche und Jugendstilvilla"), strebt mit steigender Auflage seines Blatts nach einem Bündnis -- wenn nicht mit dem Establishment, so doch "mit den, liberalen Scheißern und mit den demokratischen Scheißern und den Scheißern in der Kirche und in den Gewerkschaften und den Scheißern von der DKP". Nettelbeck, der einst in der "Zeit" Filmkritiken und Prozeßfeuilletons verfaßte, wurde das zuviel: "Ein ganz grauenvoller Laden."
Aber nicht nur politisch, auch über das "Thema eins" entzweiten sich die beiden. Nettelbeck über Röhl: "Der wollte unbedingt mit dem Niveau runter und immer seine Knaller-Baller-Titel," Röhl über Nettelbeck: "Der wollte auch nackte Weiber vorne haben -- nur andere. Sehen Sie sich seine Nummer neun an. Da sackt mir ja die Auflage weg."
Auflage aber wittert Röhl, der sich selbst einen sicheren "Marktinstinkt" bescheinigt, nicht mehr bei den "Ästheten der "schicken Linken"' oder den "Bilderstürmern des Anarchismus". Auf deren "persönliche Wünsche nach Reinheit und Vollkommenheit" will Klaus Rainer Röhl (Redaktionsjargon: "K 2 r") künftig nicht mehr "so viel Rücksicht nehmen".
In seiner Personalpolitik kennt der Verleger schon längst keine Rücksicht mehr. Allein während des letzten halben Jahres feuerte er:
* seine frühere Ehefrau, die "Konkret"-Kolumnistin Ulrike Marie Meinhof, die über die "Verinnerlichung des verlegerischen Profit-Interesses" geleitartikelt hatte (SPIEGEL 20/1969);
* linke Jung-Redakteure wie Peter Homarm und Reinhard Kahl, die gegen den Herausgeber agitiert hatten ("Raus kleiner Röhl") und
* Wirtschafts-Ressortleiter Jürgen Räuschel, der einen Betriebsrat in der Redaktion organisieren wollte. Nach Nettelbecks Entlassung kann K 2 r freilich nicht mehr lange säubern. Röhl: "Wir sind ja nur noch fünf Mann."

DER SPIEGEL 34/1969
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