04.08.1969

AUTOMOBILE / DAMPFANTRIEBKraft vom Kamel

Leise und flink will Kaliforniens Polizei künftig Verkehrssünder jagen - mit Streifenwagen, die äußerlich einem US-Mittelklassetyp gleichen, aber dennoch Furcht einflößen: Sie sollen mehr als 200 Stundenkilometer schnell sein und im Quick-Start selbst noch Renner wie den Porsche 911 oder den 6,3-Liter-Mercedes abhängen.
Auch bei Höchsttempo und Blitzstart werden die flotten Polizei-Gefährte nicht aufheulen, sondern nur leise zischen. Denn unter der konventionellen Karosserie verbirgt sich ein archaisch anmutendes Antriebssystem, ohne Vergaser und Auspufftopf, ohne Kupplung und Getriebe: ein Dampfmotor.
Zwei Prototypen des ungewöhnlichen Auto-Antriebs, eingebaut in marktübliche Dodge-Polara-Limousinen, sollen in diesem Monat von der kalifornischen Autobahn-Pol sei erprobt werden. David S. Luethje, Chef der Abteilung Spezialprojekte bei der California Highway Patrol, ist überzeugt davon, daß die Mixtur aus Detroit und James Watt das "wahrhaft Fortschrittliche" sei,
"Der Dampfwagen konstatierte kürzlich auch der Technologie-Dozent Richard S. Morse, vom US-Handelsministerium mit dem Studium der Smog-Probleme beauftragt, "ist "die einzige Lösung. wenn wir der Luftverschmutzung noch beikommen und doch weiterhin große, bequeme, motorstarke Autos fahren wollen.
Smog, die Dunstschicht aus teilweise hochgiftigen Abgasen, verdunkelte im Jahre 1968 den Himmel über Los Angeles an jedem dritten Tag.
Quell solcher Dunstschwaden sind zu einem Gutteil die Millionen giftspeiender Benzinautoren, die täglich 2601) Tonnen Verbrennungsrückstände allein etwa im Stadtbezirk von Los Angeles ausspeien. Die giftigen Abgase (Hauptbestandteil: Kohlenmonoxid) entstehen bei den Tausenden von Mini-Explusionen je Minute, die in einem Benzinmotor die Antriebskolben bin und bei bewegen,
Der große Vorteil des Dampfantriebs ist demgegenüber. daß der Treibstoff mit Steter Flamme und dadurch nahezu vollständig verbrannt wird Im Gegensatz zum Explosionsmotor 10110-Motor) wird dabei die Energie des Treibstoffs auf einem Umweg in Bewegung umgesetzt: Der Treibstoff heizt Wasser in einem Kessel oder einem Röhrensystem zu Dampf auf erst dieser Dampf bewegt die Kolben (oder eine Turbine). Der Dampf wird anschließend gekühlt und -- wieder verflüssigt -- in den Dampfgenerator zurückgeleitet.
Noch um die Jahrhundertwende war der Dampfwagen, der damals schon seit hundert Jahren skurrile Vorläufer hatte, Favorit unter den Automobilen gewesen. Als "Maschine der Zukunft" propagierten Amerikas erfolgreichste Dampfauto-Produzenten, die Gebrüder Stanley, ihre tauchenden Gefährte. Tatsächlich stellte 1906 ein "Stanley Rocket mit 204,8 Stundenkilometer einen Geschwindigkeitsweltrekord auf, der erst 1921 gebrochen wurde, und 1907 erreichte der "Rocket" sogar mehr als 300 Stundenkilometer, hob aber bei diesem Rekordversuch vom Boden ab und zerschellte).
Problematisch war, daß gewöhnlich eine Viertelstunde Anheizzeit verging, ehe die Dampfmaschine Leistung brachte. So schien der Benzin-Motor eindeutig überlegen, als schließlich sogar die Handkurbel unter dem Kühler durch den elektrischen Anlasser ersetzt werden konnte. Im Jahre 1925, anderthalb Jahrzehnte nach Einführung des ersten Massen-Automobils, der von einem Otto-Motor getriebenen "Tin Lizzy Henry Fords (Preis: damals 360 Dollar), rollte die letzte handgefertigte (und deshalb 2200 Dollar teure) Dampf-Limousine aus den Montagehallen der Gebrüder Stanley. Nun aber, da die Luft in den Millionen-Metropolen schwer wird vom nur mangelhaft verbrannten Benzingemisch der Explosionsmotoren" haben die Autotechniker den Dampfantrieb wiederentdeckt. Pläne und Prototypen für zukunftsweisende Dampfmotoren gibt es bereits zu Dutzenden. Auch Detroits selbstsichere Giganten Ford und General Motors haben -- wenn auch vorerst nur mäßig dotierte -- Entwicklungsaufträge für Dampfantriebe vergeben.
