14.04.1969

ZWEITER WELTKRIEG / KRIEGSGEFANGENESkoro domoi

Ihre Parole hieß: Vorwärts! Doch eines Tages standen sie "am Ende unserer Freiheit, vor dem Anfang eines uns vollkommen unbekannten Weges".
Für manchen war es "mehr wie ein Hinübergleiten", für andere "ein nie zu vergessender, eigenartiger Augenblick" -- ein Augenblick, "den man eigentlich nicht beschreiben kann".
Sie hörten "den vielstimmigen Ruf: Friitz, Friitz", und einige überlegten, ob sie "nicht auch den Weg der Ehre beschreiten sollten". Es war "ein so unglaublicher Schock, eine so entsetzliche Überraschung", und "uns stockte der Atem, da wir nicht wußten, was uns die nächsten Augenblicke bringen würden".
Bald wußten sie es. Und heute, nach Jahr und Tag, erinnern sie sich, wie sie "nach und nach gleichgültig" wurden "gegenüber allem, was ich früher für Richtschnur und Sinn meines Lebens gehalten hatte".
Sie registrierten: "Körperlicher und seelischer Tiefstand -- völlige Selbstaufgabe! Keine Kraft mehr zum Gebet. Stumpfes Dahinsiechen."
Sie erlebten: "Alle Tünche fällt ab, der Mensch wird nackt; das, was er ist. Der Schein verschwindet."
Sie waren "so sehr müde" und "so abgestumpft, daß -- sollte mich jemand an eine Hundeleine nehmen -- ich nicht im geringsten überrascht ... wäre. Vielleicht würde ich sogar bellen", und "dann würde ich mich in meine Hundehütte verkriechen und schlafen".
Und wie die Hunde lebten sie: "Sitte und Moral sinken. Es gibt Leute, die pinkeln, ja scheißen in die Baracke nachts hinein. Trauriges, grauenvolles Dasein."
Traurig: "Man kann seinem eigenen Arsch nicht mehr trauen." Grauenvoll: "Jeder war neidisch auf die Männer, die starben." Denn wer starb, hungerte nicht mehr. Und der Hunger war schlimmer als alles andere:
"Nur noch mal satt werden, und dann ist Schluß. Ich hatte eine Viertel Rasierklinge und wollte mir die Pulsadern öffnen, um mein eigenes Blut zur letzten Sättigung zu nehmen."
Sie waren 3,15 Millionen Mann: Soviel Deutsche, wie heute in München und Hamburg wohnen, gerieten zwischen dem 22. Juni 1941, als morgens um 3.15 Uhr das "Unternehmen Barbarossa" mit einem Feuerschlag begann, und dem 8. Mai 1945, als die Wehrmacht kapitulierte, in sowjetische Kriegsgefangenschaft*.
Sie lebten und starben in 2779 Lagern -- von Preußisch-Eylau bis Jurga in Sibirien, von Archangelsk am Weißen Meer im Norden bis nach Taschkent in Usbekistan im Süden.
Nur 1,95 Millionen (62 Prozent) von ihnen kehrten heim -- der letzte über das Lager Friedland bei Göttingen erst 1957. Rund 1,11 Millionen gingen zugrunde und wurden auf einem der 193 Kriegsgefangenenfriedhöfe in der So-
* Bei Kriegsende befanden sich rund zwölf Millionen deutsche Soldaten in Gefangenschaft, darunter 3,8 Millionen in amerikanischer, 3,7 in britischer, eine Million in französischer.
wjet-Union verscharrt, die meisten namenlos in Massengräbern.
Das Schicksal von mindestens 86 000 Mann ist unbekannt und wird es bleiben -- "eine Lücke der Ungewißheit, die niemand zu schließen vermag", so Kurt W. Böhme, Geschäftsführer der "Wissenschaftlichen Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte" und Autor einer 474 Seiten langen Bilanz über "Die deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand".
Böhmes Bilanz ist Teil eines auf 16 Titel berechneten Werks, an dem die "Wissenschaftliche Kommission" (WK) unter Leitung des Heidelberger Historikers Professor Erich Maschke seit 1957 arbeitet und das sie 1971 fertigstellen will: Bis dahin soll im Auftrag das Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte die komplette "Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges" geschrieben sein.
Kern des Forschungsunternehmens, für das im Bundeshaushalt 1958 ein Betrag von 3,186 Millionen Mark eingesetzt wurde, ist das Schicksal der "Plennys" (von "wojennoplenny", der russischen Bezeichnung für Kriegsgefangene) wie sich die Landser hinter dem Stacheldraht im Osten selber nannten. Fertig sind bisher
* drei Bände über "Deutsche in Straflagern und Gefängnissen der Sowjet-Union" -- Autor: der Staatswissenschaftler Dr. Kurt Bahrens, ehemals Mitarbeiter beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg;
* eine auf 20 000 Heimkehrer-Aussagen beruhende Dokumentation über den "Faktor Hunger" in den sowjetischen Lagern -- Verfasserin: die Münchner Historikerin Dr. Hedwig Fleischhacker;
* die "Bilanz" über Leben und Sterben der deutschen Gefangenen in der Sowjet-Union;
* eine Darstellung der "Lagergesellschaft" -- Autor: der Psychologe Diether Cartellieri, Referent für Wehrpsychologie im Bundesverteidigungsministerium.
In Vorbereitung sind Untersuchungen über den "Faktor Arbeit", über das kulturelle Leben und über die Versuche politischer Umerziehung in den Lagern. Angereichert werden soll das Werk durch "Beihefte" wie das "Tagebuch aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1945-1949" eines Michael Reck.
Unter diesem Pseudonym stellte ein ehemaliger Stabsoffizier der Heeresgruppe Mitte zusammen, was er in den fünf Jahren seiner Gefangenschaft auf Papierschnitzel, die er von Zigarettenschachteln, Brühwürfelpäckchen und Zeitungsrändern abriß, stenographisch notierte und in den doppelten Boden einer Tabakdose und eines Schachbretts durch alle Kontrollen brachte.
Nur Bonn ließ die Notizen nicht passieren -- und hält auch die Publikationen der Kommission zurück: Weil das Auswärtige Amt "außenpolitische Schwierigkeiten" befürchtet, liegen die fertigen Bücher -- Auflage je Band: rund 2000 -- beim Verlag Ernst und Werner Gieseking in Bielefeld unter Verschluß. Lediglich einige wenige Exemplare wurden Behörden, Gerichten und wissenschaftlichen Bibliotheken zur Verfügung gestellt.
