14.04.1969

KIRCHE / PRIESTERGehe, gehe

Das Amt ist vierhundert Jahre alt und wechselte seine Namen. Als "römische und universale Inquisition" löschte es das Leben von Ketzern aus. Als "Heiliges Offizium" vernichtete es die Existenz von Theologen, die vom Kirchenkurs abwichen "Kongregation für die Glaubenslehre" heißt es seit 1965.
In diesem römischen Amt ist in all den Jahrhunderten nicht geschehen, was sich am 17. Juni vergangenen Jahres ereignete: ein Monsignore, aus Mexiko nach Rom befohlen, widersetzte sich der mächtigsten Vatikanbehörde. Er machte als erster die geheimen Akten seines Falles publik und enthüllte, daß dieses Amt noch immer mit mittelalterlichen Methoden arbeitet.
Es war Ivan Illich, 42, Amerikas bekanntester und aufsässigster Priester, der in Mexiko Kontakte zwischen katholischer Kirche und südamerikanischer Revolution herstellt. Jetzt kam Illich in die Schlagzeilen der Weltpresse: Er gab seinen Priesterberuf auf, weil der Vatikan ihn aus der Öffentlichkeit verbannen wollte.
Der Versuch des Vatikans, Illich zum Schweigen zu bringen und durch diese Aktion die Radikalisierung des südamerikanischen Klerus zu verhindern, dürfte zum Scheitern verurteilt sein und eher das Gegenteil bewirken. Illich, der Katholik bleiben will, scheint zum Idol für die amerikanischen Linkskatholiken zu werden, denen die Armen und Entrechteten in Südamerika näherstehen als der Papst in Rom.
Längst ist die Anhängerschaft, die Illich um sich gesammelt hat, so international wie seine Vita: Der Sohn eines kroatischen Katholiken und einer spanischen Jüdin wurde in Wien geboren, erwarb den Doktorgrad in Salzburg, studierte in Rom an der Päpstlichen Universität Gregoriana und wurde Priester in New York. Sechs Jahre lang war er dort Pfarrer in Elendsvierteln, dann wurde er Professor in Puerto Rico. Seit 1960 leitet er in Cuernavaca -- 70 Kilometer von Mexico City entfernt -- das "Centro Intercultural de Documentación" (Cidoc), an dem Priester und Laien, Katholiken und Nichtkatholiken für die Tätigkeit in Südamerika ausgebildet werden.
Es Ist ein nichtkirchliches Institut, das aber auch mit kirchlichen Geldern -- unter anderem aus der "Adveniat"-Spende deutscher Katholiken -- finanziert wird.
An dem Cidoc-Institut, in dem weder Kruzifixe noch Heiligenbilder, wohl aber Photos Fidel Castros und Che Guevaras hängen, werden viermonatige Sprachkurse und Seminare über Geschichte und Gegenwart Lateinamerikas abgehalten. Themen-Beispiele: "Theologie und Revolution", "Die autoritative Lehre der Kolonialkirche", "Kontroversen über den Gebrauch revolutionärer Gewalt in Lateinamerika".
Illich selber wehrt sich dagegen, mit den südamerikanischen Guerillas gleichgesetzt zu werden. Doch dem Publizisten Jean Lartéguy, dem Autor der SPIEGEL-Serie über Che Guevara (Nummer 31 bis 35/1968*), wurde an Ort und Stelle gesagt: "Es lohnt sich nicht, eine Reise durch ganz Lateinamerika zu machen, um revolutionären Führern zu begegnen. Gehen Sie doch nach Cuernavaca zu Monsignore Ivan Illich. Dort werden Sie sie finden Monsignore Illich ist der revolutionärste von allen." Und konservative katholische Kirchenfürsten und Kirchenblätter in Nord- und Südamerika nennen Illichs Institut einen "Hort subversiver Tätigkeit" und einen "Treffpunkt fast aller lateinamerikanischen Guerillas".
Sein Institut und seine Arbeit in Cuernavaca sind Illich wichtiger als sein Priesterberuf, obwohl er ein Dreivierteljahr lang zögerte, ihn aufzugeben.
Die letzte -- bislang in Europa wie in Amerika kaum bekannte -- Etappe im Priesterleben Illichs hatte begonnen, als Mitte vergangenen Jahres die Glaubenswächter des Vatikans ihn nach Rom beorderten.
