30.01.2006

FILMRebell im Büßerhemd

Hollywood, das zeigen die in dieser Woche fälligen Oscar-Nominierungen, feiert derzeit mit Hingabe verzweifelte Außenseiter. Wie die Johnny-Cash-Biografie „Walk the Line“ appellieren viele Filme an den Versöhnungswillen in einer zerstrittenen Welt.
Die Sun-Studios in Memphis sind eine klapprige Bruchbude, als Johnny Cash im Jahr 1955 in diesem Laden mit zwei Kumpeln eine Gospel-Platte aufnehmen will. Aber dort lernt er die wichtigste Lektion seines Lebens: Nur wer an sich selbst und an seine Songs glaube, könne es im Musikgeschäft zu etwas bringen, schärft ihm der Chef der Plattenfirma ein. Jeder Song müsse klingen, "als ob du Gott in der Stunde deines Todes erzählen willst, wie dein Leben war".
Gleich darauf zittert die Lippe des schlauen Mannes vor Ergriffenheit, weil Johnny als Nächstes ein Lied anstimmt, das eben dieser Maxime entspricht.
Vertrau auf den Himmel, und pack dein Glück am Schopf - natürlich kann man sich über diese sehr amerikanische und ziemlich fromme Sicht mokieren, aber es ist ein klassisches Hollywood-Prinzip, nach dem Regisseur James Mangold in dem nun anlaufenden Film "Walk the Line" vom Leben und Schaffen der Musikerlegende Johnny Cash erzählt.
Die Künstlerbiografie gilt als einer der Oscar-Favoriten, schon weil sie sehr an den Film "Ray" erinnert, der dem blinden schwarzen Musiker Ray Charles ein Denkmal setzte und im Vorjahr zwei der begehrten Trophäen gewann.
"Walk the Line" ist ein geradliniger, prächtiger Film, der die schillernde Figur des Musikers Cash, den sie zeitlebens einen Outlaw, einen Außenseiter nannten, auf sympathische und doch ziemlich drastische Weise versimpelt.
Als Rock'n'Roller brachte Cash gemeinsam mit Jerry Lee Lewis und Elvis Presley die Teenager zur Raserei und deren Eltern zur Verzweiflung. Als Countrysänger verstieß er gegen alle guten Sitten des konservativen weißen Amerika: Er beging quasi auf offener Bühne Ehebruch, torkelte mit Tabletten und Alkohol vollgepumpt durchs Rampenlicht und demolierte bei seinem Auftritt im Allerheiligsten der Countrywelt, in Nashvilles Grand Ole Opry, Scheinwerfer, Instrumente und den Rest seines Rufs.
Klar, dass er auch lautstark Verständnis für Indianer und Totschläger zeigte. "I shot a man in Reno just to watch him die", lautet seine wohl berühmteste Songzeile. Der Film endet 1968, als Cash (Joaquin Phoenix)
seine Bühnenpartnerin und Geliebte June Carter (Reese Witherspoon) heiratete - und im Folsom Prison, einem kalifornischen Gefängnis, ein Konzert vor verurteilten Schwerverbrechern gab.
Für diesen Auftritt liebten ihn plötzlich alle. Die Live-Platte aus dem Gefängnis verkaufte sich damals in den USA besser als die Alben der Beatles.
Mit seiner Buß- und Besinnungsübung setzt der heiter-altmodische Film "Walk the Line" einen für Amerikas verwundete Seele labsamen Kontrapunkt. Er vertraut auf traditionelle Werte, Liebe und Gottesfurcht, und geht als patriotischer Außenseiter ins Oscar-Rennen.
Denn wenn am Dienstag in Los Angeles die Nominierungen für die Academy Awards verkündet werden, blickt Hollywood auf einen der erstaunlichsten Jahrgänge seiner Geschichte zurück. So politisch engagiert wie in den vergangenen Monaten gab sich die Traumfabrik zuletzt in den siebziger Jahren, nach Watergate und Vietnam; so viele Tabubrüche in so kurzer Zeit riskierte sie noch nie.
Da drehte der größte Unterhaltungsregisseur aller Zeiten den provokantesten Film seiner Karriere. Steven Spielbergs Polit-Thriller "München", im rauhen Stil der siebziger Jahre inszeniert, endet mit einem für die USA geradezu skandalösen Schlussbild: Vor dem Hintergrund der Twin Towers wirft ein israelischer Geheimagent seinen Job hin, weil er an ihm verzweifelt.
Da fraß sich Hollywoods bestaussehender Star, George Clooney, Bauchspeck an und ließ sich einen struppigen Vollbart wachsen, um einen abgehalfterten CIA-Mann zu spielen: In dem Polit-Thriller "Syriana" versucht der Regisseur Steve Gaghan (Drehbuchautor des Drogendramas "Traffic"), den Kampf ums Öl und die Macht am Golf möglichst komplex darzustellen. Er stellt texanischen Industriellen islamistische Fundamentalisten gegenüber und ist so dreist, sich auf keine Seite zu schlagen.
Der von Clooney selbst inszenierte Film "Good Night, and Good Luck" - wie "Syriana" Oscar-Anwärter - feiert die Attacken des TV-Moderators Ed Murrow auf den reaktionären Senator McCarthy in den fünfziger Jahren als heldenhaften Freiheitskampf.