Zum erstenmal ist darin das Bild des deutschen Plenny mit wissenschaftlicher Gründlichkeit gezeichnet -- ein Bild von erniedrigten, zerlumpten, hungernden, mißtrauisch gewordenen Männern, die in aller Verzweiflung auch immer noch Hoffnung fanden und ihre Hoffnungen immer wieder begraben mußten, die von Wasser, Brot und Gerüchten lebten, die schließlich in ihrer Mehrzahl "ohne Diskussionen ihr Schicksal trugen, still und unauffällig ihre Arbeit verrichteten . " geduldig die Fetzen ihrer Kleidung flickten und Holzknöpfe schnitzten und im eisigen Winter sich mit Schnee wuschen, wenn die Wasserleitung eingefroren war"
Freilich: Nach dem Sinn ihres Schicksals fragten die meisten Gefangenen sich vergeblich. Manche behalfen sich mit der Formel von der "Schule des Lebens", andere haderten wegen der "verlorenen Jahre", aber: "Ein richtiges Begreifen war allerdings .., nicht möglich", wie ein Soldat im Lager Armawir konstatierte. Und aus Krasnodar berichtete ein Gefangener. "Immer wieder wurde vom "lieben Gott' in Verbindung mit der Gefangenschaft gesprochen. Eine Antwort gab es aber darauf nicht. Hier resignierte man wirklich."
Manche fanden Trost oder suchten Verklärung, indem sie sich mit Helden und Leidensgestalten verglichen, mit Hiob oder Lazarus: "Lazarus wurde getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Ich bin nicht gestorben." Sie trugen "die Dornenkron" aus Stacheldraht" und bezeichneten sich als "Christi in Scharen". Andere identifizierten sich mit Prometheus oder Odysseus, denn, so schrieb ein Gefangener für seine Mitgefangenen: "Märtyrer hat man sie einst genannt, ihnen seid Ihr ganz nah verwandt."
Niedergeschlagenheit, Resignation und Apathie waren, wie der Psychologe Cartellieri in seiner Studie über die Lagergesellschaft resümiert, schon die typischen Reaktionen auf die Gefangennahme gewesen -- typisch vor allem deshalb, weil der deutsche Soldat "innerlich und äußerlich kaum vorbereitet" in die Gefangenschaft ging.
Der Marsch hinter den Stacheldraht war von "Ratlosigkeit und quälender Ungewißheit" gekennzeichnet:" Wir waren auf Verhalten in der Gefangenschaft hin nicht geschult." Und: "Lange umfaßte tiefe Betäubung den Menschen -- Chaos und Angst."
Kaum jemand wußte, was Kriegsgefangenen in der Sowjet-Union wenigstens theoretisch zustand, und kaum jemand hatte sich der offiziellen Propaganda entziehen können, die im Grunde besagte, daß russische Untermenschen keinen Gefangenen leben ließen. "So hatte", stellt Cartellieri fest, "die Mehrzahl der deutschen Soldaten den Gedanken, lebend in sowjetische Hand fallen zu können, bis zuletzt zur Seite geschoben, in der Hoffnung, man würde sich durchschlagen oder fallen."
Ein Leutnant, der 1944 in Rumänien in Gefangenschaft geriet, erinnerte sich: "Eine teuflische Propaganda ließ Hunderttausende vor einer russischen Gefangenschaft erzittern." Und ein Major gestand, "daß wir alle nach vierzehntägiger Gefangenschaft eigentlich erstaunt waren, daß wir überhaupt noch lebten; jeder Offizier hatte mit dem Genickschuß gerechnet". Vielen, so einem Regimentskommandeur in Kurland, schien auch unfaßlich, daß "nun alles umsonst gewesen sein sollte, die vielen herrlichen Siege auf allen Kriegsschauplätzen". Allmählich aber setzte sich die triviale Einsicht durch, daß das Leben trotzdem weiterging: "Wir sagten uns, das wird wahrscheinlich eine sehr grauenhafte, aber auch interessante Zeit werden."
Es war, wie Umfragen unter Heimkehrern ergaben, eine Zeit, die -- so die Rangfolge -- durch Unfreiheit, Rechtlosigkeit und primitives Leben gekennzeichnet war. Fast nirgends in den Baracken, den Erdbunkern, den Ruinen, Schuppen, Ställen und Fabrikhallen, in denen die Soldaten zusammengepfercht wurden, war die sowjetische Vorschrift eingehalten worden, wonach für jeden Mann mindestens zwei Quadratmeter Bodenfläche zur Verfügung stehen sollten -- was immerhin der. Belegung einer deutschen Wohnstube mit zehn oder elf Mann entsprochen hätte." Das fürchterlichste", so schilderte ein Major, "war das jahrelange Zusammenleben auf engstem Raum. Es gab eine Zeit ..., in der wir glaubten, daß jeder Mensch einen Tick hat, ja eigentlich verrückt ist."
Und "verrückt" waren sie tatsächlich alle: "Man war nichts, galt nichts, war ein Dreck, eine Nummer" -- und war gestern noch ein Waffenträger der Nation mit Litzen, Schulterstücken, Orden und dem Glauben an Deutschland und den Endsieg gewesen. Psychologe Cartellieri: "Der entscheidende Faktor war Statusverlust und Rollenwechsel." In Rußland gefangen, das bedeutete für die meisten, "daß ja doch alles sinnlos ist".
Am ehesten fanden sich simple Naturen mit der Lage ab, so ein Tagelöhner, der zu Protokoll gab: "Zu Hause, als landwirtschaftlicher Arbeiter, hatte ich nicht viel zu sagen, beim Kommiß als Landser wurde ich auch nur herumkommandiert. Und was ist hier viel anders? Nur daß jetzt die anderen es auch nicht besser haben als ich."
Je höher der Dienstgrad, desto tiefer war der Sturz: "Ganz schrecklich" fand es ein Plenny, "wie Männer, die einst in hoher militärischer Stellung waren, sich gehenließen und nach und nach an Leib und Seele verkamen." Vielen wurde es schon zuviel, sich im Winter "den ewigen Tropfen an der Nase" abzuwischen oder gar, sich mit Glasscherben zu rasieren, obwohl "das ging", wie ein Stabsoffizier stolz notierte: "Man blutete zwar einen Tag und ist vollkommen aufgeschabt, hat da so zehn oder 20 kleine Ritze. Das heilt aber innerhalb von zwölf oder 24 Stunden, und dann sieht man ganz vernünftig aus."
Die unterschiedliche Fähigkeit, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, führte schnell dazu, daß sich in der klassenlosen Gesellschaft, die in die Lager getrieben worden war, neue Klassenunterschiede herausbildeten.
