09.06.1969

„Wir werden am Galgen enden!“

5. Fortsetzung
Die erste Warnung kam von einem SS-Führer. Kripo-Chef Arthur Nebe, SS-Gruppenführer und Konfident der Verschwörer, alarmierte im Herbst 1942 den Generalmajor Hans Oster: In der Gestapo-Zentrale plane man einen Schlag gegen die Widerständler in der Abwehr; Hauptziel ihres Angriffs sei Dr. Hans von Dohnanyi, der Chefdenker der Oster-Gruppe.
Der Warnung folgten andere. Osters Mitarbeiter von Guttenberg, der Abwehr-Hauptmann Gehre, der Kriegsverwaltungsrat von Moltke, der Rechtsanwalt Langbehn -- jeder mahnte, sich vor der Gestapo in acht zu nehmen. Alle hatten sie gehört, Dohnanyis Post werde überwacht, er selber auf der Straße beschattet.
Anfang Februar 1943 verschärfte Nebe seine Warnungen: Jeden Augenblick könne etwas passieren, höchste Vorsicht sei geboten. Die Nachrichten klangen so dramatisch, daß Dohnanyi seinen bereits nach München zu einer Rom-Reise aufgebrochenen Schwager Dietrich Bonhoeffer wieder nach Berlin zurückrief.
Dohnanyi fühlte sich derartig beobachtet, daß er sich nicht mehr an die nach Zossen verlagerten Geheimpapiere der Oster-Gruppe heranwagte. Dabei bestand Abwehr-Chef Wilhelm Canaris, der die Unvorsichtigkeit seines Freundes Oster kannte, immer wieder darauf, alle heiklen Papiere aus der Welt zu schaffen.
Noch am 4. April erkundigte er sich bei Oster, ob er auch wirklich keine verfänglichen Dokumente in seiner Abteilung liegen habe. Oster beruhigte den Amtschef. Die Verschwörer in der Abwehr waren gründlich gewarnt, ein Coup der Gestapo konnte sie nicht mehr überraschen. Doch als das Regime zum Schlag ausholte, offenbarten sie eine fatale Hilflosigkeit.
Am 5. April 1943 gegen 10 Uhr brach der Gegner In die Zentrale der Verschwörer ein, freilich nicht mit jenem Getöse, das die Männer um Oster erwartet hatten. Er kam leise und gleichsam gut getarnt: Statt eines Rollkommandos handschellenklirrender Gestapo-Beamter erschien ein kleiner, bulliger Mann in der Uniform eines Luftwaffen-Obersten; ihn begleitete ein Zivilist, der sich betont zurückhielt.
Als die beiden vor Canaris standen, stellte der Uniformträger sich und seinen Begleiter vor: Oberstkriegsgerichtsrat Dr. Manfred Roeder, Sonderbeauftragter des Reichskriegsgerichts, und der Kriminalsekretär Franz Xaver Sonderegger, Sachbearbeiter im Referat IV E 6 des Geheimen Staatspolizeiamtes, baten Canaris um eine vertrauliche Unterredung.
In dürren Worten eröffnete ihm Roeder, er sei vom Präsidenten des
* Auf der Fahrt zur Beerdigung Heydrichs in Berlin, Juni 1942.
Reichskriegsgerichts ermächtigt worden, den Sonderführer Dr. Hans von Dohnanyi zu verhaften und dessen Dienstraum zu durchsuchen. Dohnanyi stehe in dem dringenden Verdacht, sich zahlreicher Devisenvergehen, der Korruption und Verletzung von Dienstpflichten schuldig gemacht zu haben; auch seien landesverräterische Umtriebe nicht auszuschließen. Der Verhaftung, so wünschte Roeder, solle ein Offizier der Abwehr beiwohnen.
Schwerfällig erhob sich Canaris aus seinem Sessel und erklärte den Besuchern, er werde selber mitkommen. Wortlos ging Canaris mit den beiden Männern durch die engen Flure des Abwehr-Hauses. Kurz darauf traten sie in das Büro Osters.
Als der General erfuhr, sein wichtigster Mitarbeiter solle verhaftet werden, brauste er auf: "Ich bitte, mich auch gleich festzunehmen, da Herr von Dohnanyi nichts getan hat, von dem ich nicht weiß." Canaris brachte den Freund zum Schweigen, zu viert gingen die Männer durch die Tür, die von Osters in Dohnanyis Zimmer führte.
Roeder hielt sich nicht mit langen Formalitäten auf, zielstrebig steuerte er auf einen verschnörkelten grünen Panzerschrank zu und verlangte dessen Schlüssel. Und nun wurde offenkundig, wie wenig die Verschwörer auf den Überfall vorbereitet waren.
Akte um Akte holte der Oberstkriegsgerichtsrat aus dem Panzerschrank und legte sie auf Dohnanyis Schreibtisch. Da waren Reiseabrechnungen von Osters politischen Vertrauensmännern, Devisenformulare, Entwürfe für Sprachregelungen zur Tarnung geheimer Auslandsreisen, Berichte über das Hinausschmuggeln gefährdeter Juden ins Ausland.
Mit wachsender Erregung starrte Dohnanyi auf eine Aktenmappe mit der Aufschrift "Z grau", die Roeder soeben aus dem Schrank geholt hatte. Dohnanyi langte mit der Hand hin und nahm gerade die in der Mappe liegenden drei Zettel an sich, als Roeder herumschnellte. Er verlangte, Dohnanyi solle die Zettel wieder herausgeben. Der Sonderführer mußte sie auf den Schreibtisch legen.
Während Roeder erneut an den Safe trat, warf Dohnanyi dem General Oster einen Blick zu und flüsterte: "Die Zettel! Die Zettel!" Was daraufhin geschah, las sich später in Roeders Anklageschrift gegen Dohnanyi so:
"Bei den Beschuldigten gelang eine Verständigung, die dahin führte, daß der Generalmajor Oster, mit dem Gesicht zum Untersuchungsführer (Roeder) gewandt, mit der linken Hand hinter seinem Rücken die gleichen Zettel herauszog und diese unter den Saum seines Zivilanzuges schob. Hierbei wurde er durch den anwesenden Kriminalsekretär Sonderegger und den Untersuchungsführer beobachtet, sofort zur Rede gestellt und mußte die Zettel wieder herausgeben."
