26.05.1969

„Wir werden am Galgen enden!“

In den Wochen nach dem 5. November 1939 stiegen und sanken die Hoffnungen der Opposition im wechselnden Rhythmus. Im ganzen aber war der Trend nach unten gerichtet. Die römischen Gespräche, jene Versuche des deutschen Widerstands, über den Vatikan Friedensbedingungen mit England auszuhandeln, waren nach verheißungsvollem Anfang ins Stocken geraten. Im Oberkommando des Heeres (OKH) in Zossen waren die Putschpläne ins Feuer gewandert, die für einen Schlag versammelten Truppen waren nach Westen abgezogen.
Immer sorgfältigere Vorkehrungen zum Schutze des Diktators blockierten den Weg zu einem Attentat. Wohin man auch blickte, allenthalben schienen sich neue Hindernisse aufgetürmt zu haben.
Generalstabschef Halders Aufschwung, als er den hoffnungsvollen Satz sprach, er würde vielleicht handeln, wenn er Witzleben zur Seite hätte, war in dieser bedrückenden Atmosphäre nur von kurzer Dauer. Ein Kritiker drückte es später so aus: "Er weinte noch, er schimpfte noch auf Hitler, aber er konnte nicht mehr zum handeln bewogen werden."
Am Abend des 15. November kam Halder nach Berlin, um sich mit Weizsäcker zu beraten. Der Staatssekretär hatte den Optimismus seiner Widerstands-Freunde geteilt, daß es zu einem Schlag kommen werde, wenn Hitler an seinem Plan einer Offensive im Westen festhalten sollte. Als diese Erwartungen unerfüllt blieben, überkam ihn tiefe Verzweiflung. Das Ge-
® 1969 Verlag C. H. Beck, München. Der ungekürzte Text erscheint unter dem Titel "Verschwörung gegen den Krieg" im Verlag C. H. Beck, München.
spräch mit Halder blieb denn auch ohne positive Ergebnisse. Weizsäckers Urteil über den Generalstabschef lautete kurz und bündig: "Gottergeben."
"Die Nervenbelastung wird immer unerträglicher", schrieb Helmuth Groscurth, der Verbindungsmann der Abwehr im OKH, am 17. November in sein Tagebuch. Jede Verschiebung der Offensive um ein paar Tage brachte für den Augenblick Erleichterung, verlängerte aber nur den seelischen Druck. Halder war schließlich so weit, daß er fragte, ob man nicht Hitlers Wahrsagerin bestechen könnte. Er wolle eine Million Mark für diesen Zweck beschaffen.
Fast täglich wurden in dieser sorgenerfüllten Periode neue Vorschläge gemacht und wieder verworfen. Dann hielt Hitler am 23. November vor hohen Wehrmachtsführern eine Rede, die eine weitere schwere Beeinträchtigung aller Hoffnungen und Pläne der treibenden Kräfte in der Opposition ankündigte.
Hitler sprach mit beispielloser Vehemenz, Brutalität und unübertroffenem Zynismus -- wie ein "tobsüchtiger Dschingis-Khan" (Goerdeler). Unverblümter als je zuvor erklärte er, von Anfang an Angriffskriege geplant zu haben, zum Zweck der "Anpassung des Lebensraums an die Volkszahl". Schon mehrmals habe er den richtigen Augenblick für den Schlag erkannt, und die Ereignisse hätten ihm, allen Untergangspropheten zum Trotz, recht gegeben.
Nun sei die Zeit gekommen, die Wehrmacht einzusetzen, die er grundsätzlich nicht aufgestellt habe, um nicht zu schlagen. "Der Entschluß zum Schlagen war immer in mir." Lange habe er gezweifelt, ob er erst im Osten und dann im Westen zuschlagen solle. Nun sei er unwiderruflich entschlossen, die Franzosen und Engländer anzugreifen. Die Neutralität Hollands und Belgiens sei keine Frage von Belang; wenn der Sieg errungen sei, werde niemand mehr danach fragen.
Die Luftwaffe und die kleine Kriegsmarine, besonders ihre Oberbefehlshaber, hätten sich prächtig gehalten, und das gleiche gelte für die Bodentruppen während des Polenfeldzugs. Aber er sei tief verletzt von der Behauptung, das deutsche Heer sei qualitativ unzureichend. Die Wehrmacht sei die beste in der ganzen Welt, und jeder deutsche Infanterist seinem französischen Gegner überlegen.