So einheitlich das Bild war, wenn die Kompanien, Züge und Brigaden aus den Arbeitslagern in die Holzschläge, Torfstiche, Steinbrüche und Bergwerke zogen, so differenziert waren die Rollen und Positionen der Gefangenen in der Lagerhierarchie. Es gab "Herren mit weißen Ledermänteln und weißen Hemden ... Auf der anderen Seite Landser, (die) abgemagert, zerlumpt ... durch die Lager schlichen."
Es dauerte meist nicht lange, bis Offiziere, die zunächst als Lagerälteste eingesetzt worden waren, von Leuten abgelöst wurden, denen der unkomplizierte Umgang mit den Russen wie mit den eigenen Männern leichter fiel -- von Leuten, die "etwas zu schaffen, zu organisieren, zu improvisieren, etwas aufzubauen, sich durchzusetzen" verstanden, wie Cartellieri ergründete.
Ein Heimkehrer aus den Lagern um Leningrad berichtete darüber: "Um die leitenden Stellen im Lager bemühten sich fast immer nur Geltungs- und Machthungrige, denen die Vorgesetztenwürde ebenso schnell in den Kopf stieg wie einst den neugebackenen preußischen Korporalen."
Vor allem den Angehörigen des "Antifaschistischen Aktivs" (Antifa), denen die ideologische Ausrichtung der Kriegsgefangenen oblag, wurde das Bedürfnis nachgesagt, ihre neue Stellung und die Zugehörigkeit zur "neuen Klasse" auch äußerlich erkennen zu lassen: "Sie haßten die deutschen Offiziere, kleideten sich jedoch von Kopf
* Von einem Kriegsgefangenen in der Sowjet-Union zusammengestellt.
bis zu Fuß wie diese ... und stelzten eitel wie die Gockelhähne durchs Lager."
Zur "Lagerprominenz" gehörten auch Fachleute wie Köche, Schneider. Schuster und Friseure, die nach und nach die Möglichkeit erhielten oder sich verschafften, "sich besser zu pflegen und auszustatten und auf einen annähernd "zivilen" Lebensstandard zu kommen", wie der Leningrad-Heimkehrer berichtete. Allerdings: "Eine wirkliche Lagergemeinschaft kam auf diese Weise nicht zustande. Ehrgeiz, Neid, Selbstsucht und Intrigen bestimmten bis zum Schluß das öffentliche Geschehen im Lager."
Der Pädagoge Friedrich Hassenstein, der als Abiturient in sowjetische Gefangenschaft geraten war, fand heraus: "Der soziale Aufstieg im Lager stand in erster Linie denen offen, die im nötigen Maße anpassungsfähig und skrupellos waren." Sie verstanden es, so begehrenswerte Posten wie Teekoch, Badehauschef ("Banjachef") oder Trockenraumchef zu bekommen, und auch wer ein "Chudoschnik", ein Künstler, war und die sowjetischen Offiziere im Lager mit Stalinbildern oder Waldlandschaften mit Bär beliefern konnte, hatte für den Rest seiner Gefangenschaft ausgesorgt, bekam satt zu essen und konnte ein "Langhaariger" werden einer, der sich die Haare wachsen lassen durfte.
In manchen Lagern gab es sogar "reiche" Brigaden, die sich "arme" Brigaden zum Kartoffelschälen oder Schneeschippen halten konnten und dafür mit einem Extraschlag Suppe bezahlten.
Die Mehrzahl der anderen Kriegsgefangenen aber stapfte weiter teil* Beim Trümmerräumen in Stalingrad.
nahmslos und mit Lappen an den Füßen zur Arbeit und empfand sich als "das ausgebeutete Volk" -- gleich, ob einer Oberleutnant oder Stabsgefreiter gewesen war.
Zwar gab es einzelne privilegierte Offizierslager, so in Tschernzy, wo täglich 2800 Kalorien an Verpflegung und 20 Zigaretten verteilt wurden, wo die Gefangenen eine Buchenallee entlangspazieren und in einem Klubraum Bridge-Turniere veranstalten konnten.
Doch die meisten Offiziere wurden in den üblichen Arbeitslagern untergebracht, und lediglich die Stabsoffiziere waren zunächst von der Arbeit befreit. Als Offiziere jedoch spielten sie keine Rolle mehr. Autor Cartellieri: "Man fragte im Lager nur, ob er ein anständiger Kerl sei oder nicht", ob er zum Beispiel zu den ewigen Optimisten gehörte, "die sich an jeden Strohhalm einer Latrinenparole klammerten, um die innere Angst totzureden", oder zu den chronischen Pessimisten, denen nichts anderes einfiel als: "Ach, wir verrecken doch alle hier heraußen."
Ob jemand zu den Spaßvögeln oder zu den Stänkerern gehörte, war ebenso wichtig wie die Fähigkeit, sich Spezialkenntnisse anzueignen, mit denen jemand sich und seinen Kameraden das Leben erleichtern konnte. Es gab Spezialisten im Bau von Holzkoffern für die paar Habseligkeiten, die man noch hatte, Experten für Messer aus Holz und Spezialisten zur Herstellung von Nähnadeln, die "stundenweise gegen Brot" vermietet wurden.
Es gab Gefangene, die sich auf die Lektüre russischer Zeitungen spezialisiert hatten, andere, die Interessenten zum "Philosophieren" um sich sammelten und "Meister" tituliert wurden, und es gab Gelegenheitsdichter, die sich auf Bestellung gegen Zigaretten Verse einfallen ließen (siehe Kasten). "Ich habe", erzählte ein Kriegsgefangener, "eine russische Literaturgeschichte auf Sackpapier zusammengeschrieben."
Jedes Lager verfügte auch über sogenannte Fluchtexperten, die mit phantastischen Plänen hausieren gingen, selber aber nicht an die Flucht dachten. Und überall wurde gesammelt, was nicht niet- und nagelfest war: Papierfetzen, Lumpen, leere Büchsen kamen in den "Schnappsack", denn·. "Das Streben nach Besitz ist eben eine menschliche Eigenschaft, wie ein Heimkehrer bekannte.
Um sich auch nur mit der notdürftigsten Habe auszustatten, wurde getauscht, organisiert und sogar gebettelt, wobei es zunächst das Ziel war, Ersatz für das Kochgeschirr zu finden, das die meisten verloren hatten. Dadurch kam "Oscar Mayer" zu Berühmtheit: Konservendosen der Fleischfabrik Oscar Mayer aus Chicago, die aus USA-Lieferungen im Rahmen des Leih- und Pachtabkommens stammten und besonders begehrt waren, weil sie aus Messingblech bestanden.
Wer nicht nur "organisierte", sondern regelrecht stahl, hatte damit zu rechnen, daß die Kameraden zur Selbstjustiz griffen, die -- so ein Bericht aus dem Hauptlager Minsk -- "zumeist aus 25 Schlägen auf das Hinterteil bestand".