Roeder wurde grob: Er forderte Canaris auf, den Generalmajor augenblicklich aus dem Zimmer zu entfernen. Oster verließ den Raum, Roeder aber sah sich die drei Zettel genauer an. Sie enthielten in Maschinenschrift
* eine Notiz, wonach militärische Gruppen in Deutschland und Kreise der Kirchen entschlossen seien, das NS-Regime zu beseitigen,
* eine Skizzierung der territorialen Struktur eines von Hitler befreiten Deutschlands, aufgegliedert in
* Mit seinen Vertrauten Guttenberg (l.) und Delbrück.
einen nord- und einen süddeutschen Staat,
* eine Sprachregelung für die Rom-Reise Pastor Dietrich Bonhoeffers, in der ausgeführt wurde, zur Erreichung eines baldigen Friedensschlusses sei es "überaus wichtig und wünschenswert, daß ein deutscher evangelischer Geistlicher die Möglichkeit erhält, mit Vertretern der katholischen Kirche in Rom diesbezügliche Besprechungen zu führen".
Roeder bedurfte keines außergewöhnlichen Scharfsinns, um zu erkennen, was ihm da in die Hände gefallen war. Er hatte gefunden, wonach die Gestapo jahrelang vergebens gefahndet hatte: Beweise für die regimefeindliche Tätigkeit des Oster-Kreises.
Noch am gleichen Tag schwärmten die Häscher des Regimes aus und bemächtigten sich der wichtigsten Freunde Osters. In Sacrow bei Berlin holte die Gestapo Dohnanyis Ehefrau Christine ab, kurz darauf war auch Pastor Bonhoeffer verhaftet in München arretierte die Gestapo Osters Vatikan-Kundschafter Dr. Josef Müller, dessen Ehefrau und Sekretärin sowie seinen Mitarbeiter, Hauptmann von Breidbach.
Schlimmer noch: Auch Oster, der Geschäftsführer des Widerstandes, war für die Verschwörung verloren -- er hatte sich durch sein Verhalten bei der Verhaftung Dohnanyis selber bloßgestellt. Canaris blieb nichts
anderes übrig, als ihn auf Weisung des OKW-Chefs Keitel am 15. April 1943 als Leiter der Abteilung Z abzusetzen.
Hans Oster schied aus der Führung des Widerstandes aus. Er wurde in die sogenannte Führerreserve der Wehrmacht versetzt, was für ihn einer Zwangspensionierung gleichkam. Er durfte zwar weiterhin Uniform tragen, aber praktisch lebte er in seiner Dresdner Wohnung wie ein Gefangener. Keitel hatte ihm ausdrücklich jeden Verkehr mit Angehörigen des OKW-Amts Ausland/Abwehr verboten.
Mit einem Griff war es den Regime-Wächtern gelungen, den Oster-Kreis lahmzulegen. "Der schwerste Schicksalsschlag, der die Widerstandsbewegung überhaupt treffen konnte" (so Oster-Freund Hans Bernd Gisevius), zerstörte zunächst alle Hoffnungen auf eine Befreiung Deutschlands von der braunen Tyrannei, ermöglichte die ungehemmte Fortsetzung von Kriegswahnsinn und NS-Verbrechen. Es sollte Monate dauern, ehe ein neuer Mann, der Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, darangehen konnte, das zerstörte Werk Osters fortzuführen.
Entsetzt beobachteten die Widerständler die Vernichtung der Oster-Zentrale." Der ganze Stall Canaris", notierte sich Ulrich von Hassell, "hat sich Blößen gegeben und überhaupt nicht ganz gehalten, was man von ihm hoffte. Wenn die "Guten" nicht klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben sind, ist nichts zu erreichen."
Die Widerständler waren so verwirrt, daß sie auch später nicht plausibel erklären konnten, wie es zu der Zerstörung der Oster-Gruppe hatte kommen können. Einer schob dem anderen die Schuld an dem offensichtlichen Versagen zu. Am ehesten fand noch die Version Anklang, die Gisevius in seinem Buch "Bis zum bitteren Ende" vertrat: Die Gruppe Osters sei einer diabolischen Intrige der Gestapo zum Opfer gefallen.
Laut Gisevius hatte der SS-Oberführer Walter Schellenberg, Leiter des Auslandsnachrichtendienstes des SD, der die Abwehr seiner Organisation einverleiben wollte, den SS-Chef Himmler so lange zum Schlag gegen das Tirpitzufer gedrängt, bis er einwilligte. Als Vorwand habe die Gestapo einen Korruptionsfall benutzt, der es ihr ermöglichte, dem Coup gegen die Abwehr einen unpolitischen Anstrich zu geben.
Korruption habe die Gestapo darin gesehen, daß die Abwehr bedrängte Juden als V-Männer ins Ausland geschickt und ihnen für ihr beschlagnahmtes Vermögen namhafte Devisenbeträge übereignet hatte. Erst auf dem Umweg über diese finanzielle Affäre sei die Gestapo in das politische Zentrum der Oster-Gruppe eingedrungen.
Richtig an dieser Version ist nur, daß Schellenberg gegen die Abwehr intrigierte und sie in eigene Regie nehmen wollte. Tatsächlich aber hatte er mit der Aktion gegen die Oster-Gruppe nichts zu tun; Dohnanyi und seine Freunde sind auch nicht einer Intrige der Gestapo erlegen. Wehrmachtjustiz und Gestapo brachten sie zwar zu Fall, aber gescheitert sind sie in erster Linie an ihren eigenen Unzulänglichkeiten und an ihrer komplizierten Taktik.