Alles komme auf die militärische Führung an. "Mit dem deutschen Soldaten kann ich alles machen, wenn er gut geführt wird ... Revolution von innen ist unmöglich ... Ich werde vor nichts zurückschrecken und jeden vernichten, der gegen mich ist." Er schloß seine Ansprache mit dem lauten Kampfruf: "Nach außen keine Kapitulation, nach innen keine Revolution!"
Die Befehlshaber der Luftwaffe und der Kriegsmarine fühlten sich geschmeichelt und erhoben. Generaloberst Reichenau jedoch blieb auch jetzt noch bei seiner Meinung und sagte jedem, der es hören wollte, laut und deutlich, daß er nach wie vor entschieden gegen die Offensive sei.
Die Führer des Heeres waren durch die Woge von Kränkungen durchaus nicht so weit fortgerissen, daß sie ihre wohlüberlegten Einwände gegen die Offensive auf der Stelle aufgegeben hätten. Trotzdem hatte die Rede bei ihnen den gewünschten Erfolg. Um den Eindruck zu verstärken, rief Hitler die OKH-Generäle noch zu sich und hielt ihnen eine neuerliche Standpauke über "den Geist von Zossen".
Er schüchterte sie so ein, daß die Wirkung nur als blankes Entsetzen beschrieben werden kann. "Der Vorwurf der Feigheit hat die Mutigen wieder feige gemacht", kommentierte Oster erbittert.
Mit diesem Tage brach Brauchitschs und Halders offener Widerstand gegen Hitlers Pläne im Westen zusammen. Die anhaltenden inneren Vorbehalte und Auflehnungen, die gelegentlichen Anwandlungen, frühere Umsturzpläne wieder aufzugreifen, all dies zählt nicht wirklich -- von nun an fügte man sich in der OKH-Spitze dem "Diktat vom 23. November".
In seinen Gesprächen mit den zur Tat drängenden Putsch-Planern wiederholte Halder fortan immer wieder die alten Gründe und entdeckte neue, derentwegen den Dingen ihr Lauf zu lassen sei. Zu General Thomas sagte er am 27. November: "Nein, wir können nicht mitmachen; es steht nicht fest, daß der Krieg verloren ist."
Man mußte einen neuen Katalysator finden, um die Elemente zu verbinden, die noch immer für die Sache der Opposition günstig waren. In Deutschland selbst bestand dafür keine Aussicht. Man konnte nur nach außenpolitischen Faktoren Ausschau halten, die zwangsläufig die Aufmerksamkeit der hohen Militärs erregen würden.
Am Monatsende erörterten Goerdeler und der ehemalige Botschafter in Rom, Ulrich von Hassell, dieses Problem und kamen zu dem Schluß, die zentrale Frage sei, wie die Opposition einen Weg finden könne, die Generäle zu überzeugen, daß es noch nicht zu spät sei, einen "anständigen Frieden" zu bekommen, daß er aber unmöglich zu erreichen sein werde, wenn es erst im Westen zu einer militärischen Auseinandersetzung gekommen sei.
Halder hatte in seinen Debatten mit Groscurth die Behauptung vorgebracht, daß "England uns im Grunde ohnehin vernichten will". Falls es möglich wäre, durch stärker überzeugende und eindrucksvollere Zusicherungen, als sie bisher zur Verfügung gestanden hatten, diese Befürchtungen auszuräumen, würde zumindest ein für Brauchitsch und Halder wesentlicher Vorwand, nichts zu unternehmen, hinfällig werden.
Infolgedessen bemühte man sich auf allen Seiten mit neuer Energie, Wege für eine Obereinkunft mit England zu erschließen. Hassell etwa setzte ein Friedensprogramm (siehe Bild) auf und spielte es dem britischen Unterhändler Lonsdale Bryans zu -- in der Hoffnung, London werde es in verbindlicher Form akzeptieren.
Wie sein Chef Brauchitsch hatte Halder sich nach dem 5. November damit abgefunden, den Angriffsbefehl zu jedem Termin auszuführen, sofern er nicht widerrufen wurde. In Wahrheit verwandelte sich diese resignierte Haltung allmählich immer mehr in ein Ja zu Hitlers Angriffsplänen.
Mit jeder Woche wurde der deutsche Aufmarsch imposanter. Zu den fünf im Polenfeldzug eingesetzten Panzerdivisionen kamen, kaum daß sie wieder voll einsatzfähig waren, noch weitere -- am 10. Mai 1940 standen schließlich neun zum Vormarsch bereit. Die 52 gefechtsbereiten regulären Divisionen vom September wurden um weitere 100 verstärkt.