"Einfach aus der Lagergemeinschaft herausgelyncht", wie ein Pfarrer im Lager Stalingrad das nannte, wurden zuweilen die Spitzel, die von den sowjetischen Operativ-Offizieren angeworben wurden und den Auftrag hatten, "schlechte Arbeit, ärgerliche Bemerkungen, offene Worte gegen Brigadiere" anzuzeigen -- Material, mit dem die "Blauen", wie die Operativ-Offiziere wegen der Farbe ihrer Mützendeckel hießen, oft die sogenannten Kriegsverbrecherprozesse bestritten, bei denen Freisprüche "sozusagen nicht eingeplant" waren.
Das Spitzelwesen war, wie Cartellieri schreibt, "eine der schmerzlichsten Erfahrungen der Kriegsgefangenschaft". Ein Heimkehrer aus dem Lager Swirstroi versicherte: "Auf meine Person allein waren zwölf Spitzel angesetzt." Ein anderer: "Ohne Mitwirkung von Bütteln und Spitzeln hätte man uns nicht so niedergehalten, nicht solches Elend über uns herbeiführen können."
Zwar waren die Spitzel bald allgemein bekannt, weil sie bessere Verpflegung und Bekleidung erhielten. Aber da keiner vom anderen genau wußte, ob er insgeheim nicht doch auch als Spitzel herumhorchte, war "das gegenseitige Mißtrauen allbeherrschend" (Cartellieri).
So überwogen Urteile wie: "Kameradschaftlicher Zusammenhalt gering" (Lager Kaunas) oder: "Die Kameradschaft der Deutschen untereinander war bei weitem nicht die beste. Am besten sind mir die ungarischen Kameraden in Erinnerung sowie die Japaner, die keinen Schlag für die Russen getan haben und nur immer sagten "nix panimei", (Ich verstehe nicht).
Lager-Autor Cartellieri glaubt freilich nicht, daß die "geringere Gemeinschaftsfähigkeit ... eine deutsche Eigenart" widerspiegelte. Er verweist vielmehr darauf, daß die bedingungslose Kapitulation, die Teilung Deutschlands und das "Vakuum, das auf die gewaltsame Ideologisierung folgen mußte", unter den deutschen Kriegsgefangenen "in besonderem Maße Desorientierung und das Gefühl der Verlorenheit" hervorriefen.
Schwerer noch als die Trennung von der Heimat wog beim deutschen Plenny laut Cartellieri "die seelische Isolierung, die er empfand, wenn er von einer Heimat hörte, in der alles das, wofür er gekämpft hatte, nun als falsch verschrien wurde".
Zu einer weitgehenden Solidarisierung kam es in den Gefangenenlagern paradoxerweise erst, als gegen Ende 1949 Offiziere wie einfache Soldaten, verdiente "Bestarbeiter" genauso wie Aktivisten der Antifa und Spitzel scharenweise und zum Teil lediglich aufgrund der ehemaligen Zugehörigkeit zu einem Truppenteil, der angeblich an der Partisanenbekämpfung teilgenommen hatte, zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurden: "Jetzt entstand erst das Bewußtsein eines gemeinsamen Schicksals.
Nun wich die allgemeine Niedergeschlagenheit häufig einer regelrechten Hochstimmung, "getragen von heiligem Zorn -- oft einer guten Portion Galgenhumor, der die sowjetischen Offiziere der Tribunale verblüffte, und dem Gefühl der Erleichterung, endlich zu wissen, woran man war
Die Kriegsgefangenen waren jetzt auch eher bereit, die paar Stunden Freizeit am Tage sinnvoller als bisher auszugestalten. In Perwo-Uralsk bildete sich ein 30-Mann-Orchester und intonierte Beethovens 5. Sinfonie und Schuberts "Unvollendete", eine Theatergruppe spielte an 56 Abenden Goethes "Faust" und Schillers "Kabale und Liebe". Ein Plenny-Ballett hüpfte über die Bühne, wenn die "Czardasfürstin" oder "Gräfin Mariza" aufgeführt wurde. Dabei trug die Gräfin eine Abendtoilette, die aus Verbandmull, gefärbten Bettlaken, Fußlappen und Paketpapier hergestellt worden war. In einem anderen Lager hatte sich ein Musiker aus Konservendosen eine Posaune zusammengelötet, "auf die die Russen so scharf waren, daß sie sie ihm eines Tages ... weggenommen haben".
Überall wurden Sprachkurse eingerichtet, sogar in Latein und Griechisch. Die allerdings spärlich ausgestatteten Lagerbüchereien mit überwiegend "marxistischer Literatur" waren ständig ausgeliehen. Es bildeten sich Gesprächskreise, in denen man sich über "Schrebergärten, Kaninchenzucht, Brieftauben" unterhielt oder darüber stritt, welcher Fußballverein mit welcher Mannschaft irgendwann irgendein Spiel gewonnen hatte.
Skat und andere Kartenspiele waren, entsprechend den Bestimmungen in der Sowjet-Armee, verboten. Aber da Brettspiele erlaubt waren, schnitzten Gefangene Skatkarten aus Holz "und schlugen nun statt mit Papierkarten mit den Holzkarten auf den Tischen herum; es war schon ein ganz hübscher Krach".
Aus dem Offizierslager Walka wird berichtet, daß "jeder Dritte" Novellen oder Gedichte schrieb; Maler mischten ihre Farben aus Ruß, Kalk, Ziegelstaub und Kräutern; Bastler bastelten Uhren, Kämme, Wäscheklammern, Schachfiguren, in manchen Lagern entstanden Küchengärten, und sogar Kegelbahnen wurden gebaut.
Gottesdienste durften nur in wenigen Lagern abgehalten werden. Oft beschränkte sich die religiöse Arbeit der gefangenen Geistlichen auf kleine Zirkel, die sich in einer Barackenecke zusammensetzten. Ein Gefangener bekannte: "Ich habe in jener Zeit zum ersten Male die Nachfolge Christi kennen- und schätzengelernt."
In vielen Lagern war jedwedes religiöse Tun untersagt, so im Stammlager Pachta-Aral, wo am Heiligen Abend nicht einmal ein Weihnachtslied gesungen werden durfte und der Baumwollstrauch, den die Kriegsgefangenen als Weihnachtsbaum mit Bildern und Watte geschmückt hatten, "auf besonderen Befehl" in den Ofen wanderte.
Die Freuden waren gering. Den meisten Kriegsgefangenen wurde erst im Frühjahr 1946 eine Rot-Kreuz-Antwortkarte zum Schreiben ausgehändigt, und mitunter dauerte es danach noch wochenlang, ehe die erste Nachricht aus der Heimat kam. Im
* Oben: Abendmahlskelch und Brotschale aus dem Lager Swerdlowsk (Ural). Unten: Wanderausstellung "Kriegsgefangene reden", 1952.
