24.03.1969

SPIONAGE / KGBGeheim bei Bismarck

Tatjana Serbina, 41, Amtsärztin an der sowjetischen Botschaft zu Bonn, mußte am Dienstag letzter Woche ihrem Missionschef Semjon Konstantinowitsch Zarapkin, 62, einen Befund aus dem Medizinerlatein in die russische Umgangssprache übersetzen: Botschaftsrat Juni Nikanorowitsch Woronzow, 45, Moskaus Geheimdienstchef in der Bundesrepublik, war, wie es im Ärztejargon heißt, "lebend in seinen Unfall gefahren" -- mit Alkohol im Blut.
Nach einem Tafeltreff mit seinem Geheimdienstkollegen Igor Petrowitsch Sobolew, 42, in Köln hatte Woronzow am 25. Februar mit seinem schwarzen Diplomaten-Mercedes 220 (Kennzeichen: 0 -- 815) auf der Kölner Militärringstraße um 15.50 Uhr auf linker Fahrbahn einen zweiten Mercedes gerammt und war dabei zu Tode gekommen.
Woronzow, so diagnostizierte nun die aus Nischni Tagil bei Swerdlowsk stammende Medizinerin, sei herzleidend (mit einem Infarkt), kreislaufgestört und zuckerkrank gewesen. Gleichwohl habe der Botschaftsrat übermäßig dem Alkohol zugesprochen -- auch am 25. Februar.
Wohl habe Woronzow an diesem Tage gut gegessen -- so die Schlußfolgerung der russischen Ärztin aus dem Obduktionsbefund des Kölner Pathologen Professor Günther Dotzauer. Doch sei der erhebliche Promillegehalt zur Unfallzeit nicht abgebaut gewesen. Mutmaßlich habe der Zuckerkranke am Autosteuer ein diabetisches Koma erlitten -- Ohnmachtsanfall durch überhöhten Blutzucker.
Trotz seiner labilen Gesundheit verrichtete Woronzow seit August 1966 für Moskau Doppelarbeit: als Chefresident des Nachrichtendienstes Komitet Gossudarstwennoi Besopasnosti (Komitee fÜr Staatssicherheit -- KGB) in der Bundesrepublik und als Leiter der Politischen Abteilung der Sowjetbotschaft in Bonn (SPIEGEL 12/1969).
Woronzows letzter Gastgeber Sobolew, nach außen stellvertretender Leiter der Sowjetischen Handelsvertretung In Kölns Aachener Straße Nr. 240/244, in Wahrheit aber KGB-Spion fÜr Informationen aus Wissenschaft und Technik, mußte sich denn auch prompt in der folgenden Woche nach dem medizinischen Report zum disziplinarischen Rapport in der UdSSR-Botschaft an der Koblenzer Straße 28 in Rolandseck melden, An mehreren Tagen und in vielstündigen Vernehmungen erhoben sowjetische Geheimdienstoffiziere den Vorwurf, KGB-Mann Sobolew habe
* Woronzow beim Treff in Köln zum Trinken animiert und dadurch Moskaus Spionagenetz in der Bundesrepublik gefährdet;
* an der Unfallstelle selbst gegen alle konspirativen Regeln verstoßen durch auffällige Sicherstellung von Woronzows Funkempfangsgerät, SafeschlÜssel, Aktentasche und Regenschirm;
* durch mangelnde Umsicht Agenten-Trefforte enttarnt, so daß vom SPIEGEL (12/1969) sowjetische Geheimagenten und von ihnen bevorzugte Lokalitäten in Köln identifiziert worden seien.
Am Mittwoch letzter Woche erschien um 10.30 Uhr im Bonner Auswärtigen Amt der Sowjet-Gesandte Alexander P. Bondarenko zum Routineprotest. Er qualifizierte die Entlarvung sowjetischer Diplomaten als "von deutschen Behörden inspirierte Verleumdungen im SPIEGEL". Ministerialdirigent Ulrich Sahm, amtierender Leiter der Zweiten Politischen AA-Abteilung, entgegnete höflich, falls sich die Vorwürfe tatsächlich als Verleumdungen erweisen sollten, "würden wir sie bedauern".
Bonns AA wird nichts zu bedauern haben. Der Pseudo-Diplomat und KGB-Chef Woronzow in Bonn wird seinen Nachfolger bekommen, der zu tun hat, was schon Woronzows Vorgängern als Doppelrolle oblag: den Botschaftsräten und Geheimdienstlern Jurij Nikolajewitsch Granow (1965 bis 1966) und Sergej Grigorewitsch Grigoriew (1961 bis 1965). Und auch in den traditionellen KGB-Filialen außerhalb Bonns und Kölns wird weitergemacht.
So unterhält die russische Spionage-Zentrale unter anderen eine Außenfiliale in Hamburg, Schwanenwik 37, dem Haus der Sowjetischen Schwarzmeer und Ostsee Transport-Versicherung AG (Sovag), Das Gebäude an der Außenalster dient den Agentenführern als Absteige (Telephon 22 40 42).
Treff und Tafel wissen die geheimen Hamburg-Besucher aus Bonn und Moskau wohl zu dosieren: Niedere deutsche V-Leute werden zu Rendezvous am Bismarck-Denkmal oder an der Michaeliskirche ("Michel"), Eingang zum Turmfahrstuhl, beordert; Top-Agenten und geheimdienstliche Offizierskameraden hingegen sieht man im Fischereihafen-Restaurant an der Großen Elbstraße 143.
