23.06.1969

DIE SOWJETISCHE FLOTTE

ist nach der US-Navy die mächtigste Marine der Welt -- "eine offensive Kraft mit kolossalen operativstrategischen Möglichkeiten, (so ihr Oberbefehlshaber, Flottenadmiral Sergej Gorschkow) und zugleich "das wirksamste und geschmeidigste außenpolitische Instrument der Sowjet-Union" (so das US-Magazin "Time").
360 sowjetische U-Boote -- 55 davon mit Atomantrieb -, sieben Raketenkreuzer und 18 sonstige Kreuzer, 25 Raketen-Zerstörer, 100 Geleitzerstörer und 74 sonstige Zerstörer, dazu Hunderte von Minensuchbooten, Patrouillenbooten und Versorgungsschiffen kreuzen heute auf oder unter den Weltmeeren. Und fast alle diese Schiffe sind moderner als die der westlichen Seemächte.
Denn erst in den letzten zehn Jahren hat sich die Landmacht Sowjet-Union in einem "Prozeß von größter historischer Bedeutung" (so ein Unterausschuß des amerikanischen Kongresses) endgültig von dem Trauma befreit, den seeführenden Nationen des Westens auf ewig unterlegen zu sein.
Zwar hatte Stalin -- beeindruckt von der amerikanischen Pazifik-Flotte -- gleich nach Kriegsende den Bau einer starken Überwasser-Armada aus Zerstörern, Kreuzern und Flugzeugträgern angeordnet und verkündet: "Das sowjetische Volk wünscht seine Marine viel stärker und größer zu sehen."
Doch Nachfolger Chruschtschow strich die Flugzeugträger ("schwimmende Friedhöfe"), stellte den Bau von Kreuzern ("wertlose Schrotthaufen") fast völlig ein und ließ statt dessen vor allem Schnell- und Minensuchboote sowie moderne U-Boote auf Kiel legen. "Die Hauptaufgabe der Marine", so verkündete der Kreml 1957, "war bisher und wird auch künftig die Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Heer sein."
Aber schon ein Jahr später mußten die Sowjets untätig zusehen, wie amerikanische Marineinfanteristen im Libanon landeten und die Regierung vor einem Umsturz retteten. Der Kreml-Boß befahl daraufhin doch den Aufbau einer Oberwasserflotte.
Unter Leitung des Flottenadmirals Gorschkow wurde ein gigantisches Bauprogramm ausgearbeitet -- und noch erweitert, als amerikanische Kriegsschiffe die Sowjets 1962 zwangen, ihre mit Raketen für Kuba beladenen Frachter aus dem Atlantik abzuziehen.
Auf den Werften der Sowjet-Union liefen moderne Zerstörer und Kreuzer, U-Boote und Patrouillenboote von Stapel -- fast alle mit Raketen bestückt. "Mit diesen Atomraketen", so drohte Sowjetpremier Kossygin, "können unsere U-Boote das gesamte Gebiet eines potentiellen Angreifers in seiner ganzen Tiefe bestreichen."
Ihre neue Macht präsentierten die Sowjets erstmals 1967 -- im Mittelmeer. Wenige Tage vor Ausbruch des Nahost-Krieges erschienen in schneller Folge sowjetische Lenkwaffenkreuzer und Zerstörer, Versorgungsschiffe und U-Boote in den Gewässern zwischen dem Bosporus und der Straße von Gibraltar. Und seither haben die russischen Schiffe das Mittelmeer nicht mehr verlassen, seither kontrollieren sie jede Bewegung der Sechsten US-Flotte, die das Mittelmeer zwei Jahrzehnte lang als "Mare americanum" betrachtet hatte.
"Die verstärkten sowjetischen Aktivitäten und der verstärkte sowjetische Einfluß im Mittelmeerraum und im Nahen Osten sind eine äußerst ernste Angelegenheit", verkündete im November 1968 Nato-Generalsekretär Brosio und weihte in Neapel das neue Nato-Kommando "Marairmed" ein. Einzige Aufgabe: Luftüberwachung der sowjetischen Mittelmeer-Eskadra. Der Nato-Befehlshaber Europa-Süd, US-Admiral Horacio Rivero, versicherte darauf in einem SPIEGEL-Gespräch: "Ich glaube, daß im Kriegsfalle die Sechste Flotte in der Lage ist, jede Bedrohung durch die Sowjets zu neutralisieren." Und Englands Verteidigungsminister Denis Healey verkündete in einem SPIEGEL-Gespräch: "Im Kriegsfalle wäre die Sowjetflotte im Mittelmeer in Minuten versenkt."
Doch der höchste US-Mariner, Navy-Stabschef Admiral Thomas H. Moorer, 57, warnte davor, die Sowjetflotte zu unterschätzen: "Die werden immer aggressiver, immer vielseitiger, und ihre Schauplätze liegen immer weiter von den sowjetischen Heimathäfen entfernt. Zielstrebig steuert die Sowjet-Union die Entwicklung zur führenden Seemacht an.
Der Admiral ist Zögling der renommierten Marine-Akademie Annapolis und war 1941 als Leutnant in Pearl Harbor stationiert, als die Japaner ihren Überraschungsangriff gegen die US-Flotte flogen. Vom neuen amerikanischen Präsidenten Nixon forderte Moorer bereits 2,7 Milliarden Dollar für Neubauten -- darunter fünf moderne Zerstörer und eine mit Atomwaffen bestückte Fregatte. Die Nato-Mächte inspirierte er, sich gegen die Drohung von See zu wappnen: Im Mai beschlossen die Verbündeten, eine Flotten-Feuerwehr im Mittelmeer aufzustellen.

DER SPIEGEL 26/1969
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