04.08.1969

SCHRIFTSTELLER / HENRI CHARRIEREPapi bei den Wilden

Die Denkerstirn verdeckt ein flotter Hut, ein Seidentüchlein schlingt sich um den Hals, und an der rechten Hand glitzert ein vierkarätiger Brillant. "Er ist", so schwärmt der "Figaro Littéraire" den 62jährigen Literatur-Debütanten und jüngsten französischen Bestseller-Autor an, "die Gloire der Saison."
Frankreichs Gloire heißt bürgerlich Henri Charrière und führt den Ganovennamen Papillon (deutsch- Schmetterling). Und "Papillon" nannte der Außenseiter Charrière auch seinen prallen 500-Seiten-Wälzer, die Niederschrift seines wunderlichen wüsten Abenteurerlebens*.
Denn der muntere Schmetterling war Tresorknacker und Goldgräber" Ölsucher und Seefahrer. und er verbrachte zwölf Jahre als Bagno-Sträfling da, wo der Pfeffer wächst -- in Cayenne, in Frankreichs berüchtigster Strafkolonie. Zehnmal brach er vergebens aus, lebte unter Mördern, Lepra-Kranken und Wilden und gelangte schließlich 1944 bei seiner letzten Flucht nach Venezuela. Dort betreibt er heute ein Restaurant.
Die Idee. sein Leben schriftlich zu fixieren, kam dem unbelesenen Mann erst vor zwei Jahren. Er sah in einer Buchhandlung in Caracas den Lebensroman "Astragal" der jungen Albertine Sarrazin. Die ehemalige Prostituierte und Einbrecherin schildert darin ihre Erlebnisse aus acht Knast-Jahren und ihren Ausbruch, bei dem sie sich eine komplizierte Knöchel(französisch: astragale) Fraktur zuzog (SPIEGEL 47/1965).
"Wenn die Göre mit nichts weiter als ihrer gebrochenen Haxe 123tausend Auflage macht", ermunterte er sich, "dann kann ich das erst recht." Er füllte in zwei Monaten dreizehn dicke Schulhefte und schickte sie an den Sarrazin-Entdecker Jean-Pierre Castelnau. "Es war wie ein Wunder", entzückte sich Castelnau, "ich brauchte nur die Kommas zu ändern."
Der Papillon, ein Lehrerssohn, hatte in seiner Jugend Geldschränke geknackt. Mit 24 wurde er wegen Totschlags an einem Zuhälter zu lebenslänglich Bagno verurteilt. Die Tat bestreitet er noch heute: "Am Montmartre", beteuert er, "gab es damals mindestens sechs Papillons. Die meinten einen andern."
So rüstet sich Papillon zeitig zum Ausbruch: Noch im Pariser Gefängnis stopft er sich eine Aluminiumhülse mit 5500 Mark in den After. "Das ist mein Tresor", jubelt er, "mein Leben, meine Freiheit."
Die Hülse behält Papillon alle zwölf Jahre im Grimmdarm, bedient sich ihres Inhalts ratenweise und bereichert ihn später um zwölf Karat Rohdiamanten, die er aus dem Schwemmsand eines Flusses fischt, darunter den
* Henri Charrière: "Papillon". Robert Laffont, Paris: 520 Seiten; 23 Franc.
Vierkarätigen, der jetzt an seiner Hand blitzt. "Von dem", schwört der 62jährige, "trenne ich mich nie mehr."
Das Aftergeld nutzt der Papillon gleich nach seiner Ankunft im Inselreich Guyana. Er schleicht sich gegen Schmiergeld ins Lazarett ein und erwirbt ein leckes Boot. Während ein Kamerad einen arabischen Wachmann zärtlich im Lokus festhält, raubt der Papillon zwei Aufsehern mittels eines eisernen Bettfußes die Sinne. Zu dritt entkommen sie auf eine Nachbarinsel, wo Lepra-Sträflinge resigniert ihr Ende abwarten.
Die Leprösen versorgen die Flüchtigen mit einem intakten Fünf-Meter-Boot, Segeln aus Mehlsäcken und als Wegzehrung 200 gekochten Eiern. Nach elf Tagen stürmischer See landet der Papi, wie er bald genannt wird, im englischen Trinidad. Ein englischer Anwalt läßt die Sträflinge -- Papi: "Wir sind Bagnos" -- in seinem Haus schlafen und erwirbt eine Aufenthaltsgenehmigung für sie.
Aber nach sieben Wochen schieben die Engländer die Bagnos wieder ab. Zwar gibt ihnen die Royal Navy Navigationslektionen und einen Kompaß, aber sie halst ihnen auch drei andere flüchtige Bagnos, allesamt Mörder, auf.
Nach weiterer Irrfahrt wird ihr Boot in Kolumbien auf eine einsame Landzunge geschleudert, und Papi kommt, nach langem Marsch durch den Busch, zu seinem schönsten Erlebnis. Er haust sechs Monate unter wilden Indianern, die Perlen fischen.
Die Indianer weisen ihm eine Strohhütte und eine 18jährige kupferhäutige, nackte Lau "mit graden, harten festen Brüsten mit enormen Spitzen" als Gefährtin zu. Er teilt mit Lau eine Hängematte und unterweist sie in westlicher Kultur. "Ich bringe ihr bei, wie man zivilisiert küßt", verrät er, "denn die Indianerinnen können nur beißen und knabbern."
Schon hinterläßt der Papillon bei den Indianern die ersten sichtbaren Spuren. Er tätowiert sie, wie er selber tätowiert ist. Denn des Bestseller-Autors Brust schmückt auf dem Halsknochen sein Namenssymbol, ein Schmetterling, auf der rechten Brusthälfte eine nackte Frau, auf dem Magen ein Tigerkopf, auf der Wirbelsäule ein gekreuzigter Seemann und auf den Nieren eine monumentale Jagdszene mit Raubkatzen, Jägern, Palmen und Elefanten.