Die Geschichte von Osters Untergang hatte fast ein Jahr zuvor auf einem Bahnhof in Prag begonnen. Um Pfingsten 1942 war dem Leiter der Zollfahndungsstelle Prag, Regierungsrat Wapenhensch, gemeldet worden, in der Stadt solle am folgenden Tag ein großes Schwarzmarktgeschäft abgewickelt werden; Schauplatz des Geschäfts: ein Bahnhof in der Innenstadt.
Wapenhensch zweifelte an der Richtigkeit der Meldung, dennoch schickte er seine Zollbeamten zu dem angegebenen Bahnhof. Wenige Stunden später waren sie wieder zurück mit einem Schwarzhändler, der sich als Kaufmann David legitimierte.
David war in dem Augenblick verhaftet worden, als er einem Tschechen 10 000 Dollar zum Kauf anbot. In seiner Tasche fanden die Beamten außer dem Geld zahlreiche Edelsteine; sie steckten in einem Umschlag, auf dem zwei Namen standen: Schmidhuber und Ickrath.
Major Schmidhuber und Hauptmann Ickrath, so erläuterte der Verhaftete, seien Offiziere der Abwehrstelle München, in deren Auftrag er Geld und Juwelen habe verkaufen wollen. Er habe übrigens für die beiden Offiziere auch schon Auslandsreisen unternommen, unter anderem in die Schweiz.
Wapenhensch kamen diese Mitteilungen so unglaubhaft vor, daß er David für einen feindlichen Spion hielt und die Prager Gestapo-Leitstelle alarmierte. Doch nach einer kurzen Vernehmung des Schwarzhändlers beruhigten die Gestapo-Beamten den Zöllner: Jeder Spionageverdacht sei unbegründet.
Daraufhin rief Wapenhensch die Münchner Abwehrstelle an, um sich zu vergewissern, ob es dort einen Schmidhuber und einen Ickrath gebe. Die Abwehrstelle bestätigte: Major Dr. Wilhelm Schmidhuber und Hauptmann Ickrath gehörten zur Gruppe "Luft" der Abwehr-Abteilung 1. Wapenhensch bat die beiden Offiziere nach Prag.
Dort erzählte nun Schmidhuber eine abenteuerliche Geschichte: Das Geld und die Juwelen gehörten zu einer supergeheimen Transaktion, mit der eine in der Schweiz lebende Tschechin, die über gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst verfüge, für die Abwehr gewonnen werden solle; die Frau sei bereit, den Deutschen Informationen zu liefern, wenn die Abwehr dabei helfe, ihre noch im Reichsprotektorat Böhmen-Mähren befindlichen Vermögenswerte zu realisieren. Das Geld Davids stamme von der Abwehr und sei zur Abfindung der Tschechin gedacht.
Mit dieser Story wollte Schmidhuber seine Forderung begründen, David und das Geld müßten sofort freigegeben werden, da wichtigste Abwehr-Interessen auf dem Spiele stünden. Wapenhensch hatte freilich aus Schmidbubers Bericht etwas ganz anderes herausgehört; ihm kam der Verdacht, David habe mit dem Abwehr-Geld Nebengeschäfte für die eigene Tasche getrieben -- daher das Kaufangebot auf dem Schwarzen Markt.
Als aber der Zollbeamte die Entlassung Davids stur ablehnte, veränderte Major Schmidhuber seine Geschichte. Hatte er David soeben noch als einen äußerst wichtigen Mitarbeiter der Abwehr ausgegeben, so wollte der Major nun nicht mehr ausschließen, daß David für die andere Seite arbeite.
Wapenhensch horchte auf: Der Verdacht müsse sich doch erhärten lassen, denn schließlich reise David oft in der Schweiz herum und hebe dort von einem bestimmten Konto Geld ab. Schmidhuber machte sich erbötig, in der Schweiz Erkundigungen über das fragliche Konto einzuziehen.
Schon einige Tage später konnte er mit einer Erfolgsmeldung in Prag aufwarten. Bei dem Schweizer Konto, so erklärte er Wapenhensch, handle es sich um ein Guthaben des britischen Geheimdienstes; es bestehe kein Zweifel daran, daß David erst kürzlich von diesem Konto Geld abgehoben habe.
Der solcherart zum Secret-Service-Agenten gestempelte David ließ jäh alle Zurückhaltung fallen und verlangte von Wapenhensch, erneut vernommen zu werden. David: "Jetzt geht es um meinen Kopf, jetzt muß ich auspacken. Was Herr Schmidhuber Ihnen gesagt hat, ist nicht wahr."
David gestand, er arbeite seit langem mit Schmidhuber zusammen und helfe ihm bei Devisenschiebungen; auch hätten sie einen einträglichen Warenschmuggel aufgezogen, sie handelten vor allem mit Gemälden und Juwelen. Alle nötigen Beweise, so David, lägen im slowakischen Finanzministerium.
In der Fahndungsabteilung des Preßburger Finanzministeriums stieß Wapenhensch denn auch auf Akten, in denen es um einen V-Mann der Abwehrstelle Wien ging, der wegen illegaler Devisengeschäfte von der slowakischen Polizei verhaftet worden war. Er hatte ausgesagt, im Auftrag Schmidbubers erhebliche Devisenbeträge an einen gewissen David in Prag geliefert zu haben. David führe für den Major die meisten dieser Transaktionen aus.
Die Preßburger Akten überzeugten Wapenhensch, daß er "einem der größten Schmuggel- und Devisenfälle meiner Tätigkeit" auf die Spur gekommen war. Er hielt den Fall für so gravierend, daß er ihn seinen obersten Vorgesetzten im Reichsfinanzministerium vortrug, die Wapenhensch wiederum an die Abwehr-Zentrale am Tirpitzufer verwiesen.
Das Unglück der Verschwörer aber wollte, daß Wapenhensch an jenes Rechtsreferat der Abwehr geriet, in dem einige der schärfsten Gegner der Oster-Dohnanyl-Gruppe saßen. Sie wußten, daß Schmidhuber zu den Vertrauten Dohnanyis gehörte. Nicht ohne Schadenfreude gaben sie den Weg frei für ein Kriegsgerichtsverfahren gegen Schmidhuber und dessen Geschäftspartner Ickrath.