Tagebuch eines Gefangenen im Lager Jurewez findet sich unter dem 13. Juni 1946 die Eintragung: "Endlich die langersehnte Nachricht von zu Hause ... Alle leben, alles gesund! Auch Wohnung heil. Das ist ein Stein vom Herzen!"
Zunächst war es mit dem Schreiben "eine Sache für sich", wie ein Heimkehrer aus dem Lager Schtscherbakow berichtete, "denn wir waren 2,5 tausend Mann und bekamen das erstemal 150 Karten zum Schreiben", und in Kupjansk erlaubten die Russen "uns wohl das Schreiben, aber es gab kein Papier". Und auch das geschah: "Post kommt, Karten und viele Umschläge, sämtliche Briefe sind entnommen Gemeinheit!"
Obwohl nach 1950 in fast allen Unterkünften Lautsprecher installiert wurden, die das Programm des Rundfunks ausstrahlten, war der Kontakt zur Außenwelt so dürftig und der Nachrichtenhunger entsprechend groß, daß "die Luft voller Gerüchte" zu sein pflegte -- vor allem der Gerüchte über eine baldige Heimkehr:
"Das ewige "skoro domoi' (bald nach Hause) machte uns fast verrückt, und doch glaubte man immer wieder dran, weil es sich jeder so sehnlich wünschte."
Der Wunsch, irgend etwas Genaueres über das weitere Schicksal zu erfahren, war laut Cartellieri "so übermächtig, daß man bereit war, auch die haltloseste "Parole' wenigstens zu diskutieren: Vielleicht war doch .etwas daran".
Ob hinter dem Lagerzaun plötzlich ein Auto aufkreuzte, das man bis dahin nie gesehen hatte, ob unerwartet Großreinemachen befohlen wurde, ob sich das Verhalten des Bewachungspersonals zu andern schien -- "all das konnte der Funke für ein Lauffeuer" werden. In Kasimirowo gab es einen Gefangenen, "der genau wissen sollte, wie die Entlassungsformalitäten in Frankfurt/Oder vor sich gingen", und alle hörten ihm gebannt zu, denn "im Grunde seines Herzens hoffte doch ein jeder, fahndete nach Anzeichen für seine Hoffnung und bekam so immer etwas Auftrieb".
Viele freilich hofften vergebens -- und bis an ihr Ende: Jeder dritte Plenny starb. In den 619 Lagern der Südregion um Odessa kamen rund 200 000 Gefangene um, in den 729 Lagern der Zentralregion um Moskau waren es 180 000. Die höchste Sterblichkeitsziffer gab es im schwer erträglichen Wüsten-Klima der Lager im südlichen Zentralasien -- in Usbekistan, Kirgisistan und Turkmenistan.
Von den deutschen Soldaten, die schon zu Anfang des Rußlandkrieges in Gefangenschaft gerieten, starben bis zu 95 Prozent, vor allem im Winter. Und viele blieben schon beim Marsch in die Gefangenschaft am Wege liegen:
* Von 91 000 Soldaten, die 1943 die Schlacht von Stalingrad überlebten, erreichten nur 18 000 die Endlager in Taschkent, Usbekistan und an der Wolga; 42 000 verhungerten oder erfroren allein im Auffanglager Beketowka.
* Um ein Viertel dezimierten endlose Hitzemärsche den Schub von 150 000 Mann, der nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Juli 1944 in Lager bei Minsk und Smolensk geleitet wurde.
* Von 115 000 Kriegsgefangenen, die nach dem Untergang der Heeresgruppe Süd in Rumänien im Spätsommer 1944 bei sengender Hitze unter freiem Himmel kampieren mußten, starb jeder dritte. > Auf Fußmärschen bis zu 300 Kilometer kamen von 800 000 Soldaten, die nach der Kapitulation in Polen und Ostdeutschland zusammengezogen worden waren, rund 100 000 ums Leben.
Allerdings: Die Version, die Sowjets hätten es darauf angelegt, die Überlebenden der Schlacht um Stalingrad auf ziellosen "Todesmärschen" noch nachträglich zu liquidieren, ist -- so Bilanz-Autor Böhme -- "aufs Ganze und objektiv gesehen" nicht aufrechtzuerhalten:
Die Reste der 6. Armee waren bereits bei der Gefangennahme zu Tode erschöpft, ausgehungert, verwundet oder krank, in ihrer dürftigen Kleidung der Kälte nahezu schutzlos preisgegeben, auch gab es weit und breit keine Unterkunft. Hätte man sie nicht, wie es ein Stalingrad-Arzt ausdrückte, durch Märsche "gewaltsam bewegt", so wären noch mehr erfroren.
Mit rund 35 Prozent war die Sterberate der deutschen Gefangenen in der Sowjet-Union nicht nur geringer als die der fünf Millionen Rotarmisten in Nazi-Gewahrsam (60 Prozent), sie war auch niedriger als die der knapp 160 000 Feldgrauen, die 1914 bis 1918 in russische Kriegsgefangenschaft gerieten: Damals betrug die Todesquote fast 40 Prozent, während von den 1,4 Millionen Russen-Gefangenen im Ersten Weltkrieg nur 5,4 Prozent starben.
So sieht denn auch Professor Maschke, Chef der Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte, "keine Anzeichen für die Absicht die deutschen Kriegsgefangenen verhungern zu lassen". Zwar spielten Unfähigkeit und auch Gleichgültigkeit eine verhängnisvolle Rolle, doch waren -- so ergaben die Untersuchungen der Wissenschaftler -- die Plennys den Russen "als Arbeitskräfte zu unentbehrlich, als daß man sie nicht nach Möglichkeit ernährt hätte". Und Arbeitskräfte waren in der Sowjet-Union tatsächlich rar geworden: Schätzungen besagen, daß die russische Bevölkerung im Krieg mit Deutschland um etwa 20 Millionen Menschen dezimiert wurde.
Freilich: Die gefangenen Landser wurden lediglich "nach Möglichkeit" ernährt, und die Möglichkeiten waren gering genug. Die sowjetische Landwirtschaft hatte schwere Kriegsschäden erlitten. Allein der Ernteertrag an Getreide fiel zwischen 1940 und 1945 um etwa 45 Prozent, überdies brachte das Jahr 1946 die schlimmste Mißernte seit einem halben Jahrhundert.
