14.04.1969

SPIONAGE / COMPUTEREDV abgezapft

Immer wieder belobigte die Internationale Büro-Maschinen GmbH (IBM) in Sindelfingen (Württemberg) ihren Techniker Gerhard Prager mit Geldprämien. Prager, der in der Reklamations-Abteilung eines IBM-Zweigwerkes als Spezialist für Datenverarbeitungs-Anlagen tätig war, nahm sich der Beschwerden von Kunden in Heimarbeit an und ersann Verbesserungen an IBM-Computern.
Letztes Jahr verurteilte der Vierte Senat des Oberlandesgerichts Stuttgart den rührigen Mechaniker zu zwei Jahren Gefängnis. Prager war Agent der DDR-Spionageorganisation "Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) im Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gewesen.
Der Fall Prager wird noch Monate nach der Verurteilung bei der Stuttgarter Justiz wie beim Computer-Fabrikanten IBM geheimgehalten. IBM-Hausjurist Dr. Hermann Seegers letzte Woche zum SPIEGEL: "Name und Fall sind mir überhaupt nicht bekannt." Das Stuttgarter Oberlandesgericht verwahrt die Akten des Prozesses als "Verschlußsache", Teilstücke sogar als "geheim".
Diese Verschlossenheit hat gute Gründe. Denn das Verfahren gegen den MfS-Agenten enthüllte eine bis dahin unbekannte Spielart östlicher Feindaufklärung in westdeutschen Industriebetrieben: die Computer-Spionage.
IBM hatte in einem Rechenzentrum auf Magnetbändern Daten über Planung, Produktion, Personal und Profit von dreitausend westdeutschen Industrieunternehmen gespeichert und in Lohnauftrag bearbeitet. Ost-Agent Prager kopierte in Überstunden, die IBM nichtsahnend als betriebsbezogenen Eifer prämierte, die Bänder auf Duplikate und übermittelte sie an die Hauptverwaltung Aufklärung in (Ost-) Berlin-Lichtenberg, Normannenstraße 22, Abteilung V (Wirtschaft, Technik, Forschung, Wissenschaft).
Die Beschaffungs-Abteilung V schickte die Magnetbänder zur HVA-Abteilung IX (Funk- und Chiffrierwesen, Elektronik). Dort ließen die Geheimdienst-Techniker die IBM-Sammlung auf eigenen Datenverarbeitungs-Maschinen ausdrucken; Programmierer entschlüsselten die Zeichen- und Zahlenkombinationen und übersetzten sie schließlich in lesbare Berichtssprache für die Industrie-Analytiker der HVA-Abteilung VII (Auswertung).
Die Daten über das Personal der dreitausend westdeutschen Industriebetriebe überwies die Abteilung VII an die HVA-Abteilung R (Registratur, Kartei, Archiv). Aus diesen Unterlagen sucht die Ost-Berliner Spionage-Zentrale potentielle Agenten für die Industrie-Ausforschung in der Bundesrepublik heraus.
Die Details über Planung, Produktion und Verkauf der von IBM verdateten Unternehmen lieferte die Ost-Berliner HVA den zuständigen Ministerien für Chemie, Leichtindustrie und Schwermaschinenbau aus. Die ministerielle Planungsbürokratie wiederum gab die Daten-Erkenntnisse aus der bundesdeutschen Wirtschaft an die entsprechenden Staatsbetriebe der DDR zur Auswertung weiter (siehe Seite 96).
Dieses Verfahren hat Zukunft. Zwar ist die von MfS-Agent Prager operativ geführte Computer-Spionage eine noch junge Sparte im geheimen Nachrichtengewerbe. "Mit Sicherheit aber", so ein westdeutscher Kybernetiker, "kommt in den siebziger Jahren der Spion nicht mehr aus der Kälte, dann überspielt er heiße EDV-Programme*."