Die Reichskriegsanwaltschaft, die oberste Anklagebehörde der Wehrmacht, entschied, Schmidhuber müsse streng bestraft werden. Da Schmidhuber und Ickrath Luftwaffen-Offiziere waren, wurde das Luftwaffengericht München mit der Untersuchung des Falles beauftragt.
Die Verschwörer um Oster erfuhren zu spät, welche Lawine auf sie zurollte. Erst als der bedrängte Schmidhuber von Canaris forderte, die Abwehr müsse seine Devisengeschäfte auf jeden Fall decken, rafften sich die Freunde am Tirpitzufer zu einer Gegenaktion auf. Eile war geboten; der Sturz Schmidhubers konnte die ganze Oster-Gruppe mit in die Tiefe reißen.
Denn: Schmidhuber war eines der wichtigsten Mitglieder von Osters Verschwörergruppe. Chronist Gisevius wollte freilich später nur noch wahrhaben, daß sich Schmidhuber in Dohnanyis "Vertrauen eingeschlichen" habe, tatsächlich aber hatten sich Oster und Dohnanyi nicht ungern der vielfältigen Einflüsse des Dr. Wilhelm Schmidhuber bedient.
Als Besitzer bayrischer Brauereien, portugiesischer Wahlkonsul und Delegierter der Münchner Handelskammer war Schmidhuber ein Mann mit vielen Verbindungen. Im Kreis der konservativen Hitler-Gegner nahm sich zwar der Münchner Separatist, der am liebsten Bayern vom Reich losgesprengt und mit Österreich zu einer Donauföderation vereinigt hätte, etwas seltsam aus, aber die Verschwörer brauchten sein Renommee in der rechtskatholischen Welt.
Er hatte seinen Freund Josef Müller dem Oster-Kreis zugeführt. Er hatte im Mai 1940 dem Papst-Vertrauten Leiber jenen Zettel hineingereicht, auf dem das Datum des Beginns der deutschen Westoffensive stand. Er hielt über den Vatikan und über Portugal, dessen Staatsbürgerschaft er neben der deutschen besaß, den Weg zu den Alliierten offen.
Er wußte sich die Freundschaft der Oster-Leute auch durch wohlgezielte Geschenke zu erhalten, über die er genau Buch führte. Vor allem die Beziehungen zu Dohnanyi pflegte er, in dessen Haus Schmidhuber oft übernachtete. "Ein gutmütiger und amüsanter, aber schwacher Mann", nannte ihn Christine von Dohnanyi.
Eben diese Charakterzüge aber ließen die Verschwörer befürchten, ihnen drohe von Schmidhuber schwere Gefahr. Nur allzu leicht konnte der schwache zu einem gefährlichen Mitwisser werden; geriet er erst einmal in die Hände des Gegners, dann waren die Widerständler vor dem Wankelmut ihres Freundes und Gönners nicht mehr sicher.
Osters Mitarbeiter überlegten, wie sie sich gegen Schmidhuber absichern konnten. Dessen Devisenaffären wollte Canaris von Amts wegen nicht decken. Jäh sahen sich die Verschwörer vor die moralisch heikelste Frage gestellt, die sich Kämpfer gegen die nationalsozialistische Unmoral stellen konnten: Durfte man einem einzelnen erlauben, das Werk der Rettung Deutschlands zu gefährden und das Leben von Menschen aufs Spiel zu setzen, die ihr Land aus den Fesseln der Barbarei befreien wollten? Ein einzelner Mensch, ohnehin nicht sonderlich tugendhaft, bedrohte eine Sache, deretwegen deutsche Patrioten Unehre, Gefängnis, Folterung und Schafott auf sich nahmen -- was lag da näher als die Versuchung, diesen einen aus dem Weg zu schaffen!
In einer Besprechung am Tirpitzufer kam der Vorschlag auf, man müsse Schmidhuber liquidieren, ehe er sie alle ans Messer liefere. Dohnanyi war gegen den Mordplan. Schließlich einigte man sich auf einen eleganteren Ausweg. Schmidhuber sollte animiert werden, sich nach Italien abzusetzen und dort abzuwarten, bis die Gefahr vorüber war; Ickrath mochte sich derweil an den Wörther See zurückziehen.
Schmidhuber stimmte zu, wenn auch widerwillig. Er meldete sich im Spätsommer 1942 bei dem uneingeweihten Leiter der Münchner Abwehrstelle, Oberstleutnant Ficht, zu einer angeblich wichtigen Geheimmission in Italien ab und tauchte in einem Hotel Merans unter. Kaum war er fort, da öffneten Ficht-Vertreter Süß und Josef Müller den Panzerschrank Schmidhubers in der Abwehratelle; sie beseitigten alle Papiere, die auf die Auslandstätigkeit der Oster-Gruppe hinwiesen.
Doch das Verschwinden Schmidhubers konnte nicht lange verborgen bleiben. Der unermüdliche Devisenfahnder Wapenhensch verlangte jetzt die Verhaftung Schmidhubers, und auch das Luftwaffengericht München wollte ihn vernehmen. Ficht rief den Major zurück, Schmidhuber kam nicht.
Daraufhin wies Ficht den Schmidhuber-Freund Müller an, den Major zur Rückkehr zu bewegen. Müller aber funktionierte den Auftrag im Interesse der Oster-Gruppe um: Bei einer Zusammenkunft mit Schmidhuber in Meran beschwor er ihn, auf keinen Fall nach Hause zu kommen, da sein "Kopf in Gefahr" sei.
Er werde, brach es zornig aus Schmidhuber heraus, nicht nach Deutschland zurückkehren, es sei denn als Hochkommissar einer britischen Besatzungstruppe. Müller erklärte darauf, am besten für alle Beteiligten wäre es, wenn Schmidhuber nach Portugal ginge; auch in Italien sei er bald nicht mehr sicher. Müller schied mit dem Versprechen, er werde sofort Nachricht geben, falls Schmidhuber in Italien gefährdet sei -- bis dahin brauche sich der Konsul keine Sorgen zu machen.
