30.01.2006

GESTORBENIbrahim Rugova

Ibrahim Rugova , 61. Er war ein gänzlich untypischer Politiker, ein Professor für albanische Literatur und Schüler des französischen Linguisten Roland Barthes, ein Bonvivant mit einem Seidenschal als Markenzeichen, der eher zufällig in die Welt der Diplomatie geriet - weil nur er, der Chef des kosovarischen Schriftstellerverbands, sich traute, die komplizierten Geschicke des Kosovo zu lenken. 1989 wurde der in Cerrçe geborene Grundbesitzersohn Führer der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK) und kämpfte für die Unabhängigkeit der Provinz nach der gewaltsamen Aufhebung der Teilautonomie durch Serbien. 1992 wurde er erstmals zum Präsidenten gewählt, 1998 ein zweites Mal, doch die Rechtmäßigkeit der Wahl und Rugovas Phantomrepublik anerkannte international nur das benachbarte Albanien. Während der ethnischen Säuberungen der Serben stand er zeitweilig unter "Hausarrest", ließ sich aber auch in Belgrad bei einem dubiosen Auftritt an der Seite des Diktators Slobodan Milosevic sehen und als Nato-Kritiker instrumentalisieren - die dunkelste Stunde seiner Laufbahn. Er durfte mit Familie nach Italien ausreisen, und nachdem die Alliierten 1999 ihre Militäraktion gegen Serbien beendet hatten, wartete der stets moderat auftretende "Gandhi des Balkans", der vielen Kosovo-Albanern als passiv, wenn nicht sogar als Verräter galt, erst mal den Fortgang der Ereignisse ab. Das Schicksal zahlloser Landsleute in Flüchtlingslagern auf dem Balkan schien ihn wenig zu interessieren, stattdessen verhandelte der Kettenraucher über einen neuen, feudalen Wohnsitz. Sein Ansehen sank entsprechend, dennoch vertrauten ihm die Kosovaren noch am ehesten, und seine LDK gewann die ersten freien Wahlen 2001. Von 2002 an war er Präsident eines unter Uno-Kuratel stehenden Landes, pflegte einen gehobenen Lebensstil und überließ, schon kränkelnd, die Niederungen des Tagesgeschäfts anderen. Ibrahim Rugova starb am 21. Januar in Pristina an Lungenkrebs.

DER SPIEGEL 5/2006
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