Die russischen Zivilisten litten darunter ebenso wie die deutschen Kriegsgefangenen: Beide bekamen (jedenfalls auf dem Papier) ebensoviel und ebensowenig. Im Winter 1946/47 betrug die tägliche Brotration in den meisten Gefangenenlagern 600 Gramm. Sowjetische Arbeiter erhielten zur selben Zeit zwischen 529 und 546 Gramm, Facharbeiter zwischen 613 und 633 Gramm. Auch die Rationen an Fleisch, Fisch, Fett und Zucker waren nahezu gleich, ebenso die Zuteilung an Grütze oder Suppen.
Die Gefangenen selber bestätigen es: "Wie wir feststellen konnten, hatte auch die russische Bevölkerung nicht viel mehr." Oder: "Ganz Moskau -- und wir mit -- aß nichts als angefrorene Kartoffeln." Ein Heimkehrer aus einem Ural-Lager berichtete sogar: "Den Russen erging es nicht anders, zum Teil noch miserabler."
Und doch waren die Gefangenen im Nachteil. Die Russen ernährten sich seit jeher hauptsächlich von Brot, Suppen, Hirsebrei, Kraut und Rüben, während der Fleischverbrauch nicht höher war als im Deutschland von 1816. Das Hauptnahrungsmittel Brot enthielt zudem einen hohen Anteil Wasser und war für deutsche Mägen kaum verdaulich.
Hinzu kam, daß auch die Gefangenen-Rationen, wie in der Sowjet-Union üblich, nach der Arbeitsleistung bemessen wurden. Wer seine Norm zu mehr als 125 Prozent erfüllte, bekam doppelt soviel Brot wie jemand, der unter 80 Prozent blieb -- und das waren die Alten, die Schwachen, die ohnehin schon Ausgemergelten.
Anders als den russischen Zivilisten war es den Gefangenen lange Zeit auch unmöglich, ihre Rationen durch Anbau von Kartoffeln und Gemüse hinterm Haus aufzubessern oder auf dem freien Markt etwas dazuzukaufen. Oft konnten die versprochenen Kontingente nicht geliefert werden, oder sie verschwanden irgendwo an der Bahnstrecke.
Was schließlich angeliefert wurde, war meist von schlechter Qualität: Das Fleisch bestand vielfach nur aus Innereien, die Knochen wurden mitgewogen. Die Kartoffeln waren erfroren oder verfault.
Ein Gefangener aus .einem Lager im Süd-Ural schilderte, wie seine Kameraden und er im Winter 1943/44 "ganze Kartoffelblöcke wie sommers die Felsbrocken im Steinbruch" mit Eisenstangen aus Güterwagen hauen mußten: "Wir brachen und hieben einen ganzen Tag und nahmen am zweiten noch Kreuzhacken mit."
Denn um sie nur irgendwie verwertbar zu machen, mußten die hartgefrorenen Kartoffeln ("Eierbriketts") erst in Stücke geschlagen und dann in Benzinfässern aufgebrüht werden. Übrig blieb "ein einziger Matsch. Satt wurden die Plennys fast nie. "Hunger", so erinnerte sich einer, "hatten wir nur einmal, und das war immer." Der 1955 aus Rußland heimgekehrte Psychologe Horst von Usedom urteilte, der Hunger habe im Erleben der Gefangenen eine "teuflische Vorrangstellung" gehabt.
Weder die Ungewißheit über das künftige Los noch Fronarbeit, Schikane und sibirische Kälte -- der Hunger war für sie die "zentrale Qual in einer Vielfalt von Drangsalen", so die Historikerin Hedwig Fleischhacker, die im Bonner Auftrag das Hungerproblem der Rußland-Gefangenen untersuchte. Und für Professor Maschke vollzog sich in den Lagern gar "ein Kapitel aus der Weltgeschichte des Hungers".
Womöglich war dies das düsterste Kapitel dieser Geschichte: Im Lager Jelabuga wühlten ausgehungerte deutsche Gefangene "wie streunende Hunde" in Abfallfässern und Aschentonnen nach Krautstrünken und Kartoffelschalen.
In Dubowka bei Stalingrad beobachtete ein Kriegsgefangener im Winter 1943: "Die Dohlen im Turmgebälk der Klosterkirche werden gefangen und roh verschlungen ... In einem Schneehaufen entdecken Gefangene einen Pferdekadaver. Er wird mit bloßen Händen in Stücke gerissen und verschlungen."
Nicht anders war es noch 1946 in einem Lager am Terek, wo "wir vor krepierten Pferden nicht haltmachten; an dem Kadaver saßen die Landser wie Aasgeier, nicht einmal die schwammige Lunge blieb übrig".
Einige Heimkehrer wußten gar zu berichten sie hätten Leichen im Schnee liegen sehen, "denen viereckige Fleischstücke aus den Gesäßteilen herausgeschnitten waren". Es sei vorgekommen, "daß die Gefangenen, die gestorben sind, von Mitgefangenen ... zum Teil Gehirne ausgeschlagen bekamen und dann gegessen wurden", und auch, daß Hunger die Gefangenen dazu getrieben habe, "die toten Kameraden zu zerreißen und deren Fleisch zu rösten und es zu essen".
Der Hunger wirkte, so bestätigte ein Gefangener, "wie ein Rauschgift, er beseitigt Hemmungen". Und ein anderer fand: "Diese ausgehungerten Menschen waren oft wilden Tieren ähnlicher als dem Ebenbild Gottes."
Im Hungerwinter 1945/46 waren Gewichtsverluste bis zu 60 Pfund keine Seltenheit. Ein 21 Jahre alter Soldat, Körpergröße 1,71 Meter, meldete aus dem Lager Frolowo: "42 kg samt sämtlicher Klamotten."
Mancher erkannte sich selbst nicht mehr, so ein Kranker im Hospital Atkarsk bei der Untersuchung: "Als ich diese Reihe nackter Männer dann in einem Spiegel erblickte, fiel mir ein langer, besonders dürrer Mann auf. Als ich mich umsah, um zu sehen, wer das war, drehte sich der Mann im Spiegel auch um: Ich war es selbst."
Der Hunger schwächte nicht nur den Körper: "Die Geistestätigkeit wurde matt und matter. Wir vergaßen die Familienfesttage und konnten nicht mehr Kopfrechnen." Es gab Hungerkranke, "die tagelang kein Wort sprachen, sich für nichts interessierten, sich auf der Pritsche nicht rührten, gefüttert und gewaschen werden mußten".
Aus Schwäche oder aus ökonomischen Gründen trotteten die meisten Gefangenen "krumm, mit gebeugtem Rücken, eingesunkener Brust, nach vorn gezogenen und fallengelassenen Schultern, eingezogenem und gesenktem Kopf und in den Taschen Halt suchenden Armen".