Doch Müller konnte sein Versprechen nicht halten. Er erfuhr nicht rechtzeitig genug, daß Oberstleutnant Ficht beim Luftwaffengericht beantragt hatte, Schmidhuber wegen Fahnenflucht zu verhaften.
Wieder einmal blieben die Oster-Leute uninformiert: Der Haftbefehl gegen Schmidhuber landete nicht in Osters Abteilung, sondern auf dem Schreibtisch von Schmidhubers formalem Vorgesetzten, dem Hauptmann Brede, Referatsleiter "Luft" in der Abwehrabteilung 1.
Brede fuhr mit Wapenhensch nach Südtirol und bewog die italienischen Behörden zur Auslieferung Schmidhubers. Am 31. Oktober 1942 verhaftete ihn italienische Polizei in Meran, zwei Tage später wurde er Brede und Wapenhensch in Bozen übersteht. Der Zöllner legte Schmidhuber Handschellen an und lieferte ihn im Münchner Wehrmachtgefängnis ab.
Jetzt geschah, was Oster und Dohnanyi befürchtet hatten. Schmidhuber sah sich von seinem Freund Müller verraten und begann, seine Devisengeschäfte als politische Aktionen zu interpretieren. In seinen Aussagen vor dem dienstaufsichtführenden Richter des Luftwaffengerichts München, Oberkriegsgerichtsrat Dr. Sauermann, beteuerte Schmidhuber, den Devisenhandel habe er nur im Auftrag der Abwehr betrieben; es sei dabei um hochpolitische Missionen gegangen, über die Sonderführer von Dohnanyi und Hauptmann Müller Bescheid wüßten.
In diesem Augenblick höchster Gefahr kam Osters Freunden eine fatale Idee: Man mußte Schmidhuber unglaubwürdig machen, ehe er weitere Geheimnisse des Widerstandes ausplaudern konnte. Sie brachten deshalb Schmidhuber in den Geruch, ein Agent des britischen Geheimdienstes zu sein.
Die Oster-Freunde wußten Ficht zu veranlassen, Schmidhuber beim Luftwaffengericht München als Hoch- und Landesverräter zu verdächtigen. Richter Sauermann konnte sich noch nach dem Krieg "an die von der Abwehrstelle erhobene Beschuldigung" erinnern, "daß Schmidhuber in Verdacht gestanden hat, ins feindliche Lager überzugehen. Es war von ausländischen Pässen die Rede, die er sich ohne Wissen der Abwehrstelle heimlich beschafft haben soll, ferner von Spionageverbindungen mit dem Feind gegen Deutschland".
Wichtigstes Indiz Fichts: die Aussage des Hauptmanns Müller, der Major Schmidhuber habe zu ihm in Meran geäußert, er werde nur als Hochkommissar einer britischen Besatzungstruppe nach Deutschland zurückkehren.
Dank Schmidhubers und Osters Ablenkungsmanöver wurde aus einer Devisenaffäre plötzlich ein brisanter Hoch- und Landesverratsfall. Mit einem solchen Politikum aber wollte sich die Luftwaffenjustiz nicht länger beschäftigen -- sie gab den Fall an die Geheime Staatspolizei ab. Ende November 1942 kamen Schmidhuber und Ickrath ins Hausgefängnis des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Berlins Prinz-Albrecht-Straße.
Mit gewohnter Energie stürzte sich die Gestapo auf den Fall, der ihr zum erstenmal die Möglichkeit eröffnete, in die ihr sonst verschlossene Welt der Abwehr einzudringen. Seit Jahren hegte die Gestapo den Verdacht, in der Führung der Abwehr arbeite man gegen den nationalsozialistischen Staat.
Besonders die Beziehungen zwischen der Abwehr und dem Vatikan hatten frühzeitig das Mißtrauen der Regime-Wächter erregt. Die Ironie der Geschichte wollte, daß Admiral Canaris selber diesen Argwohn geweckt hatte.
In der Vatikan-Akte des Referats 6 ("Süd") der für die Bekämpfung des Landesverrats zuständigen Gestapo-Gruppe IV E lag noch eine Aktennotiz, die der RSHA-Chef Heydrich 1939 über eine Unterredung mit dem Geheimdienst-Chef angefertigt hatte. Canaris hatte damals mitgeteilt, die Abwehr habe über den Vatikan Verbindung zum britischen Geheimdienst aufgenommen; für das nachrichtendienstliche Spiel mit den Briten benötige die Abwehr vom RSHA Spielmaterial über den innerdeutschen Widerstand, weil die Briten daran besonders interessiert seien.
Heydrich hatte das Canaris-Gesuch abgelehnt, zugleich aber das Referat 6 von IV E angewiesen, alle Abwehr-Operationen im Umkreis des Vatikans schärfstens zu beobachten. 1940 war dann der Verdacht aufgekommen, der Abwehr-Offizier Müller habe über seine Vatikan-Beziehungen den Termin der deutschen Westoffensive verraten.
1941/42 fiel den Gestapo-Beobachtern ein weiterer Abwehr-Offizier auf, dem bei einem Aufenthalt in Rom militärisches Geheimmaterial gestohlen wurde, das offensichtlich zur Übergabe an den britischen Geheimdienst vorgesehen war. Eine Nachforschung der Gestapo aber ergab, daß diese Dokumente, deren Text inzwischen auch dem RSHA bekannt war, keineswegs von der Wehrmachtführung als Spielmaterial freigegeben worden waren.
Kurz darauf geriet der Oberregierungsrat Peter Graf York von Wartenburg unter Gestapo-Beobachtung, weil er ebenfalls versucht hatte, Kontakt mit dem Vatikan anzuknüpfen. York saß in einer Dienststelle, die mit der Abwehr eng zusammenarbeitete.
Jahrelang hatte die Gestapo darüber gerätselt, was die Abwehr in Rom trieb. Jetzt aber saß vor den Verhörlampen des Referats IV E 6 der Mann, der an den Rom-Gesprächen teilgenommen hatte. Von den eigenen Freunden als britischer Spion und als Landesverräter denunziert, sah Wilhelm Schmidhuber nur eine Chance, seinen Kopf zu retten: durch hemmungslose Mitteilsamkeit.
