30.01.2006

Vergoogelt

Wie Frankreich mit viel Geld und noch mehr Staatsdirigismus die Vormacht amerikanischer Web-Konzerne brechen will
Wann genau Jacques Chirac der Kragen platzte, ist nicht überliefert. Nur dass er ihm geplatzt ist, darf als gesichert gelten. In diesem Fall war es aber nicht Iran, das den französischen Staatspräsidenten in Rage brachte, sondern das Internet - genauer gesagt: die US-Dominanz über das weltumspannende Datennetzwerk.
"Wir müssen die Herausforderung amerikanischer Giganten wie Google und Yahoo annehmen", erklärte Chirac in einer Neujahrsansprache. "Morgen droht das, was nicht online verfügbar ist, für die Welt unsichtbar zu werden." Der Staatspräsident weiß, wie seine Grande Nation auch künftig im Weltgedächtnis verankert bleiben könnte: "Wir werden eine europäische Suchmaschine namens Quaero starten."
Die Ankündigung Chiracs greift auf ein deutsch-französisches Vorhaben zurück, das seit nahezu einem Jahr vor sich hin dümpelt. Damals hatten Chirac und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder mehrere gemeinsame industriepolitische Zukunftsprojekte vorgestellt. So sollen Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und Saint-Gobain-Chef Jean-Louis Beffa auch das Vorhaben "Verarbeitung multimedialer Inhalte" koordinieren.
Grund: Von den fünf dominierenden Internet-Konzernen sind fünf amerikanisch - nicht nur ein ökonomisches Problem.
Noch sensibler als auf das Börsen-Feuerwerk rund um den Google-Aktienkurs reagierten die Franzosen auf die Google-Ankündigung, mit der Digitalisierung von Bibliotheken zu beginnen - auch in Europa. Um 15 Millionen Bücher bis 2015 soll es in dem Projekt "Google Print" gehen. Der Direktor der französischen Nationalbibliothek warnt schon davor, das literarische Erbe Europas könnte in Vergessenheit geraten. Kultur und Wissen würden durch den Google-Vorstoß amerikanisiert - und damit kommerzialisiert.
Chirac jazzte seine industriepolitischen Visionen bereits zum "Airbus von morgen" hoch. 2005 wurde eigens eine "Agentur für industrielle Innovation" zur Förderung von Hightech-Projekten gegründet und mit einem Jahresetat von einer Milliarde Euro ausgestattet. Das französische Quaero-Konsortium steht - mit dem Elektronikriesen Thomson an der Spitze. Nun machen die Franzosen Druck auf Berlin.
Doch hierzulande steckt Quaero (lateinisch für: Ich suche) noch in den Anfängen. Was in Frankreich bereits eine Staatsangelegenheit ist, bewegt sich in Deutschland noch auf Abteilungsleiterebene. Am vorvergangenen Freitag trafen sich mögliche Interessenten im Berliner Wirtschaftsministerium zu einem ersten Sondierungsgespräch.
Bevor die Arbeit an der Super-Suchmaschine überhaupt beginnen kann, läuft verzweifelt ein anderes Suchprogramm: das nach deutschen Industriepartnern.
Die Deutsche Telekom - von den Franzosen als hiesiger Projektführer ins Gespräch gebracht - sagt jetzt, sie beobachte "das Projekt mit Interesse", beabsichtige "jedoch keine aktive Teilnahme". Alles andere wäre auch überraschend: Die Tochter T-Online kooperiert eng mit dem Gegner Google.
Welches Unternehmen auch immer in Deutschland derzeit mit Quaero in Verbindung gebracht wird, ob Siemens, SAP oder Studio Hamburg, geht offiziell auf Tauchstation. So sah sich die Bertelsmann-Tochter Empolis zuletzt gar zu einem Dementi veranlasst: Anders als von der "Financial Times" vermeldet, werde man auf der deutschen Seite "nicht die Gesamtführung übernehmen". Bislang gebe es keine Vereinbarung zu einer möglichen Projektbeteiligung. Man prüfe vielmehr, "ob eine Mitarbeit an dem Quaero-Projekt für das Unternehmen von Interesse ist".
Dabei ging es auch um eine grundsätzliche Frage: Was soll Quaero eigentlich sein? Einig war man sich, dass eine reine Google-Kopie nicht das Ziel sein kann. Quaero soll irgendwie mehr sein - ein Instrumentenkasten zum Finden, Übersetzen und Indizieren von Tönen, Videos, Bildern und Texten. Ein System, das auf Computern, Handys und Fernsehern gleichermaßen laufen soll.
Doch an dem Versuch, die Vormachtstellung von Google zu brechen, scheitern seit Jahren selbst Branchenriesen wie Yahoo und Microsoft. Google selbst steckt jährlich rund 400 Millionen Dollar allein in Forschung und Entwicklung.
Nach dem kraftvollen Auftritt des Staatspräsidenten versucht nun auch Frankreich wieder, auf Diskretion zu setzen, um das Projekt nicht gänzlich zu gefährden. Mitte Januar wurde die Quaero-Homepage von Thomson mit einem Passwort geschützt. Dass sie trotzdem für die Öffentlichkeit erhalten bleibt, ist ausgerechnet Google zu verdanken. Im Cache der US-Suchmaschine, einer Archivfunktion, sind Teile der gesperrten Internet-Seite gespeichert. MARKUS DETTMER,
MARCEL ROSENBACH
Von Markus Dettmer und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 5/2006
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