14.04.1969

AFFÄREN / RENNSCHUHESpikes in Gold

Im Osterfilm "Anna" bot das dritte NDR-Fernsehprogramm ein Pop-Ballett. Es wurde gesprungen, geschossen, gekreischt -- und Schleichwerbung betrieben.
Denn kundige TV-Konsumenten entdeckten an Tänzern schwarze Fußballschuhe mit drei senkrechten weißen Streifen. Das weltbekannte Markenzeichen der deutschen Sportschuh-Firma Adidas war sogar auf die Ballettbühne vorgedrungen.
Den Weltmarkt für Rennschuhe und Fußballstiefel beherrscht Adidas zusammen mit dem Rivalen Puma im Hochleistungssport ohnehin zu 90 Prozent. 1949 hatten sich die Brüder Rudolf (Puma) und Adolf Dassler (Adidas) getrennt. Seitdem lieferten sie sich von ihren Stammwerken in Herzogenaurach bei Fürth aus einen zwanzigjährigen Schuhkrieg. Adidas produziert täglich 25 000 Paar Sportschuhe, Puma 7000. Beide exportieren in jeweils 100 Länder.
Der Konkurrenzkampf der zerstrittenen Brüder löste fortwährend Affären aus, die peinlichste bei den Olympischen Spielen in Mexico City.
Nach dem Willen des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) sollen deshalb die Adidas-Riemen ebenso verschwinden wie die Längsstreifen des Rivalen Puma.
Adidas hatte schon seit mehr als zehn Jahren jugendliche Talente mit Gratis-Rennschuhen versorgt. So verpflichtete das Werk immer mehr rekord- und titelreife Athleten. Das kleinere Puma-Unternehmen mußte rationeller rechnen und warb Sportler ab, sobald sie einen bedeutenden Erfolg errungen hatten. Sprinter Armin Hary spurtete als Adidas-Mannequin zum 100-Meter-Weltrekord. Im olympischen Finale 1960 siegte er für Puma.
Zu Beginn der Olympia-Saison 1964 "wechselten etwa zwölf bekannte Leichtathleten zur Konkurrenz", klagte der Adidas-Chef. Inzwischen spielten die Sportler die feindlichen Brüder gegeneinander aus. Sie verlangten Spesen, Prämien, berufliche Förderung oder Bargeld.
Während der Leichtathletik-Europameisterschaften 1966 in Budapest kassierten Europameister Jürgen Haase und Weltrekordler Jürgen May, beide aus der DDR, in einem von Puma gemieteten Lagerraum des Athleten-Dorfes Gödöllö 600 Dollar. Dafür sollten sie im Ulbricht-Staat Kontaktleute für Puma werben.
Offenbar hörte der Rote Bruder mit. DDR-Sportchef Manfred Ewald entfesselte einen internationalen Skandal. Als Beweis für die "kapitalistischen Machenschaften" bot er ein Tonband an. Der linientreue Haase schlüpfte in die Rolle des verführten Opfers. May wurde lebenslänglich gesperrt und flüchtete in die Bundesrepublik.
Die Affären beeinträchtigten keineswegs den wachsenden Absatz der Dassler-Produkte. "Unser Konkurrenzkampf hat die Qualität immer weiter verbessert", erklärte Rudolf Dassler. Allein zwischen den Olympischen Spielen von 1964 und 1968 führte Adidas 132 Neuerungen ein. Läufer aus Äthiopien und Australien, Sowjet-Ringer und Pakistans Hockey-Equipe warben für Schuhwerk aus Herzogenaurach.
Vor der Qualität und den Preisen der deutschen Schuh-Könige gaben zwei amerikanische Hersteller auf. Die japanische Firma Tiger Sichirts Co. Ltd. konnte nicht verhindern, daß Japans Fußball-Elf in Mexiko mit Adidas-Stiefeln spielte und die Bronzemedaille errang. Als die italienische Firma Valsport in England Anfangserfolge mit ihren Fußballstiefeln erzielte, überschwemmte Adidas den gefährdeten Markt mit Gratisschuhen. Die Italiener resignierten.
In der Olympia-Saison 1968 trieb die Verkaufsschlacht ihrem bisherigen Höhepunkt zu. Ein Frühstart sicherte Puma die Hälfte des US-Leichtathletik-Teams: Weltbestleistungen erwiesen die Eignung eines von Rudolf Dassler ersonnenen Bürstenschuhs mit 68 Dornen auf Kunststoffbahnen. Doch die IAAF verbot die Spezial-Spikes.
Indessen erkaufte sich Adidas das Recht, im Olympischen Dorf exklusiv einen Werbe-Pavillon zu errichten. Ein Mitglied des Organisations-Komitees sagte Puma schriftlich angemessenen Ersatz und Zollerleichterungen zu.
Als jedoch 3000 Paar Puma-Rennschuhe in Mexico City eintrafen, versiegelte sie der Zoll. Verbitterte Athleten erwogen einen Protestmarsch zum Flugplatz. Darauf eskortierte ein Polizei-Kommando die Puma-Crew zu einem mehrstündigen Nachtverhör. Der amerikanische Puma-Agent Arthur Simburg verbrachte fünf Tage in Haft. Schließlich gab der Zoll 360 Paar Dornenschuhe als "Werbegeschenke frei -- gegen 40 Mark pro Paar.
"Ungefähr 400 000 Mark in bar", meldete die "New Yorker Times", "und 1,4 Millionen Mark an Ausrüstung" warfen die beiden deutschen Firmen im Olympiajahr in die Werbeschlacht. Das US-Magazin "Sports Illustrated" berichtete von einem US-Athleten, der in der Bank des Olympischen Dorfes einen Puma-Scheck über 6400 Dollar einlösen wollte.
"Von 25 amerikanischen Medaillen-Gewinnern", gab US-Trainer Richard Bank zu Protokoll, "haben zwanzig Geld genommen." Bob Beamon, Weltrekordler und Olympiasieger im Weitsprung, wechselte während des Wettkampfs zu Puma über. Die schwarzen Olympia-Stars Tommie Smith und John Carlos trugen bei der Black-Power-Demonstration während ihrer Siegerehrung einen Puma-Schuh in der Hand.
"Es ist ein unhaltbarer Zustand", rügte der deutsche Leichtathletik-Präsident Dr. Max Danz, "daß sich die Firmen mit Bestechungsgeldern überbieten." Am 3. Mai will der Weltverband in London den Schuhkrieg zwangsweise beenden. Ausländische Funktionäre verlangten, neutrale weiße Spikes einzuführen.
Doch Adidas und Puma drohten -- notgedrungen gemeinsam -- künftig weder Sportler noch Mannschaften gratis auszustatten. Sofort kündigten Sport-Stars in aller Welt an, den weißen Schuh zu boykottieren. Leichtathletik-Chef Danz handelte einen geheimgehaltenen Kompromiß aus. Soviel sickerte durch: Er soll Adidas und Puma Barzahlungen an Stars ersparen, die Markenzeichen jedoch erhalten.
"Ruhe wird erst sein", polterte der holländische Funktionär Adrian Paulen, "wenn die Brüder Dassler nach Sibirien verbannt werden."

DER SPIEGEL 16/1969
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