Am 10. Januar 1943 wurde er zuerst von dem Kriminalkommissar Walter Möller vernommen. "Im Verlaufe seiner Vernehmung", erinnert sich Möller, "machte Schmidhuber Angaben über bestehende Nachrichtenverbindungen der Abwehrabteilung des OKW zum Vatikan. Ich habe diese Dinge seinerzeit aufgenommen und, da mir die Sache zu heiß schien, selbst diktieren lassen ... jedenfalls bestätigte sich unsere Vermutung, daß seitens der Abwehr Verbindungen zum gegnerischen ND (=Nachrichtendienst) bestanden."
Schmidhubers Aussagen erschienen den Gestapo-Oberen so brisant, daß sie einen ihrer besten Ermittler auf den redseligen Konsul ansetzten. Von Stund an folgte den Verschwörern der Schatten des Kriminalsekretärs und SS-Untersturmführers Franz Xaver Sonderegger, Verkörperung des staatsfrommen, jedem Regime dienenden Beamten, der nicht müde wird, den "Staatsfeind" aufzuspüren.
Schon die ersten Unterhaltungen mit dem Häftling überzeugten Sonderegger davon, daß er auf der richtigen Spur war. Schmidhuber machte, so hielt Sonderegger fest, "Andeutungen über das Bestehen einer hochverräterischen Vereinigung, die den Generalobersten Beck, Goerdeler, von Dohnanyi und andere Personen als Träger haben sollte".
* Haupthalle des Geheimen Staatspolizeiamtes in der Prinz-Albrecht-Straße.
Eine "Generals-Clique", so sagte Schmidhuber aus, habe sich den Sturz des Regimes und die Beendigung des Krieges zum Ziel gesetzt; über Kontakte zum Vatikan seien Friedensgespräche mit England geführt worden. Daran sei vor allem Josef Müller beteiligt gewesen, der wiederum im Auftrag von Dohnanyi gehandelt habe.
Eine andere Verbindung zu den Alliierten laufe über die protestantischen Kirchen in der Schweiz und in Schweden. Diesen Kontakt pflege der Pastor Dietrich Bonhoeffer, der von den Regimegegnern in der Abwehr dem normalen Wehrdienst entzogen worden sei, damit er nur für sie tätig werden könne -- für die eigentliche (also militärische) Arbeit der Abwehr sei er nicht eingesetzt worden.
Schmidhuber erklärte, er habe bei dieser Auslandsarbeit führender Abwehr-Männer finanziellen Beistand geleistet, ohne freilich Einblick in Details erhalten zu haben. Soweit es dabei zu illegalen Devisentransaktionen gekommen sei, habe er nur im Auftrag der Abwehr gehandelt und sei von ihr auch immer gedeckt worden.
Das wollte der Häftling an einem Beispiel erläutern: Dohnanyi habe jüdische Freunde vor den NS-Gesetzen dadurch geschützt, daß er sie als V-Männer in den Dienst der Abwehr stellte und in die Schweiz entsandte, von wo aus sie angeblich als Agenten nach Amerika eingeschleust werden sollten. Es habe sich zunächst um sieben Personen gehandelt, deshalb sei die Aktion unter dem Decknamen "V 7" gelaufen. Dohnanyi habe durch Verhandlungen mit Gestapo-Chef Heinrich Müller sogar eine Ausreisegenehmigung des RSHA erwirkt.
Bei dieser Aktion habe er, Schmidhuber, von der Abwehrführung den Auftrag erhalten, 100 000 Dollar in die Schweiz zu schmuggeln und den V-7-Leuten auszuhändigen. Außerdem sei er von Dohnanyi gebeten worden, einer persönlichen Bekannten unter den jüdischen Agenten Juwelen im Werte von 20 000 Reichsmark zu übergeben.
Je uferloser der Konsul aussagte, desto deutlicher breitete sich vor dem Vernehmer Sonderegger das Geflecht einer Verschwörung gegen das NS-Regime aus. Als der Gestapo-Mann jedoch nach Namen fragte, wich Schmidhuber aus. Er wollte nur Personen nennen, die wiederum über andere Auskunft geben könnten.
Lediglich bei Osters Zentralabteilung machte er eine Ausnahme, hier nannte er Hans von Dohnanyi, Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, Justus Delbrück, Theodor Strünck, Josef Müller- praktisch alle, die den Kern des Oster-Kreises ausmachten. Sonderegger: "Diese Personen waren schon so oft aufgefallen, daß ich alle erreichbaren Akten beizog."
Das Gesamtmaterial erschien dem Kriminalsekretär umfangreich genug, um dem Gestapo-Chef Müller eine Überraschungsaktion gegen die Abwehr-Führung vorzuschlagen. Im Februar 1943 setzte Sonderegger einen Ermittlungsbericht auf, in dem er die Auffassung vertrat, im Grunde stehe hinter der ganzen Verschwörung kein anderer als Abwehr-Admiral Canaris.
Doch da erlebte er die größte Überraschung seines Lebens. Gestapo-Müller hatte Sondereggers Bericht an den Reichsführer-SS Himmler weitergeleitet, das Papier kam zurück mit einem Kommentar in Himmlers steiler Handschrift: "Laßt mir endlich den Canaris in Ruhe!" Der Ermittler erfuhr, das Geheime Staatspolizeiamt habe Order, den Fall Schmidhuber nicht länger zu verfolgen und die Akten an die Wehrmachtjustiz zurückzureichen.
Oberregierungsrat Walter Huppenkothen, der Gruppenleiter von IV E, schärfte Sonderegger ein, die Gestapo dürfe nur noch als Hilfsorgan der Wehrmachtjustiz in Erscheinung treten. Begründung: "Es besteht die große Gefahr, daß Canaris im Fall einer Gestapo-Aktion sein Amt zur Verfügung stellt, und das muß verhütet werden."