Ein anderer Pluspunkt war die Kampfbereitschaft; die Truppen hatten wiederholt Alarmbefehl erhalten und waren in Startpositionen vorgezogen worden. Halder konstatierte später knapp: "Die ständige Alarmbereitschaft versetzte die Truppe in die höchstmögliche Form."
Unter diesen Umständen wich der ehedem so weitverbreitete Pessimismus der höheren Generäle allmählich wachsender Zuversicht. Langsam erfaßte sie das erregende Gefühl, eine wahrhaft gewaltige Kriegsmacht zu schmieden. Halder kehrte am 7. Januar von einer Frontbesichtigung in frohgemuter Stimmung zurück.
Auch eine Änderung in Reichenaus Haltung zeigte an, wohin beim Militär die Wetterfahne wies. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er zu seinem Versprechen, sich der Offensive zu widersetzen, so lange gestanden hatte. Als es aber Ende Dezember geworden war, erzählte Goerdeler Hassell, er wolle mit dem General sprechen, der "etwas wankend geworden sei
Und einen Monat später mußte Goerdeler von seinem "völligen Mißerfolg" berichten; Reichenau sei nun der Ansicht, die Offensive "sei aussichtsvoll und müsse gemacht werden". Zur Erklärung für seine Haltung habe Reichenau vorgebracht, er habe früher geglaubt, die Alliierten würden mit Hitler Frieden schließen, da er aber eingesehen habe, daß dies unmöglich sei, bleibe nichts anderes übrig, als durchzuhalten.
Dies setzte anscheinend den Schlußpunkt unter die Versuche, Reichenaus Einfluß auf Hitler auszunützen, um der Offensive entgegenzuwirken. Er hatte sich natürlich nie die Ziele der Opposition zu eigen gemacht und handelte nur aus persönlichen und -- wie er es sah -- patriotischen Motiven.
Inzwischen hatte Groscurth einen letzten Versuch unternommen, in den Kommandozentren im Westen eine rebellische Stimmung zu entfachen. In Begleitung von Hauptmann Fiedler fuhr er am 18. Dezember mit dem Nachtschnellzug nach Frankfurt ab. Er kannte die Einstellung der Stabsspitze
* Übersetzung: "vertraulich. I. Es ist äußerst wichtig, diesen unsinnigen Krieg so schnell Wie möglich zu beenden. II. Diese Notwendigkeit besteht, weil die Gefahr immer größer wird, daß Europa vollkommen zerstört und vor allem bolschewisiert wird. III. Für uns bedeutet Europa nicht ein Schlachtfeld oder eine Machtbasis, sondern hat 'la valeur dune patrie', in deren Rahmen ein gesundes, lebenskräftiges Deutschland gerade im Hinblick auf das bolschewistische Rußland ein unentbehrlicher Faktor ist. IV. Das Ziel des Friedensschlusses muß eine dauernde Befriedung und Gesundung Europas auf fester Grundlage und eine Sicherheit gegen baldiges Wiederaufflammen kriegerischer Auseinandersetzungen sein."
in Leebs Heeresgruppe C gut genug, um sich einer wohlwollenden Aufnahme sicher zu sein. Sein Material -- Berichte über verbrecherische Maßnahmen in Polen -- löste "große Erregung" und empörte Bekundungen aus, daß man das Vertrauen in Brauchitsch verloren habe.
Die Rundfahrt fand ihren Höhepunkt in einem Besuch beim Stab der 4. Armee in Köln. "So haben wir die wichtigsten Teile der Westfront aufgeputscht", faßte Groscurth seine Bekehrungsreise zusammen. "Hoffentlich mit Erfolg. Es wird fortgesetzt."
Drei Tage lang hatte er die Stäbe aller drei Heeresgruppen, zweier Armeen und zweier nachgeordneter Kommandostellen mit missionarischem Eifer bearbeitet. Überall hatte er eine positive Reaktion verzeichnen können. Eine Denkschrift von Generaloberst Blaskowitz über deutsche Ausschreitungen in Polen hatte sich als sein großer Trumpf erwiesen.
Am 13. Januar 1940 morgens wurde Groscurth zu Halder gerufen, der während seiner letzten Westreise Anfang Januar davon Wind bekommen hatte, auf welche Weise Groscurth die Heeresgruppen bearbeitet hatte. Die Unterredung dauerte eineinviertel Stunden. Halder hielt Groscurth zunächst einen ausführlichen Vortrag über die politische Situation.