Zu Pioniertaten entschlossen sind Amerikas Behörden. Falls die Streifenwagen-Tests befriedigend verlaufen, will der Bundesstaat Kalifornien seinem Behörden-Autopulk jährlich mindestens 700 Straßendampfer einreihen. Und ein US-Senatsausschuß hat eine ähnliche Bestimmung -- für einen Teil der mehr als 50 000 jährlich angeschafften Bundesbehörden-Wagen befürwortet.
Die Dampfmotoren, wie die Techniker sie nun erproben wollen, sind freilich leichter, kleiner und -- relativ zur Größe -- leistungsstärker als die antiquierten Vorläufer. Und außer ungiftigen Abgasen rühmen die Techniker als Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Explosionsmotor:
* Auf Dampfantrieb umgerüsteter Dodge Polara der California Highway Patrol
geringeren Kraftstoffverbrauch -- zudem verbrennen sie statt Benzin das erheblich billigere Kerosin; > ruhigen und leisen Lauf der Maschine, die überdies steht, sobald das Fahrzeug anhält -- während der Explosionsmotor vor allem "im Leerlauf Schadstoffe ausstößt; > einfache Geschwindigkeitsregelung über ein Dampfventil; defektanfällige Bauteile wie Kupplung und Getriebe werden überflüssig,
Einem Hauptnachteil früherer Dampfmotoren -- der Gefahr des Einfrierens im Winter -- wird sich, so glauben die Techniker, mit modernen Frostschutzmitteln begegnen lassen. Und die Wartezeit beim Kaltstart, bis der Brenner Dampf erzeugt, konnte durch sinnreiche Heizrohrkonstruktionen oder durch die Verwendung anderer Treibflüssigkeiten als Wasser schon jetzt auf 15 bis 20 Sekunden gedrückt werden,
Daß Dampfautos mühelos, ohne Zuhilfenahme eines komplizierten Schaltgetriebes, Steigungen überwinden können, war schon bei den Modelten der Jahrhundertwende bewundert worden -- die sich im übrigen mit billigem Petroleum hatten speisen lassen.
Moderne Dampfautos sind noch willfähriger: "Sie verbrennen alles vom gemahlenen Kamel-Dung bis zum Lackverdünner -- so jedenfalls meint William P. Lear, 67, der eines der beiden Dampfaggregate konstruiert hat, wie sie jetzt von der kalifornischen Polizei erprobt werden sollen (der zweite Typ stammt von der Firma Thermodynamic Systems Inc. in Newport Beach, Kalifornien).
Lear, eine der kuriosesten Figuren unter den Erfindern des Raketenzeitalters, ist vielfacher Millionär, hat aber eigener Aussage zufolge "kein Interesse mehr am Geldverdienen"; statt dessen möchte er "die Auto-Industrie revolutionieren.
Beispielsweise konstruierte er während der letzten 50 Jahre das erste Radio, bei dem der Lautsprecher mit eingebaut war, die erste automatische Steuerung für Flugzeuge, das erste Autoradio sowie einen erfolgreichen Flugzeugtyp für Manager ("Lear-Jet).
200 Ingenieure arbeiten nun in Lears Diensten an einem praktikablen Dampfauto-Antrieb (Aufwand bisher: zehn Millionen Dollar). Auf der New Yorker Automobil-Schau im April dieses Jahres präsentierte Lear einen dampfgetriebenen 600-PS-Rennwagen, und schon jetzt meint er, daß Dampfmotoren in Serienfertigung "nur drei Dollar pro PS kosten müßten -- nicht mehr als die Detroiter Qualmbrenner".
Daß Detroit sich offenbar nur widerstrebend vom Qualm trennen möchte, vermag die Zuversicht des findigen Multimillionärs kaum zu beeinträchtigen. Lear vorletzte Woche zu einem Reporter des "Wall Street JOurnal": "In zehn Jahren wird der herkömmliche Explosionsmotor ein Gegenstand für Sammler und Museen seit.

DER SPIEGEL 32/1969
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