Verblüfft erkundigte sich Sonderegger bei den Kameraden anderer Referate, wie die Himmler-Order zu deuten sei. Die Kameraden wußten längst Bescheid, es war immer wieder die alte Geschichte: Himmler schützte Canaris
Sonderegger erfuhr Beispiele. 1942 war der Abwehr-Offizier Nikolaus von Halem wegen Vorbereitung eines Attentats auf Hitler verhaftet worden; er gestand, von Dohnanyi 12 000 Reichsmark für die Anwerbung eines Mörders erhalten zu haben. Außerhalb des Vernehmungsprotokolls erklärte er, sein eigentlicher Auftraggeber sei Canaris gewesen. Als daraufhin die Gestapo gegen Canaris vorgehen wollte, befahl Himmler die Einstellung aller Ermittlungen.
Der ehemalige Legationssekretär Mumm von Schwarzenstein hatte einen Anschlag auf Hitler geplant und war dabei von seinem Komplicen verraten worden. Der Landgerichtsrat Straßmann hatte im Auftrag Dohnanyis eine Oppositionsgruppe gebildet und war von der Gestapo verhaftet worden. Beide waren V-Männer der Abwehr gewesen, wieder führte die Spur in die Umgebung von Canaris. Doch Himmler stoppte abermals die Gestapo-Fahndung.
Wie ist diese seltsame, allen historischen Vorstellungen hohnsprechende Sympathie des SS-Chefs für den Widerständler Canaris zu erklären? Heinrich Himmler hatte sich nie der Magie entziehen können, die Canaris von jeher auf ihn ausgeübt hatte. Himmler hielt ihn für ein Genie der Spionage, auf das zu verzichten sich das Reich nicht leisten könne, solange der Krieg andauerte.
Eine fast schon groteske Überbewertung des Fachmanns ließ Himmler an Canaris festhalten, obwohl er längst wußte, daß der Abwehr-Chef
* Links: Sepp Dietrich, Kommandeur der Leibstandarte-SS Adolf Hitler".
auf der anderen Seite stand. Selbstverständlich teilte Himmler den Ehrgeiz seiner Unterführer, die den Abwehr-Apparat zerschlagen und auf dessen Trümmern einen neuen nationalsozialistischen Super-Geheimdienst errichten wollten.
Aber er hatte sich einen realistischen Blick für die Abenteurer, Fanatiker und Dilettanten bewahrt, die in schneidigen SS-Uniformen Geheimdienst spielten. Solange der SD nicht über die nötigen Fachkräfte verfügte, wollte der SS-Chef die Abwehr gelten lassen, denn nichts fürchtete Himmler mehr als die Wutausbrüche seines Führers über die Mißerfolge des SD.
Die sich rapide verschlechternde Kriegslage hatte zudem eine fast gespenstische Gemeinsamkeit zwischen dem aus sittlicher Empörung über die NS-Verbrechen handelnden Abwehr-Chef und dem Chef-Exekutor eben dieser Verbrechen gefördert. Seit dem erfolglosen Ende der deutschen Rußland-Offensive im Herbst 1942 gaukelte sich Himmler vor, er sei dazu berufen, anstelle Hitlers Frieden mit den Alliierten zu machen.
Die kritischen Berichte der Abwehr über die Kriegslage ähnelten jenen des SD. Auch in der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen waren beide Mächte vereint. Canaris klagte immer wieder, seine Lageberichte würden von Hitler überhaupt nicht mehr gelesen, und der SD durfte bald seine für die höchste Führung redigierten "Meldungen aus dem Reich" nicht mehr vorlegen.
Canaris und Himmler trennte eine Welt der Tradition und Menschlichkeit voneinander, aber in der machtpolitischen Analyse stimmten sie überein: Der Krieg war verloren, Hitler der ärgste Hemmschuh für eine Verständigung mit dem Kriegsgegner. Wenn man das Reich retten wollte, jeder auf seine Art, mußte Hitler beseitigt oder zumindest neutralisiert werden -- anders war eine Verständigung mit den Alliierten nicht denkbar.
Heute läßt sich kaum noch nachvollziehen, was Widerständler veranlassen konnte, in Himmler noch etwas anderes zu sehen als die düstere Symbolfigur der größten Verbrechen deutscher Geschichte. Aber es gab so manchen Verschwörer, der meinte, mit dem SS-Chef gegen Hitler eine kurze Wegstrecke gemeinsam marschieren zu können -- bis nach dem Tage des Umsturzes.
Es werde, notierte sich Hassell in sein Tagebuch, zusehends "häufiger die Möglichkeit erörtert, wenn alle Stricke reißen, sich der SS zum Sturz des Regimes zu bedienen, schon um dies Instrument in der Hand zu haben und innere Unordnung zu verhindern. Nachher will man dann natürlich auch die SS ausschalten". Allerdings: "Die Frage ist nur, erstens, ob Himmler und Genossen ein solches Spiel wagen und nachher in dem so freundlich gewünschten Sinne mitspielen, zweiten", welche Wirkung dies Verfahren im Ausland hätte, für das doch gerade die SS mit Hecht den Teufel verkörpert."
Auch Canaris glaubte, nach so vielen Mißerfolgen bleibe dem Widerstand nichts anderes übrig als der Versuch, Himmler für das Unternehmen gegen Hitler zu gewinnen. Ohne je die "klärende Aussprache" mit Himmler, die sich Canaris wünschte, herbeigeführt zu haben, arbeiteten Abwehr und SD im politischen Untergrund getrennt, aber einträchtig an der Vorbereitung des Umsturzes.
Vor allem bei Kontaktgesprächen mit dem Kriegsgegner bedienten sich Abwehr und SD oft der gleichen Mittelsleute und Auskunftspersonen: Im Januar 1943 schickte der SD einen Sendboten in das Haus des amerikanischen Geheimdienst-Beauftragten Allen W. Dulles, zu dem schon Sonderführer Gisevius Kontakt hielt. Der ehemalige Völkerbund-Kommissar Carl J. Burckhardt wurde von V-Männern der Abwehr und des SD gleichermaßen angelaufen, und auch der schwedische Bankier Wallenberg erhielt Besuch aus beiden Lagern.
