19.05.1969

OPER / PROKOFJEWEs lebe der Satan

Im Kloster ist der Teufel los: Zu schrillen Kehllauten reißen nackte Nonnen den Mönchen die Kutte vom Körper und springen mit blankem Busen vor den Inquisitor. derweil sich die Novizin Renata lüstern inmitten der Bräute Christi räkelt.
Mit dem Hurenspiel im Kloster haben die Frankfurter Städtischen Bühnen eine Oper ins Repertoire genommen, die bis heute auf den Spielplänen weit unter Wert rangiert: den "Feurigen Engel" des russischen Komponisten Serge) Prokofjew (1891 bis 1953).
Aufführungen in Ost-Berlin, Spoleto, Mailand, New York, Buenos Aires und 1960 auch in Köln haben die Oper inzwischen publik, aber immer noch nicht populär gemacht; denn kaum ein Regisseur, kaum ein Dirigent wagt sich an den musikalisch und dramaturgisch konfusen Fünfakter, in dem die Hauptdarstellerin Renata eine 180 Minuten lange Parforce-Partie durchstehen muß.
Diese Renata, ein rheinisches Mädchen aus dem spätmittelalterlichen Deutschland ist auf der Suche nach einem Engel, der ihr im feurigen Strahlenkranz erschienen ist. Sie glaubt das himmlische Phantom im Ritter Heinrich zu erkennen, den sie nach einer hysterischen Jagd in Köln aufstöbert. Doch dem reinen Heinrich graut's vor ihr, er verflucht die liebesbesessene Rheinländerin und schickt ihr den Teufel auf den Leib, den sie auch im Kloster, wohin Renata flieht, nicht loswird: Nachdem sie die Schwestern zu einer Sex-Orgie animiert hat, wird sie vom Inquisitor auf den Scheiterhaufen geschickt.
Als Prokofjew diesen Leidens- und Schauerroman seines Landsmannes Walenij Brjussow 1919 bei einer Amerika-Reise zum ersten Male las, war er "geradezu besessen", eine
daraus zu machen. Da war endlich das pralle Sujet. nach dem der Schüler Rimski-Korsakows schon lange gesucht hatte.
1922, kaum aus Amerika zurück, wo er seine virtuosen Klavierkonzerte gespielt und seine Opern-Groteske "Die Liebe zu den drei Orangen" aufgeführt hatte, zog sich Prokofjew für 18 Monate in die Kloster-Idylle von Ettal bei Oberammergau zurück und schrieb sich selbst das bis heute verschollene deutschsprachige Libretto: eine wüste Collage aus Draculahorror und Teufelsspuk, Massenwahn, Mystizismus, Alchimie und Exhibitionismus, die Prokofjew mit dem Stakkato seiner Ballett-Partituren, der brutalen Perkussions-Motorik seiner Klavierstücke, ekstatischen Hymnen á la Mussorgski und edlem Puccini-Belcanto ausmalte.
Doch das "ernste, energiegeladene und erregende Musikstück" ("The New York Times"), an dem der berühmte Komponist von Diaghilew-Balletten nahezu acht Jahre arbeitete, fand keine Bühne: Erst 1955, fast 30 Jahre nach Fertigstellung und zwei Jahre nach Prokofjews Tod, wurde "Der feurige Engel" bei der 18. Musik-Biennale in Venedig erstmals aufgeführt.
Zehn Jahre später wurde er in Rom dann wieder vom Spielplan verstoßen
angeblich wegen "technischer und finanzieller Schwierigkeiten". laut Radio Moskau, weil es "einflußreichen vatikanischen Kreisen nicht paßt, daß die Mönche im Finale rufen: "Es lebe der Satan!".
In Frankfurt hielt sich die Kirche zurück -- obwohl Regisseur Václav Kàslik und Dirigent Christoph von Dohnany, die Prokofjews Langspiel auf zwei erträgliche Stunden reduziert und somit bühnenreif gemacht hatten, die deftigsten Szenen bewahrten und sogar noch übertrieben: Drei Photomodelle traten in der Premiere für knapp 100 Mark Abendgage als leibhaftige Topless-Nonnen auf. Klerikale Mißfallensäußerungen blieben dennoch aus.

DER SPIEGEL 21/1969
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