"Sehr vornehm, lautere Gesinnung, manchmal sehr laut und erregt, einmal nahe am Weinen", schilderte Groscurth den Anfang und fuhr dann fort: "Im ganzen eine Rechtfertigung für sein jetziges
Nichthandeln ... Er sieht eine Reihe von großen Erfolgsmöglichkeiten. Nach dem Erfolg sei dann die Armee so stark, daß sie sich im Innern durchsetzen könne. Die SS sieht er nicht als ernste Gefahr. Jeder Mann der Truppe würde sofort gegen sie schießen und -- treffen. Dann erfolgte eine wohlwollende Belehrung über das Unzweckmäßige meiner Westreise. Man dürfe die Front nicht mit unnötigen Sorgen belasten. -- Als wenn das alles nicht doch früher oder später durchsickerte!"
Ob Groscurth sich darüber ganz klar war oder nicht -- daß er diese Fahrt auf eigene Faust unternommen hatte, bedeutete eine indirekte Anklage gegen das OKH, daß man Hitler wegen der Morde in Polen nicht entgegengetreten war.
Himmler, mit dem Brauchitsch am 30. oder am 31. Januar konferierte. nutzte anscheinend die Gelegenheit, einige Worte gegen Groscurth einzuflechten, dessen Westreise, die sich vor allem gegen ihn gerichtet hatte, kaum seiner Aufmerksamkeit entgangen sein dürfte. Es war vermutlich mehr als bloßer Zufall, daß Groscurth ein oder zwei Tage nach der Besprechung zwischen Brauchitsch und Himmler abgelöst wurde.
Am 1. Februar erfuhr Groscurth, Brauchitsch habe seine Ablösung verfügt, weil er "keinen Konnex" mit ihm habe. Er blieb, wie er in seinem Tagebuch bitter bemerkte, "gnädigst" auf der Liste der Generalstabsoffiziere und erhielt ein Bataillonskommando, was er als "eine Frechheit und Degradierung" bezeichnete.
"Ein Abschnitt des Lebens ist wieder beendet", schrieb Groscurth am 2. Februar, "ein mehr als niederschmetternder, voll würdelosester und gemeinster Eindrücke." Mit seinem Ausscheiden aus dem OKH geht ein Kapitel der Geschichte der Opposition zu Ende.
Anfang Februar brachte Josef Müller, Osters Mittelsmann beim Vatikan, aus Rom die langerwartete britische Antwort nach Berlin, auf der während dieser Wochen die letzten Hoffnungen der Opposition beruhten: die Friedensbedingungen, über die England mit einer deutschen Regierung nach dem Sturz Hitlers zu verhandeln bereit war.
Müller und Osters politischer Ratgeber Dohnanyi erarbeiteten aufgrund dieses Dokuments und anderer Auf-
* Bei einer Parade in Warschau, 1939.
zeichnungen einen ausführlichen Bericht über den durch Vermittlung des Papstes geführten Dialog mit London. Aber erst Mitte März machte die Oppositionsgruppe den Versuch, diesen sogenannten X-Bericht durch Hassell dem Generalstabschef Halder überbringen zu lassen. Hassell berichtet:
"Gegen Mittag bei Gg. (Gottfried von Nostiz, Legationsrat im AA). Er bat mich im Auftrage von O. (Oster) und D. (Dohnanyi), nachmittags zu Schnabel (Beck) zu gehen. Das tat ich; ich fand ihn zunächst allein und sprach mit ihm die Lage durch. Dann kamen O. und D.; sie lasen mir außerordentlich interessante Papiere über Gespräche eines katholischen Vertrauensmannes mit dem Papst vor, der seinerseits daraufhin über Osborne (den englischen Gesandten am Vatikan) mit (dem britischen Außenminister) Hallfax Verbindung aufgenommen hatte.
"Der Papst wäre danach erstaunlich weit gegangen im Verständnis für deutsche Interessen. Im ganzen ist deutlich der Wille zum anständigen Frieden ersichtlich. Voraussetzung für das Ganze ist natürlich eine Regimeänderung und Bekenntnis zur christlichen Sittlichkeit. -- Zweck der Beratung mit mir: 1. mein außenpolitisches Urteil zu hören; 2. mich zu bitten, die Sache an Halder heranzubringen, weil sich von anderen Mittelsleuten kein Erfolg versprochen werden könnte."