Seltsame Frontverkehrungen entstanden: Der Berliner Rechtsanwalt Carl Langbehn, Vertrauter des Generalobersten Beck, fuhr im Auftrag Himmlers in die Schweiz, um dort mit Diplomaten der Alliierten über Friedensbedingungen zu sprechen, während der SD-Führer Danfeld den Widerständler Hassell zur Änderung der Lage ermunterte, dabei "erstaunlich frei in der Äußerung".
Wieweit auch immer die Übereinstimmung zwischen Canaris und Himmler ging der SS-Chef konnte im Februar 1943 kein Interesse daran haben, die Abwehr zu zerstören und durch eine hochnotpeinliche Untersuchung die geheimen Sundierungen des Canaris-Apparats bloßzustellen, an denen er selber teilhatte.
Doch Himmler dachte in allzu primitiven Machtkategorien, als daß er die Abwehr hätte ungeschoren lassen können. Unentwegt zwischen fanatischer Hitler-Treue und eigenem Erwählungswahn schwankend, wollte er sich jede Möglichkeit offenhalten: Man mußte, so mag Himmler spekuliert haben, sich die stille Partnerschaft von Canaris erhalten, zugleich aber ein Druckmittel in der Hand haben, um eines Tages -- sollte sich die Lage ändern -- die Abwehr für das SS-Imperium annektieren zu können.
Das bedeutete praktisch: Abgabe des Falles Schmidhuber an die Wehrmachtjustiz unter Beibehaltung einer gewissen, möglichst unauffälligen Kontrollfunktion der Gestapo. Himmler einigte sich mit dem OKW-Chef Keitel, der froh war, daß der Wehrmacht das Spektakulum einer massiven Gestapo-Intervention erspart blieb.
Anfang März 1943 wurde das Reichskriegsgericht (RKG), das oberste Tribunal der Wehrmacht, angewiesen, die Affäre Schmidhuber weiter zu verfolgen. Doch keinen Augenblick vergaßen die konservativen Militärrichter, daß die Gestapo jederzeit wieder eingreifen konnte." Mit Sicherheit", so überlegte der Chefjurist des OKW, Ministerialdirektor Dr. Lehmann, "war der Vorwurf zu besorgen, wir untersuchten in eigener Sache und würden versuchen, alles zu verdecken."
Wie aber konnte man die Gefahr umgehen? Lehmann hatte eine Idee: Man mußte einen Untersuchungsführer finden, der im Reichssicherheitshauptamt gut gelitten und dennoch ein zuverlässiger Verfechter von Wehrmacht-Interessen war. Lehmann kannte einen solchen Mann. Es war der Oberstkriegsgerichtsrat Dr. Manfred Roeder.
Der Holsteiner Roeder, dienstaufsichtführender Richter im Luftgaukommando III, galt als ein Günstling Hermann Görings und genoß den Ruf, einer der härtesten Militärjuristen des Dritten Reiches zu sein. Dem Temperament nach eher Staatsanwalt als Richter, kannte er keinen höheren Lebenszweck als die unnachsichtige Wahrung der Staatsautorität, mochte sie ein braunes oder ein schwarzweißrotes Vorzeichen tragen.
Bereits als Ankläger in dem Geheimprozeß gegen die kommunistische Spionage- und Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" (SPIEGEL 28/1968) war er so ruppig mit Regimegegnern umgegangen, daß selbst den Richtern des Reichskriegsgerichts Bedenken gekommen waren. Dennoch war den EKG-Juristen jetzt gerade dieses zweifelhafte Renommee Roeders recht: Ein solcher Mann konnte in der Prinz-Albrecht-Straße nicht auf Ablehnung stoßen.
Roeder machte sich an die Arbeit. Am 3. April meldete er sich bei der Reichskriegsanwaltschaft und nahm die Schmidhuber-Akten in Empfang. Was er da las, zwang dem empörten Oberstkriegsgerichtsrat die Überzeugung auf, einer gigantischen Landesverratsaffäre auf die Spur gekommen zu sein, in deren Mittelpunkt er Canaris vermutete.
In dem Vernehmungsprotokoll Schmidhubers will Roeder die Wiedergabe einer Unterhaltung mit Gisevius gefunden haben, in der Osters Freund sich abfällig über die "Wankelmütigkeit" von Canaris geäußert habe." Canaris solle sich vorsehen", so zitierte Roeder später den Gisevius-Ausspruch, "er habe den Russen die Offensive von Woronesch bekanntgegeben, und auch Oster habe vor dem Angriff im Westen den holländischen Militärattaché von dem bevorstehenden Angriff unterrichtet." (Gisevius dementierte nachher diese Äußerung.)
Für Roeder gab es keinen Zweifel mehr: Die Führung der Abwehr trieb Landesverrat -- man mußte zugreifen, ehe noch mehr verraten wurde. Zunächst aber galt es, die von Schmidhuber am schwersten belasteten Abwehr-Offiziere zu verhaften. Am 3. April ließ Roeder sich vom Präsidenten des Reichskriegsgerichts die notwendigen Vollmachten ausstellen.
Er fuhr ins Reichssicherheitshauptamt und bat um Amtshilfe; ihm wurden die Gestapo-Beamten Möller und Sonderegger als Ermittler zur Verfügung gestellt. Dann schlug er los -- und fand in Dohnanyis Büro mehr, als er je zu hoffen gewagt hatte. Von nun an ließ er nicht mehr von der Fährte. Roeder wurde für die Freunde Hans Osters zu einem Alpdruck.
Doch noch waren die verhafteten Widerständler nicht verloren. In der Abwehr, im Heer und selbst im Reichskriegsgericht sammelte sich das "anständige Deutschland" (so Josef Müller) zu einer letzten Rettungsaktion für den Oster-Kreis. IM NÄCHSTEN HEFT
Freunde der verhafteten Widerständler schalten Roeder aus -- Canaris läßt dem Untersuchungsführer eine Ohrfeige verabreichen -- Das Ende Osters im KZ Flossenbürg
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 24/1969
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