Methoden, den Kalorienverbrauch des Körpers auf ein Minimum zu beschränken, wurden in allen Lagern praktiziert. "Kaloriensparer" bewegten sich nach Möglichkeit nur im "Schongang", vermieden vermeidbare Wege und übten sich in reglosem Liegen, was sie "auf der Pritsche verfaulen" nannten.
Die Lethargie verwandelte sich in "wachsende Unruhe auf den Baracken, wenn sich der Zeitpunkt der Mahlzeit näherte" und, so ein Bericht aus dem Waldlager Schumnowo, die Gefangenen "hungrig ruhelos hin und her irren, gleich Raubtieren auf dem Sprung nach dem Essen".
"Essen" im herkömmlichen Sinn war es nicht: "Kohlsuppen (Kapusta) und
* "An der Abfalltonne", veröffentlicht 1952 in dem Grünbuch des Verbandes der Helmkehrer: "wir mahnen die Welt."
Brei (Kascha) sind unsere Nahrung", außerdem Kleie, Mehlsuppe, Mais, "monatelang nur Graupen", auch "kleine Salzfische", an Fleisch nur "faulige Ziegenköpfe", Kuhköpfe, eingesalzene Innereien, "meist gibt es Kutteln". Vom bloßen Geruch der verkochten Innereien mußte sich in Saransk die offenbar an bessere Dinge gewöhnte Lagerprominenz übergeben.
Die Brotschneider waren gewählte Vertrauenspersonen, oft Architekten oder Feinmechaniker, und beim Brotschneiden durfte niemand "näher als zwei Meter heran". Wenn "die Arbeit fertig war, machte eine unparteiische Gutachterkommission noch kleine Korrekturen
Wie man den Brotgenuß durch "Fletschern" oder "Mümmeln" steigern konnte, beschrieb ein Heimkehrer so: "Man nimmt einen großen Bissen in den Mund und kaut ihn bis zu 120 mal ... die Würge- und Schluckbewegungen muß man bekämpfen, bis das Brot zu einem dünnflüssigen Brei geworden ist ... Diesen Brei läßt man dann langsam hinunterrinnen. So braucht man für 400 Gramm Brot etwa eine Stunde."
Das "Einundalles" und die "einzige stabile Nahrung" war das Brot, "auf russisch "chleb', ich sage immer "kleb" wie kleben". Es war meist "völlig naß wie Seife", und "wenn man es an die Wand schmiß, blieb es kleben". Heimkehrer erzählten, sie hätten "immer gesagt, wir gehen das Brot in der Feldflasche empfangen".
Dennoch wurde das Brot "verehrt, fast angebetet", und "der schönste Augenblick des ganzen Tages war der erste Biß in die frische Ration". Brot war schlechthin das "Heiligste in der Gefangenschaft"; die tägliche Brotverteilung glich einer "sakralen Handlung".
"Fast zögernd wurde geschluckt", erinnerte sich ein anderer. Und: "Die Umwelt war versunken, es war gelungen, mit eigener Kraft einen längeren euphorischen Zustand herzustellen."
Wer nicht alles auf einmal aufaß" (Lagerjargon: "Kahlfresser"), sondern als "Ratenesser" sich seine Portion einteilte, riskierte, daß sein Brot unter der Matratze verschimmelte.
So streng wie bei der Brotverteilung waren die Bräuche auch bei der Ausgabe von Suppe und Kascha -- dem "Zeremoniell des Auskellens" von Schlag und Nachschlag, dem, was nach der Verteilung der Normalration noch übriggeblieben war -- darüber kreiste das Denken häufig tagelang. Überall gab es Nachschlaglisten" oder es waren Auslosungsverfahren ausgetüftelt worden, und von Baracke zu Baracke wachte man darüber, daß der Nachschlag präzise übereinstimmte. Stellte sich heraus, daß die Nachbarn mehr bekamen, wobei auch mitgerechnet wurde, "was außen an der Kelle hing", dann gab es "das unmenschliche Geschrei, das Schimpfen und sich gegenseitige Angreifen", und das Kellenvolumen mußte korrigiert werden.
Es war "ein schmerzlicher Anblick, wenn man zusah, wie der Barackenführer die Kelle, die geheiligt war, um einen Millimeter flacher feilte. Mathematiker berechneten sofort nach der Kegelstumpfformel den Ausfall an Kubikzentimetern, was sich die anderen dann in das Tagesminimum an Löffeln umrechneten".
Thema eins waren nicht mehr Frauen -- das lag weit zurück. Statt dessen wurde pausenlos über vergangene kulinarische Genüsse geredet, über "Gasthof, Rezepte, Feste" und darüber, was man später alles wieder einmal essen würde: "Vernünftige Männer hängen wie Kinder diesen quälenden Vorstellungen nach und fangen an, Kochrezepte zu sammeln."
Ganze Kochbücher wurden in Gefangenschaft zusammengestellt. In Grodno verfaßte ein Soldat eine Liste mit 200 Rezepten, und er tauschte sogar sein letztes Stück Brot ein, um dafür ein Stück Papier und einen Bleistiftstummel zu bekommen. Als die Russen das Rezeptbuch fanden, glaubten sie, einem "Kode" auf die Spur gekommen zu sein und steckten den Mann für 90 Tage in den Keller: "An diesen Folgen starb er."
in der Phantasieküche der Gefangenen gab es Klöße, Aal grün, "Gulasch auf bisher nie gekannte Art" oder "täglich Schweinebraten". Viele Tage "erhielten ihre schönste Weihe dadurch, daß ein Bäckermeister vom Brotbacken erzählte". Ein Hauptmann im Lager Cherson ließ sich eine Systematik der österreichischen Mehlspeisen aufstellen, ein anderer Offizier "ließ sich von einem Veterinär auf die Barackenwand einen Ochsen malen mit Kennzeichnung der Bratenstücke".
Viele Gefangene schmatzten noch im Traum, und hier und da wurden "Leeresser beobachtet, die "aus einem leeren Kochgeschirr eine imaginäre Suppe" löffelten oder als "Leerkauer" auf eingebildeten Fleischstücken herumbissen.
Der Hunger machte vor nichts halt, auch nicht vor "Laub von Linden", Löwenzahn, Wegerich, Schafgarbe und Brennesseln. Ein Heimkehrer: "Grasfresser gab es in meinem Lager eine ganze Anzahl." In Urnen wurde im Frühjahr "das erste Grün buchstäblich abgefressen, junge Blätter gekocht und Ungeziefer mitverwertet". Im Lager Grosny "war kein Grashälmchen mehr zu finden, dort weideten die Dystrophisten".
Dystrophie (von dystroph: die Ernährung störend) war die schwerste und auch die häufigste Krankheit der deutschen Gefangenen in der Sowjet-Union. Erst die sowjetische Kriegsgefangenschaft hat diese Krankheit überhaupt zum medizinischen Begriff geprägt. Als Folge knapper, kalorienarmer, wasserreicher Ernährung war sie den Ärzten zuvor nur als Hungerödem oder Hungerkachexie bekannt.
