09.06.1969

WERTPAPIERE / BMWKurs 1000?

Zum größten Machtkampf in der Geschichte der deutschen Autoindustrie sind zwei Milliardäre angetreten: Friedrich Flick und Herbert Quandt ringen um Bayerns Gloria, die Münchner Autofirma BMW. Quandt will bei den Bayerischen Motoren Werken alle Macht, Flick will die absolute Quandt-Herrschaft verhindern.
Das Schlachtengemälde haben letzte Woche Deutschlands Börsianer entworfen. Seit das Gerücht unter den Spekulanten umgeht, die Giganten führten einen Zweikampf um BMW, spurtete der Kurs der Auto-Aktie allen anderen Industriepapieren davon. Allein am vergangenen Dienstag legte BMW 40 Punkte zu, am Mittwoch folgten weitere 25 Pluspunkte Donnerstag notierte BMW mit 850 an den Maklertafeln.
In die vorderste Linie der Spekulationsscheine war die Aktie der weißblauen Autofirma zu Jahresbeginn vorgerückt. Damals kaufte sich der Bad Homburger Großindustrielle Dr. Herbert Quandt, Herr über vier Dutzend Elektro-, Maschinen- und Textilfirmen, zielstrebig bis zur Mehrheit am BMW-Kapital von 100 Millionen Mark hoch. Der Kurs, im April 1968 noch bei 445, zog auf 655 Punkte an.
Im Besitz von 51 Prozent, trieb Quandt BMW-Politik auf eigene Faust. Sein erstes Opfer wurde der Berner Industrielle Dr. Jacques Koerfer, mit dem er bis dahin loyal zusammengearbeitet hatte.
Koerfer, seit 1961 mit zehn Prozent an BMW beteiligt, ermöglichte jahrelang mit seinem Anteil dem Partner Quandt jeden Mehrheitsbeschluß. Dafür überließ ihm der Homburger den stellvertretenden Vorsitz im Aufsichtsrat; Ratspräsident war längst der Quandt-Freund Dr. Hermann Karoli, ein Essener Wirtschaftsprüfer.
Als Quandt BMW allein majorisieren konnte, wollte er auch das Vize-Amt im Aufsichtsrat mit einem eigenen Mann besetzen. Die Degradierung zum einfachen Ratsmitglied beantwortete Koerfer mit einem totalen Verzicht: Im Mai dieses Jahres verkaufte er sein BMW-Paket Einstandspreis: 20 Millionen Mark -- für 70 Millionen an den Kölner Großversicherer Hans Gerling.
Den Spekulanten war die Transaktion nicht geheuer. Denn sie sind sicher, daß bei Gerling das Paket nicht Daueranlage, sondern nur vorübergehend "geparkt" ist. Für den endgültigen Besitz kommen die streitenden Nabobs Quandt und Flick in Frage, deren Auto-Interessen seit langem bei der Stuttgarter Daimler-Benz AG kollidieren: Flick hält 40, Quandt 14 Prozent aller Mercedes-Aktien.
Friedrich Flick, 85, betrachtet das Quandt-Engagement bei BMW schon längst mit Argwohn. Denn die Münchner haben sich angeschickt, mit ihren sportlichen Karossen in angestammte Mercedes-Märkte einzubrechen. Flick muß ständig fürchten, daß Herbert Quandt, 58, seine Bayerischen Motoren Werke eines Tages an einen kapitalstarken Konkurrenten verkauft und daß BMW dann mit noch mehr Marktmacht auffährt.
Ober Flicks heimliches Abwehrkonzept mutmaßen die Börsenprofis: Er kauft BMW-Aktien, wo immer er sie bekommen kann, und rechnet damit, auch noch das Gerling-Paket zu erwischen. Sein Ziel sei eine 25prozentige Beteiligung an BMW, mit der er laut Aktiengesetz alle wichtigen Quandt-Beschlüsse blockieren (Sperrminorität) und die Münchner Firma unter Kontrolle halten könnte.
Aus der stürmischen BMW-Hausse schließen die Spekulanten auf ein dramatisches Finish zwischen Flick und Quandt. Denn Quandt, der auch an dem Gerling-Paket interessiert ist, müßte seinen Anteil auf über 75 Prozent ausdehnen, wenn er vor Friedrich Flick sicher sein will.
Die Preisfrage, ob Flick eher 25 oder Quandt eher 75 BMW-Prozente erreicht, wagt kein Insider zu beantworten. Alle aber wollen genau wissen, wohin der BMW-Kurs zieht: auf die Kursmarke 1000.

DER SPIEGEL 24/1969
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