18.08.1969

UNTERGANG DER HÄLFTE DER MENSCHHEIT

Seit Jahren werden angebliche chinesische Zitate verbreitet, die den atomaren Massenmord als Mittel der Weltrevolution erscheinen lassen. Der SPIEGEL veröffentlicht die chinesischen Originalzitate und ihre Wiedergabe in sowjetischen und westlichen Quellen.
KPdSU-Chef Breschnew vor der roten Weltkonferenz am 7. Juni in Moskau:
"Viele von den anwesenden Genossen erinnern sich offenbar noch an die Rede, die Mao Tse-tung in diesem Saal, auf der Beratung von 1957, hielt. Mit erstaunlichem Leichtsinn und Zynismus sprach er vom eventuellen Untergang der Hälfte der Menschheit im Falle eines Atomkrieges."
Der Formosa -Informationsdienst "Freies Asien" erklärte dazu, Breschnew habe "endlich die Geheimrede von Mao Tse-tung vor aller Weltöffentlichkeit bestätigt ... Hin und wieder haben die Mao-Anbeter in der westlichen Welt diese Geheimrede bisher in Abrede zu stellen versucht. Nun wollen wir gerne wissen, was sie zu den von Breschnew zitierten Thesen Maos über den Atomkrieg noch zu sagen haben ..."
Die angebliche Mao-These von einer Hinnahme des Untergangs der Hälfte der Menschheit war erstmals durch eine Äußerung des jugoslawischen Parteichef 5 Tito weltweit bekannt geworden. Laut Belgrader "Borba" vom 16. Juni 1958 erklärte Tito:
"Aber mit Hilfe des Krieges werden verschiedene Probleme beim Aufbau des Sozialismus nicht "gelöst, auch dann nicht, wenn ein Land 600 Millionen Einwohner hat, was einige Leute häufig und gern unterstreichen, indem sie darauf hinweisen, daß im Falle eines eventuellen Krieges noch immer ungefähr 300 Millionen Chinesen übrigbleiben würden."
Mao Tse-tung erklärte am 18. November 1957 auf der Moskauer Weltkonferenz laut Peking-Rundschau vom 6. September 1963:
"Laßt uns überlegen, wie viele Menschen sterben werden, wenn ein Krieg ausbricht. Von der Weltbevölkerung mit 2700 Millionen mag ein Drittel oder -- wenn mehr -- die Hälfte verlorengehen. Sie (die Imperialisten) sind es, nicht wir, die kämpfen wollen; wenn ein Kampf beginnt, mögen Atom- und Wasserstoffbomben geworfen werden."
Wiedergabe der -- bis dahin von den Sowjets noch nicht beanstandeten -- Mao-Äußerung in der sowjetischen Regierungserklarung vom 21. September 1963 (Laut "Prawda" vom 22. September 1963) mit einem Satz, der in der chinesischen Quelle fehlt, aber angeblich aus einem (nie veröffentlichten) Konferenzprotokoll stammt:
"Kann man sich vorstellen, wie viele Menschenopfer ein zukünftiger Krieg mit sich bringen kann? Möglicherweise wird es ein Drittel der 2700 Millionen Bewohner der Welt sein, das heißt nur 900 Millionen. Ich halte das sogar für ziemlich niedrig, wenn wirklich Atombomben fallen. Natürlich ist das höchst schrecklich. Aber selbst die Hälfte wäre nicht so schlimm. Warum? Weil nicht wir es waren, die zu kämpfen wünschten, sondern sie. Sie erlegen uns den Krieg auf. Wenn wir kämpfen, werden Atom- und Wasserstoffbomben angewandt werden. Persönlich glaube ich, daß in der ganzen Welt solches Leiden sein wird, daß die Hälfte der Menschheit und vielleicht sogar mehr als die Hälfte umkommen wird."
Mao Tse-tung sagte ferner am 18. November 1957 laut Peking-Rundschau:
"Ich besprach diese Sache mit einem fremden Staatsmann. Er glaubte, daß, wenn ein Atomkrieg ausgefochten würde, die ganze Menschheit vernichtet würde. Ich sagte, daß, wenn das Schlimmste zum Schlimmen käme und die Hälfte der Menschheit stürbe, doch die andere Hälfte bliebe, während der Imperialismus bis auf den Grund ausgetilgt wäre und die ganze Menschheit sozialistisch werden würde; in einer gewissen Zahl von Jahren würde es wieder 2700 Millionen Menschen geben und letztlich sogar mehr."
Wiedergabe dieser Mao-Äußerung in der sowjetischen Regierungserklärung vom 21. September 1963 (mit einem Satz, der im Pekinger Text fehlt):