Die Dystrophie trat in den Lagern in zwei Formen auf: als Trockendystrophie, die zu einer schlaffen Auszehrung führte, und als Feuchtdystrophie, die den Körper aufschwemmte.
Trocken-Dystrophiker (Lagerjargon: "die Strohficker") magerten zu Skeletten ab und sahen Toten ähnlich: "Waren in einem Lager genügend solcher Jammergestalten beieinander, wurden sie gemeinsam in einer Baracke untergebracht, die dann einem lebendigen Leichenhaus glich."
Manche Feuchtdystrophiker konnten, so ein Bericht aus dem Lager Antropsino bei Leningrad, morgens "kaum aus den Augen schauen, da das Wasser beim Liegen ins Gesicht drang". Schienbeine und Knöchel schwollen zu unförmigen Klumpen an, und "der Fingerdruck läßt minutenlang eine Vertiefung zurück", wie ein Arzt schilderte.
Die Krankheit führte zu tiefgreifenden seelischen Veränderungen. Ein Dystrophiker erinnerte sich, er sei so gleichgültig geworden, "daß mich der Gedanke an meinen möglichen Tod ... völlig kalt ließ. Ich wußte, ein von Schmutz starrendes Gesicht zu haben, brachte aber nicht die Energie auf, mich zu waschen".
Sie waren so gleichgültig und so kraftlos, daß sie ihre Notdurft verrichteten, wo sie gerade standen oder, meistens, lagen. Im Lager Liepaja entdeckte ein Soldat beim Löffeln seiner Suppe, daß er sein "Wasser überhaupt nicht halten konnte und dieses sich, ohne daß ich es durch meinen Willen zu verhindern imstande war, in meine Hosen ergoß".
Der Gang zur Latrine war für viele Kranke der letzte Gang. Im Sammellager Neuhof-Ragnitz blieb, wer vor Schwäche in die Latrine fiel, "darin liegen und war nach ein, zwei Tagen vom Kot zugedeckt".
Entkräftet brachen Gefangene auch am Arbeitsplatz, bei der Entlausung oder beim Essen zusammen -- so in Borowitschi bei Leningrad: "Ein Mann starb plötzlich während des Essens und saß mit geneigtem Kopf so da, als ob er sich an dem Anblick des Essens erst noch erfreuen wollte."
Wie viele den Hungertod starben, ist bis auf wenige Ausnahmen nirgends registriert. Im Lager Tiraspol gingen binnen sechs Monaten 11 500 Gefangene zugrunde, in Balti waren es 15 000 in wenigen Wochen, und 2000 von 8000 Kranken starben im estnischen Lazarettlager Achtme.
Ob jemand krankgeschrieben wurde oder nicht, entschied sich bei der monatlichen "Kommissionierung", wenn russische Ärzte die Gefangenen in die verschiedenen Kategorien der Arbeitstauglichkeit einstuften. Bei diesem "Arschkneifen" auf dem "Sklavenmarkt" war ausschlaggebend, wie das Gesäß beschaffen war:
"Sind die Gesäßmuskeln noch straff, kommt man in die Kategorien 1 oder 2, d. h. man ist für schwere Arbeiten tauglich. Ist der Kräftezustand mäßiger oder fraglich, kneift der Arzt in die Gesäßmuskeln. Haben sie noch Spannung, kommt man in die Kategorie 3, d. h. man ist für leichte Arbeiten tauglich. Sind sie schlaff, wird man in die Kategorie 5, d. h. den Arbeitsuntauglichen zugeteilt. Hängen die Gesäßmuskeln wie die Hautlappen an der Kehrseite des Elefanten, ist man Dystrophiker. Dann hat der Körper mit dem Abbau der Muskeln begonnen."
In der Hoffnung auf bessere Krankenkost oder auf rasche Heimkehr dystrophierten sich manche Gefangenen auch selber und "trainierten ... auf Dystrophie", wie ein Heimkehrer zugab. Entweder verzichteten sie auf jedwede Nahrung. die sie dann meist gegen Tabak eintauschten -- 500-600 g Brot gegen eine Zigarette mit Machorkakrümeln". Oder sie aßen "jede Menge Salz ... um Wasser zu kriegen. Viele "tranken laufend Tabaklauge und Salzwasser", Teeabsud. Seifenlauge. Ein Gefangener erinnerte sich eines Kameraden, "der trank jeden Abend fünf Kochgeschirre Wasser. Ich warnte ihn: Tu das nicht. Aber am nächsten Abend tat er es wieder. Er wollte eben nicht arbeiten gehen".
Sie experimentierten mit ihrem Leben: "Einer ganzen Reihe ist es geglückt, andere sind daran gestorben." Mitunter traten die Hungernden noch in den Hungerstreik. Dann erschienen sowjetische Kommissionen. und es konnte sein, daß es daraufhin "die Zuckerration für die rückliegenden zwei Monate auf einmal gab", wie im Lager Jelabuga, oder "der Oberkoch beehrte mich mit seinem Besuch und fragte mich nach meinen Wünschen".
Hungerstreik. Selbstverstümmelung (wie Fingerabhacken) und Selbstdystrophie wurden mit Karzer und Zwangsarbeit (bis zu 25 Jahren) bestraft -- und lebend kam davon kaum einer zurück.
Doch auch Russen waren es oft, die deutsche Gefangene vor dem Ärgsten bewahrten. Zahllos sind die Beispiele russischer Hilfsbereitschaft den "Nestschastnys" gegenüber, den Menschen, von denen alles Glück sich abgewandt hatte -- " und diese rührenden Geschichten sind wahr", wie ein Heimkehrer versicherte.
Aus dem Lager Kaunas wurde berichtet: "Zivilbevölkerung sehr freundlich, ihrer geheimen Unterstützung mit Lebensmitteln verdanken viele Kameraden das Leben."
Auch das Leben des deutschen Soldaten, der sich mit einem "Viertel Rasierklinge" die Pulsadern öffnen wollte, um sein eigenes Blut "zur letzten Sättigung zu nehmen", wurde von einem Russen gerettet: "Er brachte mir Brot, Speck und etwas zum Rauchen.
Das war Weihnachten 1945 im Stalingrader Holzkommando.
* Oben: von Heimkehrern aus dem Lager Perwo-Uralsk geschmuggelte Aufnahme von dem Gefangenen-Friedhof "Taliga". Unten: Durchgangslager Gronenfelde bei Frankfurt/ Oder, 1949.

DER SPIEGEL 16/1969
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