Mittelalterlich war die Atmosphäre, als Illich zum Verhör geführt wurde: In einem düsteren Raum, dessen Fenster vergittert waren, saß an einem wuchtigen, hölzernen Tisch ein Vatikan-Prälat in violetter Soutane" ein anderer hielt sich im Hintergrund. Der Dialog war knapp: "Ich bin Illich." "Ich weiß."
"Monsignore, wer sind Sie?" "Ich bin Ihr Richter."
Doch der Name dieses Mannes blieb nicht geheim: Es war ein Monsignore Giuseppe Casoria, dem ein Monsignore De Magistris assistierte und der in der
* Die Buchausgabe ist Inzwischen Im Bertelsmann Sachbuchverlag, Gütersloh, erschienen: Jean Lartéguy: "Guerillas oder Der vierte Tod des Che Guevara". 265 Seiten; 24 Mark.
vergangenen Woche von Papst Paul VI. zum Sekretär der Sakramenten-Kongregation befördert wurde.
Casoria forderte Illich zunächst auf, strikte Geheimhaltung zu schwören. Illich lehnte ab und verweigerte auch ein mündliches Verhör. Kardinal Franjo Seper, Nachfolger des italienischen Kardinals Ottaviani als Leiter der Glaubens-Kongregation, wurde verständigt und entschied, daß dem Amerikaner die Fragen schriftlich übergeben werden sollten.
Es waren 85 Fragen, und sie offenbaren" welcher Geist auch heute noch im Vatikan herrscht: Alle Verdächtigungen waren gesammelt, die man seit 1960 gegen Illich öffentlich oder insgeheim verbreitet hatte.
Er sollte Auskunft über sein Seelenleben geben: "Stimmt es, daß sich in Ihnen seit Anfang 1960 ... eine gefährliche allgemeine Strömung neuer Ideen und desintegrierender Tendenzen entwickelt hat, die dem katholischen Glauben, der Tradition und der kirchlichen Disziplin schädlich sind?"
Auf rhetorische Fragen sollte Illich sich von seiner Arbeit in Mexiko distanzieren. Beispiel: "Ist es wahr, daß Sie durch Ihre Artikel, Interviews und durch Ihre Sympathie für die politische Linke viel Verwirrung in den Seelen und Gewissen anderer ausgelöst haben, besonders durch Ihre Vermischung von Marxismus und Christentum?"
Und der Priester wurde aufgefordert, andere Geistliche zu! denunzieren. Es wurden Namen genannt (die Illich verschweigt): "Wer sind Pater P. Pater E. und Pater B., und was denken sie über den Zölibat?"
Illich nannte das Verfahren "rechtswidrig" und lehnte jede Antwort ab. Am nächsten Tag empfing ihn Kardinal Seper und entließ ihn mit einem Wort ähnlich dem, das Dostojewski in seinem Roman "Die Brüder Karamasow" den Großinquisitor zu Christus sagen läßt: " Gehe, gehe und komme nie zurück."
Erst sein Ausscheiden aus dem Klerus gibt Illich die Freiheit, seine Arbeit In Cuernavaca fortzusetzen und seine Überzeugung noch kühner als bisher zu verbreiten.
Illich fordert von den US-Katholiken, in den nächsten drei Jahren "nichts und niemanden" nach Südamerika zu schicken. Er verspottet ihren "Ausbruch wohltätiger Raserei" und will nicht länger hinnehmen, daß die "Kirche Lateinamerikas ein vom Ausland finanziertes ausländisches Unternehmen" bleibt.
Und nicht nur unter Amerikas Katholiken populär ist das Zukunftsbild der Kirche, das der Priester-Revolutionär entwirft:
Es soll eine Kirche sein, die ärmer ist als die Armen dieser Welt; eine Kirche, die sich mit keiner Macht der Erde mehr verbündet; eine Kirche, die keine Priester mehr braucht, wie man sie heute kennt.
Illich: "In der Zukunft, in zehn, in zwanzig Jahren, wird die christliche Gemeinde sich um einen Diakon scharen, der verheiratet sein und Kinder haben wird. Er wird von seiner Arbeit leben und mit dem Volk."

DER SPIEGEL 16/1969
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