Denn was Labors und Konstruktionsbüros, Personaldirektoren und Verkaufsleiter, Rüstungsfirmen und Chemiekonzerne früher in Ablagen und Archiven verstreuten, sammeln moderne Unternehmen und Forschungsinstitute längst auf Magnetbändern und Magnetplatten. In den bundesdeutschen Rechenzentren sind auf kleinstem Raum massenhaft Geheimnisse gespeichert -- interessant für die geschäftliche Konkurrenz, reizvoll für die gegnerische Spionage.
Auf einigen wenigen Bändern bis zu 1600 BPI** oder auf Magnetplatten haften die Ergebnisse jahrelanger,
* EDV Elektronische Datenverarbeitung.
** Ein Magnetband 1600 BPI (Bytes Per Inch) ist 732 Meter lang: es speichert auf einem Zentimeter 640 Buchstaben oder ZUfern und insgesamt zwanzig bis dreißig Millionen Daten.
kostspieliger Forschung -- etwa in den Computer-Zentren der Farbenfabriken Bayer in Leverkusen, des Raketen-Herstellers Bölkow in München oder der Badischen Anilin- & Soda-Fabriken (BASF) in Ludwigshafen.
Wohl sind die Programme zum Teil verschlüsselt. Wie aber Experten die Kombination eines Tresorschlosses entriegeln, Geheimdienst-Spezialisten fast jeden Funk-Kode knacken, so vermögen versierte Computer-Spione Bänder und Platten auch dann zu dechiffrieren, wenn sie ein Kode-Wort oder das Programmsystem nicht kennen.
Noch haben Techniker und Spionage-Abwehr keinen wirksamen Schutz für Computer-Intimitäten gefunden. Doch schon jetzt ist die Hauptverwaltung Aufklärung in Ost-Berlin nicht ausschließlich auf die Zulieferung von gestohlenen Daten auf überspielten Bändern oder Datenplatten angewiesen.
Denn gleich Telephonleitungen lassen sich auch Computer-Kabel zur illegalen Aufzeichnung anzapfen. Auch ein elektronischer Super-Speicherschrank, wie ihn das Bundesinnenministerium für die Personalien der 60 Millionen Bundesbürger plant (Seite 58), wäre vor östlicher Geheimdienst-Technik nicht sicher. Saboteure vermögen sogar im Gegenverkehr die Rechenmaschinen mit irreführenden Informationen zu füttern und falsche Daten in industrielle Programme zu schleusen.
Ost-Berlins Spionagechef Generalleutnant Markus ("Mischa") J. Wolf, 46, Chef der Hauptverwaltung Aufklärung, erkannte die Möglichkeiten zur Computer-Erkundung der bundesdeutschen Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Forschung bereits zu einem Zeitpunkt, als die DDR selbst nur über wenige Anlagen für die Datenverarbeitung verfügte. Schon vor fünf Jahren ließ er für diese Spionage-Operation einen langfristigen Perspektivplan ausarbeiten. Und einer der ersten Techniker, die sich dafür dem Ost-Berliner Geheimdienst verpflichteten, war Gerhard Prager aus Stadtroda in Thüringen.
Prager erhielt in der DDR zunächst eine Computer-Grundausbildung und dann den Auftrag, sich in der datenverarbeitenden Industrie der Bundesrepublik weiterzubilden, um schließlich im Westen als Spezialist eine Schlüsselstellung für die Hauptverwaltung Aufklärung im Osten übernehmen zu können.
Der Spitzenagent lieferte nicht nur Band-Informationen; er informierte die HVA auch darüber, welche IBM-Modelle fehlerlos funktionierten. Und erst nach diesem Freigabebescheid bestellte der Beauftragte Ost-Berlins für den innerdeutschen Handel, Heinz Behrendt, per Interzonenhandel die passenden IBM-Typen.
So werden die Geheimnisse der westdeutschen Wirtschaft in Ost-Berlin auf westdeutschen Computern entschlüsselt.

DER SPIEGEL 16/1969
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