"Ich sprach darüber mit Nehru. In dieser Beziehung ist er pessimistischer als ich. Ich sagte ihm, daß, wenn die Hälfte der Menschheit vernichtet wird, so bliebe noch eine Hälfte, dafür würde der Imperialismus ganz zerstört, und es würde dann auf der Welt nur noch den Sozialismus geben, und innerhalb eines halben Jahrhunderts oder eines ganzen Jahrhunderts wird sich die Bevölkerung wieder und um mehr als die Hälfte vermehren."
Am 22. August 1956 soll der damalige chinesische Verteidigungsminister, Peng Teh-huai, erklärt haben (Quelle: Akio Doi, Begegnung mit Mao Tsetung, Tokio 1957, Seite 65/66):
"Amerika besitzt Atomwaffen und bedroht uns mit ihnen. Aber wir haben keine Angst vor einer atomaren Kriegsführung. Warum? Weil China 600 Millionen Menschen hat. Selbst wenn 200 Millionen durch Atomwaffen getötet werden, würden noch 400 Millionen überleben. Selbst wenn 400 Millionen getötet würden, würden noch 200 Millionen überleben, würde China noch ein großes Land in der Welt darstellen. Überdies werden diese 200 Millionen Menschen auf keinen Fall kapitulieren. Deshalb wird am Ende Amerika den Krieg verlieren."
Peng Teh-huai wurde 1959 wegen seiner Mao-feindlichen strategischen Konzeption abgesetzt; an seine Stelle trat als Verteidigungsminister Lin Piao, der 1969 Mao-Nachfolger wurde.
Der deutsche Asien-Spezialist Klaus Mehnert in seinem Buch "Peking und Moskau", Seite 447:
"Öffentlich sprachen die ratchinesischen Parteideologen für den Fall eines Atomkrieges immer nur von der Vernichtung des Gegners, etwa so:
"Wenn die Vereinigten Staaten oder andere Imperialisten ... einen Krieg beginnen und Atom- und Kernwaffen verwenden, so wird das Ergebnis lediglich die sehr rasche Zerstörung dieser Ungeheuer ... sein und sicher nicht die sogenannte Vernichtung der Menschheit!'
Schon die zynische Wendung "sogenannte Vernichtung der Menschheit' ist bemerkenswert und zeugt von einer Gefühlsroheit, die zwar auch bei russischen Kommunisten anzutreffen ist, von diesen aber meist weniger offen gezeigt wird ..."
Das zynische Wort "sogenannte" fehlt im chinesischen Originaltext; wesentliche Passagen sind in der Wiedergabe Mehnerts ausgelassen. In Wahrheit hatten die Chinesen erklärt der "Peking Review" vom 26. April 1960):
"Wenn die Vereinigten Staaten oder andere Imperialisten es ablehnen, einen Vertrag über das Verbot von Atom- und Nuklearwaffen abzuschließen, und durch Anzetteln eines Atom- und Nuklearkrieges es wagen sollten, dem Willen der ganzen Menschheit ins Gesicht zu schlagen, wird das Ergebnis die sehr rasche Zerstörung dieser Ungeheuer sein, eingekreist von den Völkern der Welt, und das Ergebnis wird gewiß nicht die Vernichtung der Menschheit sein.
Wir widersetzen uns konsequent dem Anzetteln verbrecherischer Kriege durch den Imperialismus, denn imperialistische Kriege würden außerordentliche Opfer den Völkern verschiedener Länder auferlegen (einschließlich den Völkern der Vereinigten Staaten und anderer imperialistischer Länder). Sollten aber die Imperialisten solche Opfer den Völkern verschiedener Länder auferlegen, so glauben wir -- wie die Erfahrung der russischen und der chinesischen Revolution beweist -, diese Opfer würden wiedergutgemacht.
Auf den Trümmern des toten Imperialismus würde das siegreiche Volk sehr rasch eine Zivilisation. tausendmal "höher als das kapitalistische System und eine wahrhaft schöne Zukunft für sich schaffen."
Den letzten Satz nennt Mehnert "pervers" und eine "Vision von den herrlichen Folgen des Atomkriegs".
Laut sowjetischer Regierungserklärung vom 21. September 1963 hat Tao Tschu, ZK-Mitglied der KPCh (in der Kulturrevolution gestürzt), einem tschechoslowakischen Journalisten, der auf die Gefahr einer Vernichtung des tschechoslowakischen Volkes im Fair eines Atomkrieges hinwies, erklärt:
"Im Falle eines Vernichtungskrieges müssen die kleinen Länder, die zum sozialistischen Lager gehören, ihre Interessen den gemeinsamen Interessen des gesamten Lagers unterordnen.
Das war die erste Formulierung des theoretischen Inhalts der heutigen Breschnew-Doktrin.

DER SPIEGEL 34/1969
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