Als sich im Papillon die Reiselust rührt, sucht die Lali ihn mit einheimischen Mitteln zu halten. "Eines Abends", so erinnert sich der Autor "stößt mir Lali ihre junge Schwester Zoraima zwischen die Beine, greift meine Arme, damit ich sie Zoraima um die Hüften lege und ich bemerke, daß die ihren Lendenschurz (Cache-Sex) nicht umhat." Anfangs erwehrt sich der Papi noch der Zoraima, aber bald "waren ihre Augen so unglücklich und voller Begehren, daß ich nicht wußte, was tun -- ich nahm sie".
Als die Zoraima schwanger wird, erwacht in Lali die Eifersucht. "Sie zwingt mich, sie zu begatten, gleich zu welcher Tages- und Nachtzeit und egal wo", klagt der Autor. "Es gibt nur ein Motiv: Auch sie will von mir schwanger werden." Sie wird es.
Aber Papillon verläßt die Indianer und die schwangeren Schwestern, wohlversehen mit 600 Perlen, die Lali für ihn gefischt hat. Er kommt nicht weit. Die Oberin in einem Kloster, wo er Schutz sucht, knöpft ihm die Perlen ab und meldet ihn der Polizei. Er wird, nach elf Monaten Flucht und 2500 Kilometer Seefahrt, ins Pfefferland zurücktransportiert.
Der lange Ausbruch bringt dem 28jährigen großes Prestige bei den anderen Sträflingen ein. Doch der Papi hat nur eines im Sinn: überleben und nicht verrückt werden. Er marschiert zwei Jahre lang täglich acht Stunden in seiner glühend heißen Zelle auf und ab, fünf Schritte hin, fünf Schritte her. Bei seinem siebenten Fluchtversuch ersticht er einen Kalfaktor, der ihn verpfeift. Den Mord bereut der Papi heute noch nicht.
Nur einmal ist ihm in der Strafkolonie das Grauen gekommen. Ein Mithäftling erzählt vom Ausbruch und wie sich sechs hungernde Männer im Busch verirrten. Einer, der ein Holzbein hat, kommt ohne seinen Kameraden, aber mit dessen Schuh am heilen Fuß und einem gefüllten Brotbeutel von der Pirsch zurück. Er sagt, im Brotbeutel sei Affenfleisch. Den Würgegriff am Hals, gesteht er, den Kameraden umgebracht und aufgezehrt zu haben. Da drücken die anderen ihm den Hals gänzlich zu, brennen mit seinem Holzbein ein Feuer an und verschmausen ihn, besonders genüßlich die Lenden und die Hüften.
Auch sonst kommen Liebhaber von Greueltaten auf ihre Kosten. So schildert Papillon ausführlich, wie Strafarbeiter, die ermattet zu Boden sinken, aufgescheucht werden, indem man ihnen Wespennester unters Gesäß schiebt. Doch findet die Art, mit der die Sträflinge sich dafür rächen, Papillons Tadel. Denn sie binden einen Aufseher an einen Baum, hacken ihm mit der Spitzhacke Wunden in Arme und Beine und setzen ihn auf ein Ameisennest. In zwei Tagen nagen die roten Ameisen den Aufseher zum Skelett ab. "Ihr hattet ein Recht, ihn umzulegen", tadelt Papi, "aber nicht, ihn derart krepieren zu lassen."
Skeptikern, die an Papillons erst so spät aufgezeichneten Abenteuern die Authentizität bezweifeln, verweist der Erfolgserzähler auf "den Kopfteil, wo das Gedächtnis sitzt". Charrière: "Der ist bei mir übergroß."
Bei seinem letzten Ausbruch schwimmt der Papi auf einem Tonnenfloß in brütender Sonne und mit zerfetzter Haut zu einer Nachbarinsel und dann in Etappen und mit Booten nach Venezuela. Dort wirkt er fortan als Kneipier, Golddigger und Ölsucher, und zwar immer ehrlich. "Denn in diesem Land, das Vertrauen zu mir hat", beteuert er, "würde ich mich schämen, ein Delikt zu begehen."
"Die Franzosen", schreibt der "Express besaufen sich an Papillons Abenteuern." Der Wälzer rangiert seit Erscheinen an der Spitze der französischen Bestsellerliste und wird, als Ferienlektüre, besonders von jenen verschlungen, die sonst kaum lesen. In acht Wochen verkaufte der Verlag Laffont 300 000 Exemplare und vergab Übersetzungen in bislang sieben Länder. Für die deutschsprachige Ausgabe (Erscheinungstermin: Frühjahr 1970) bezahlte der Wiener Molden-Verlag 50 000 Mark.
"In einer Zeit, wo es als lächerlich gilt, das Wort "Mann" mit Respekt auszusprechen", versucht der "Figaro Littéraire" zu definieren, "hat ein Buch Erfolg, das im vollsten Sinne einen "Mann enthüllt."
Papillon ließ sich in Paris vier Wochen lang gierig von Kameras bestrahlen. Dann ist er nach Caracas zurückgekehrt, wo er solide sein Restaurant dirigiert. "Denn ich habe jetzt eine wundervolle Frau", erläutert er, "und die erlaubt nicht, daß ich in Prostitution mache."

DER SPIEGEL 32/1969
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