Erstmals in der Geschichte der Oscar-Verleihung gelten die Darsteller zweier homosexueller beziehungsweise transsexueller Figuren als Favoriten für die Auszeichnung als beste Hauptdarsteller: Philip Seymour Hoffman, der in "Capote" den schwulen Journalisten und Schriftsteller Truman Capote verkörpert, und Felicity Huffman, die in "Transamerica" einen Mann spielt, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen will.
Aber erstaunlicherweise setzen beide Filme, die von einem Zusammenprall der Kulturen erzählen, nicht auf Konfrontation. Spürbar versuchen sie, jene Kluft zu schließen, die Amerika entzweit: der Gegensatz zwischen dem liberalen Geist der Metropolen an der Ost- und Westküste auf der einen Seite sowie dem Konservativismus im Herzen des Landes auf der anderen.
Der Taiwaner Ang Lee brach eines von Hollywoods letzten Tabus: Sein Western "Brokeback Mountain", der vor zwei Wochen vier Golden Globes gewann und in Nordamerika bereits etwa 50 Millionen
Dollar eingespielt hat, feiert die Liebe zweier schwuler Cowboys (verkörpert von Jake Gyllenhaal und Heath Ledger).
In all diesen ambitionierten Produktionen sucht man nach Action fast vergebens. Hollywood huldigt nicht mehr den Männern der Tat, sondern denen des Wortes, des gesprochenen, des geschriebenen oder des gesungenen - innerlich von existentiellem Zweifel zerrissene Sonderlinge, die sich alle auf ihre Weise in die heile Welt zurücksehnen.
Deshalb ist der geläuterte Johnny Cash nun der Mann der Stunde - selbst wenn eine goldene Regel sogenannter Biopics, verfilmter Künstler- oder Heldenbiografien, lautet: Den fanatischen Anhängern des Meisters kann man's nie recht machen.
Es wird also deutsche Fans des Sängers Johnny Cash geben, die in Tobsucht geraten, weil der Film "Walk the Line" zwar kurz zeigt, dass Cash Anfang der fünfziger Jahre als US-Soldat in Deutschland stationiert war, aber den Zuschauern trotzdem die drei wichtigsten Legenden aus jener Zeit vorenthält: Erstens hat Cash im bayerischen Landsberg am Lech angeblich seine allererste Band, die Landsberg Barbarians, gegründet. Zweitens hat er sich dort eine Geschwulst an der Oberlippe entfernen lassen und dank eines unfähigen Arztes seine berühmte Narbe zurückbehalten, die sich vom Rand des linken Nasenflügels bis zur Oberlippe hinabzog und ihm den entscheidenden Zug ins Verwegene verlieh. Und drittens war er in Landsberg als Air-Force-Funker beschäftigt, weshalb er, wenn's denn stimmt, der erste Mann der westlichen Welt gewesen sein soll, der vom Tod Josef Stalins erfuhr.
"Walk the Line" konzentriert sich auf ganz andere Dinge. Er stürzt sich mit sozusagen biblischer Wucht auf das frühe Leid des Helden. Die Felder und der Fluss seiner Kindheit sind zwar in goldgelbes Licht getaucht, aber es ist eine bitterarme Farmerwelt im US-Bundesstaat Arkansas, in welcher der kleine John (Ridge Canipe) in den Jahren nach der großen Depression, der weltweiten Wirtschaftskrise, aufwächst.
Gegen den Vater, den er nie zufrieden stellen kann, stehen dem Jungen die Mutter und sein wenig älterer Bruder Jack bei. Eines Tages verunglückt Jack, als er sich bei der Arbeit an einer Kreissäge schrecklich verstümmelt. John hält seine Hand, während Jack stirbt; der Vater aber spricht eine Art Fluch, indem er Gott anklagt, dass er ihm den falschen Sohn genommen hat.
So wird begreiflich, weshalb Cash bis zu seinem Tod in schwarzen Kleidern herumlief; weshalb er auf die Frage, ob er zu seinem eigenen Begräbnis unterwegs sei, mit einem lässigen "Und wenn schon" antwortete; welcher christliche Grundsatz ihn trieb, am einfühlsamsten und freiesten vor Knastbrüdern, vor Mördern, Räubern und Vergewaltigern spielen zu können. Vielleicht war es auch nur Cashs Einsicht in die finstere Natur des Menschen. Von der erzählte seine unvergleichliche, markerschütternde, höllenabgrundtiefe Stimme. Die ist im Film leider nicht zu hören, weil Cash-Darsteller Phoenix und seine Partnerin Witherspoon hier vor lauter Begeisterung alle Songs selbst singen. Das machen sie zwar ganz ordentlich, aber es sind eben nicht die Originale.
Einem alten Witz zufolge muss man einen melancholischen Countrysong nur rückwärts spielen, damit eine glückliche Story daraus wird. Flugs bekomme der Held sein Geld zurück, sein Pferd zurück und seine Frau zurück. Wenn man die Sache so besieht, hat Johnny Cash nie Countrysongs gesungen. Weil alle seine Lieder eine existentielle Trostlosigkeit verkünden, aus der es kein Zurück gibt.
LARS-OLAV BEIER, WOLFGANG HÖBEL
Von Lars-Olav Beier und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 5/2006
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