09.06.1969

BERLIN / KINDERVereinigt euch

Sie piepsten die "Internationale", schwenkten rote Fahnen im Miniformat und krähten radikale Parolen: "Mehr Eltern für jedes Kind."
93 Apo-Zöglinge -- zu Fuß, in Tragetaschen, Kinderwagen oder Huckepack -- und ebenso viele Mütter und Väter zogen am 1. Juni bei der ersten West-Berliner Kinder-Demonstration über die Steglitzer Schloßstraße. 135 Ordnungshüter und 20, zum erstenmal zum Außendienst abkommandierte weibliche Schutzpolizisten (Bürokraten-Jargon: "Wespen") eskortierten sie.
Auf Transparenten forderten Püppis und Papis: "Kinder aller Länder, vereinigt euch" und "Starfighter nein, Kindergärten ja". Flugblätter verkündeten:
* "Es gibt weder genug Kinderspielplätze noch genug schöne Kindergärten",
* "es gibt nicht genug gutbezahlte Kindergärtnerinnen",
* "Kinderspielzeug wird so hergestellt, daß es sofort kaputtgeht". Und die Mamis klagten im Chor: "Mütter von zwei Kindern brauchen stärkere Nerven als Testpiloten."
Die Idee zum Go-um der linken Hosenmätze stammte von der Steglitzer Neun-Mann-"Kommune 99" ("K 99"), zu deren Mitgliedern die Schriftstellerin und DDR-Emigrantin Ute Erb" zwei Kinder ("Die Kette an deinem Hals"), zählt. Den Erb-Kommunarden schien es hohe Zeit, gegen den in der Tat chronischen Mangel an Kindergärten wie Kindergärtnerinnen in West-Berlin zu rebellieren.
Der Vorschlag zur Straßendemonstration stieß im Lager der antiautoritären Apo-Genossen allerdings auf Widerstand. Dem "Zentralrat der sozialistischen Kinderläden" (der 15 Apo-eigenen Kindergärten in West-Berlin) war ein Umzug en famille nicht radikal genug. Die Zentralräte wollten bei dieser Gelegenheit wenigstens eines der Berliner staatlichen Hauptkinderheime besetzen oder doch zumindest einen der städtischen Kindergärten erstürmen.
In der ultra-linken "Roten Pressekorrespondenz" bemängelte der Zentralrat den Verzicht auf ein derart "konkretes Demonstrationsziel" und lehnte die Teilnahme der Kinderläden mit der Begründung ab, die Veranstaltung der K 99 liefere genau jenes "Feigenblättchen" das die Herrschenden von uns immer zum Beweis ihrer demokratischen Liberalität wünschen".
Die Steglitzer Kommunarden jedoch vertrauten -- durch die Zusage dreier Kinderläden bestärkt -- auf die Solidarität der linken Genossen, kauften 96 Luftballons, zwei Waschpulvereimer voll Bonbons, eine Tragetasche Dauerlutscher und zehn Flaschen Himbeersirup" Marke "Delta". zu 1,48 Mark das Stück. Ihre Ankündigung, nach der Demonstration gäbe es im Treitschkepark ein Kinderfest mit Kasperle-Theater" brachte schließlich an die hundert Sprößlinge samt Anhang auf die Beine.
Peter Paul Zahl, Drucker von Untergrundzeitungen" machte den Kasper und unterhielt die Festversammlung vom jüngsten -- Kolja Hölzer, zwei Monate -- bis zum ältesten -- dem Apo-Original "Roter Konrad", 60 -- mit Sprüchen wie: "Ja, Kinder, stellt euch vor, der Bürgermeister Neubauer will den Kindergarten zumachen, er braucht das Geld, um Kanonen zu kaufen"
Freilich, gegen Abend kam zumindest den jüngeren, von soviel Lustbarkeit ermüdeten Teilnehmern das Bewußtsein vom Sinn der Aktion abhanden. Nickel Pampuch, 6, Mitglied der K 99 und Bonbon-Verteiler, konnte sich nicht mehr so recht erinnern, warum er demonstriert hatte. "Mensch, das weiß ich jetzt nicht."

DER SPIEGEL 24/1969
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