Igor Alexandrowitsch Lissenko, 32, in Personalunion Botschafts-Attaché und KGB-Gehilfe (Deckname: "Ge-
* Am Hamburger Bismarck-Denkmal 1964; Grigoriew hat bemerkt, daß er beobachtet wird und warnt seinen Partner durch Zurückschlagen von Mantel und Jacke.
** Links mit Fahrer Barenzew am Hamburger Hafen, rechts mit Attaché Solomatin (Hut) vor dem Hamburger Sovag-Haus. org") unter Chef Grigoriew, suchte beispielsweise nach Frischfisch und Nachtisch die Toilette des renommierten Speiselokals zu einer konspirativen Transaktion auf: Er übernahm von dem V-Mann Heinz Kühn* Informationen aus einer Bundeswehr-Forschungsstelle in Norddeutschland und eine Abschrift des als "Nur für den Dienstgebrauch" gekennzeichneten Telephonbuches dieser Dienststelle.
Kühn erhielt beim 00-Treff 500 Mark Honorar und einen für unsichtbare Schrift präparierten Schreibblock.
In der Folgezeit betreuten die seinerzeit höchsten Chargen der Bonner KGB-Residenz Kühn: Albert Wassiljewitsch Dmitriew, 35, als Botschaftssekretär offizieller Gesprächspartner deutscher Beamter und Politiker, als KGB-Offizier inoffizieller Agentenführer. Dem damaligen Geheimdienstchef Grigoriew schließlich schien Kühn von solchem Informationswert, daß auch er sich beim V-Mann zum Treff am Hamburger Bismarck ansagte.
In der Rolle des Diplomaten war der Botschaftsrat schon wiederholt zu offiziellen Gesprächen mit Politikern und Kaufleuten nach Hamburg gekommen; am 25. April 1964, zwischen 16.07 und 16.10 Uhr, spazierte er jedoch konspirativ -- als Tourist mit Photoapparat getarnt -- zum Bismarck.
Aber beide geheimen Russen, Chef Grigoriew wie Vize Dmitriew, brachte der Treff-Trip an die Elbe ins Sucherbild deutscher Kameras -- Grigoriew am Bismarck, Dmitriew beim Verlassen der Spionagefiliale an der Außenalster.
Wohl vermochte Grigoriew durch Zurückschlagen von Mantel und Rock mit weißer Hemdbrust (KGB-Alarmzeichen) den sich nahenden Kühn noch zu warnen, Doch nach ihrer lichtbildnerischen Demaskierung waren beide Agentenführer für weitere Operationen Im Gastland entwertet. Sie mußten in der Folge nach Moskau zurück, mit ihnen ihre Spionagegehilfen Alexander Michailowitsch Solomatin (Bonner Botschafts-Attaché) und Sergej Filippowitsch Baranzew (Bonner Botschafts-Kraftfahrer).
Grigoriew, Dmitriew und Fußvolk waren freilich nicht die ersten und
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
nicht die letzten Sowjet-Offiziellen, die ihre Deutschland-Karriere wegen Spionage unfreiwillig abzubrechen hatten. Seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen Bonn-Moskau 1956 mußten außer ihnen fünfzehn Diplomaten, Handelsvertreter und Journalisten -- von der deutschen Abwehr als Geheimdienstier enttarnt -- die Bundesrepublik teils fluchtartig verlassen:
* aus der Sowjet-Botschaft Bonn: Wilenin Petrowitsch Perminow (1958), Nikolai Jegorowitsch Lewinow (1960), Nikolai Buchtiarow (1962), Alexei Dmitrijewitsch Nikolajew (1963), Jurij Dmitrijewitsch Seljutin (1964), Jakow Stepanowitsch Barsukow (1965), Igor Alexandrowitsch Ossipow (1966), Wladimir Iljitsch Zyganow (1968); > aus der Sowjetischen Handelsvertretung Köln: Walentin Alexandrowitsch Pripolzew (1962), Michail Michailowitsch Schpagin (1966), Boris Leonidowitsch Sarytschew (1966), Albert Michailowitsch Kusnezow (1966);
* aus der Schwarzmeer und Ostsee Transport-Versicherung AG (Sovag) Hamburg: Direktor Dmitrij Iwanowitsch Kirpitschew* (1961);
* aus den Büros von Tass und Radio Moskau Bonn: Igor Jakowlew (1966), Igor Semjonowitsch Modnow (1966).
Nach kurzem Gastspiel von Juni N. Granow wechselte 1966 Juni Woronzow aus dem afghanischen Kabul in die Bonner Kulissen.
Fast drei Jahre lang dirigierte der KGB-Oberst das sowjetische Spionagenetz in der Bundesrepublik, seinerseits sorgsam überwacht von Ehefrau Tamara Woronzowa, 44, Lehrerin: In ihrer Gesellschaft mußte der kranke Chefspion seinen Alkoholkonsum mäßigen.
Am Tage der Kölner Todesfahrt ihres Mannes war Frau Woronzowa bei Sohn Wladimir, 17, in Moskau. Für ihre Zukunft ist gesorgt. Da sowjetische Geheimdienstoffiziere mit Diplomaten-Status zweifach vom KGB und vom Außenministerium -- besoldet werden, erhält auch Tamara Woronzowa aufgestockte Witwenrente.

DER SPIEGEL 13/1969
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