Zur selben Zeit, als der Beck-Oster-Kreis nach einem geeigneten Emissär suchte, der den X-Bericht nach Zossen überbringen sollte, war Goerdeler dreimal bei Halder. Goerdelers berüchtigter Freimut der Rede mag der Grund gewesen sein, warum man von den angesehenen zivilen Oppositionsführern nicht ihn, sondern Hassell wählte, in dieser hochwichtigen Angelegenheit an das OKH heranzutreten.
Völlig unabhängig vom X-Bericht war zwischen Halder und Hassell bereits ein Gespräch vereinbart worden. Doch Goerdeler hatte "zu hart gedrängt" und vielleicht den Trotz des Generalstabschefs geweckt. Die Annahme ist begründet, daß die psychische Belastung, die Goerdelers Insistenz mit sich brachte, Halder veranlaßte, dem urbanen und diplomatischen Hassell die Tür zu versperren.
Als Hassell am 3. April wieder nach Berlin kam, erfuhr er, das Gespräch sei wegen der Gefahr unerwünschter (d. h. SD-)Aufmerksamkeit abgesagt worden. Halder, von dem die Einladung ausgegangen war, wußte natürlich nicht, daß der Diplomat mit einem Sonderauftrag an ihn betraut worden war, vielleicht aber hätte ihn dieses Wissen erst recht bewogen, dem Gespräch auszuweichen.
Nun blieb der Oppositionsgruppe nichts anderes übrig, als auf jemanden zurückzugreifen, der in Zossen kein eigenes laisser passer brauchte. Da Groscurth nicht mehr zur Verfügung stand, entschied man sich für Thomas, und so übernahm es der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, Halder den X-Bericht zu überbringen. Er konnte die soeben von Dr. Müller aus Rom zurückgebrachte Zusicherung mitnehmen, daß der Papst und die Briten noch auf demselben Standpunkt verharrten wie zwei Monate zuvor.
Thomas unterzog sich zu jener Zeit einer Behandlung in einem Dresdener Sanatorium und unterbrach seine Kur, um Halder die Dokumente auszuhändigen. Halders Tagebuch enthält über ihr Gespräch nur den lakonischen Vermerk: "Gen. Thomas: Einblick in Nachrichtenmaterial."
Die Auspizien für die Aufnahme des X-Berichtes -- so unmittelbar nach den spannungsgeladenen Gesprächen mit Goerdeler und dazu von einem in letzter Minute angeheuerten Boten überbracht -- waren von vornherein äußerst schlecht. Halder war nicht gewillt, sich beeinflussen zu lassen, und bekundete später in all seinen Äußerungen über den X-Bericht, daß dieser ihn nicht beeindruckt habe.
Die ausführlichste Darstellung gab er 1948 vor der Spruchkammer: " Ich habe diesen Bericht, nachdem ich ihn durchgelesen hatte, noch in den späten Abendstunden zu meinem Oberbefehlshaber von Brauchitsch gebracht. Ich habe ihn nicht vorgetragen. Ich bat vielmehr, dieses Schriftstück in aller Ruhe durchzulesen, um am nächsten Morgen mit ihm darüber zu sprechen.
"Ich habe am nächsten Morgen meinen Oberbefehlshaber ungewöhnlich ernst vorgefunden. Er gab mir "das Papier zurück und sagte: "Sie hätten mir das nicht vorlegen sollen. Was hier geschieht, ist glatter Landesverrat. Das kommt für uns unter gar keinen Umständen in Frage. Wir stehen im Krieg; daß man im Frieden mit einer ausländischen Macht Verbindungen anknüpft, darüber läßt sich reden. Im Krieg ist das für einen Soldaten unmöglich.'
"Er hat mir sodann die Forderung gestellt, den Mann, der dieses Papier überbracht hat, verhaften zu lassen und dieses Stück auf dem Dienstweg dahin zu geben, wo es hingehörte (OKW oder SD). Ich habe ihm damals geantwortet: "Wenn einer verhaftet werden soll, dann bitte verhaften Sie mich!"'
Dies scheint Brauchitsch ernüchtert zu haben, denn er sagte nichts mehr von Verhaftung. Im weiteren Verlauf des Gesprächs nahm Brauchitsch plötzlich den X-Bericht, fuchtelte damit herum und rief: "Was soll ich denn damit machen -- mit diesem Fetzen, der ohne Unterschrift und Datum ist?" Diese Worte drückten, wie Halder wiederholt festgestellt hat, auch manche seiner eigenen Zweifel aus, und er nahm offenbar Brauchitschs brüske Ablehnung des X-Berichts ohne viel Einwände oder überhaupt widerspruchlos hin.
Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, wann Thomas nach Zossen zurückkehrte, um die Dokumente abzuholen und von Halder Brauchitschs Meinung zu erfahren, die der Generalstabschef im wesentlichen zu seiner eigenen gemacht hatte. 1945 sagte Thomas, Halder habe ihm den X-Bericht nach "zehntägigem Studium" zurückgegeben.
Am 9. April 1940 begann Hitler den Angriff auf Norwegen. Schon im März hatte das bevorstehende skandinavische Abenteuer immer größere Aufmerksamkeit in Oppositionskreisen auf sich gezogen. Man betrachtete es mit einer Mischung aus Scham, Furcht und Hoffnung. Hassell beschrieb den bevorstehenden Überfall in Skandinavien als die letzte Hoffnung, die Generäle zu gemeinsamem Handeln zu bringen. Man müsse sie bewegen, während oder unmittelbar nach Beendigung des Nordfeldzuges loszuschlagen, noch rechtzeitig, ehe die Offensive im Westen anlaufen könne.
Wie vielleicht noch nie seit dem Ausbruch des Krieges fanden sich Opposition wie Regime in einer Situation, in der alles auf ein Gelingen ankam. Der Kriegszug nach Skandinavien war nächst der Anzettelung des Krieges selbst Hitlers persönlichstes Unternehmen. Zuerst zeigte er kaum Interesse; dann fing seine Phantasie Feuer, denn ein solcher Sprung ins Abenteuer war ganz nach seinem Geschmack.
Die Heeresführung war über das "Wahnsinnsunternehmen" entsetzt -- es widersprach ihrer ganzen Schulung und traditionellen militärischen Doktrin. In der Führung der Kriegsmarine war man geteilter Meinung, die konservativeren Admirale zeigten sich um die Sicherheit der kaum wiederhergestellten Flotte besorgt. Für die Marine bedeutete das Unternehmen die Gefahr nicht wiedergutzumachender Einbußen; und tatsächlich erlitt sie bei der Operation Verluste, von denen sie sich nie mehr erholte.
Seit Wochen widmete die Widerstandsgruppe in der Abwehr all ihre Aufmerksamkeit dem Problem, wie Hitlers bevorstehende skandinavische Expedition sich auf ihre Ziele und Planungen auswirken werde. Überdies wichtig war die Frage, ob etwas -- und was -- unternommen werden sollte, um den Verlauf der Operation selbst zu beeinflussen.
Die Diskussion erstreckte sich auf Probleme der Seekriegsführung und die politischen Konsequenzen einer Ausdehnung des Kriegs nach Norden. Täglich debattierte man noch um Mitternacht eifrig, wobei Kapitänleutnant Liedig, der einzige Seeoffizier in der Gruppe, das führende Wort hatte.
Oster war tief beunruhigt über die Möglichkeit, daß der Krieg sich auf die Weltmeere ausweiten könnte. Dies mußte die Entschlossenheit der Engländer, bis zum Ende zu kämpfen, stärken und den Konflikt bis in die Nähe Amerikas tragen, wodurch die Gefahr entstand, daß die Vereinigten Staaten schon frühzeitig in den Krieg hineingezogen würden.
Daher mußten alle Mittel, selbst jene äußersten, die nahe an die Grenzen der traditionellen Landesverratsbegriffe führten oder sie sogar überschritten, aufgeboten werden, um einer derartigen Entwicklung schon in den Anfängen zu wehren.
Hitler mußte, darüber war die Opposition sich einig, wenn möglich überhaupt von seinem skandinavischen Kriegszug abgeschreckt werden. Wenn der Widerstand im Lande ihn davon nicht abbringen konnte, dann blieb als letztes Mittel nur noch der unwiderlegliche Beweis, daß die Alliierten ebenso wie die als Opfer auserkorenen Länder wachsam und entschlossen waren.
Im Januar hatten die energischen Verteidigungsvorbereitungen Belgiens entscheidend dazu beigetragen, daß Hitler zum ersten und einzigen Mal seine Angriffspläne auf unbestimmte Zeit verschob. Aber Holland, Belgien und Luxemburg, die zu den ältesten Invasionsobjekten der Geschichte zählen, lagen zu exponiert, als daß man erwarten durfte, eine Stärkung ihrer Verteidigungsbereitschaft könnte Hitler ernstlich abschrecken. Noch mehr galt dies für Dänemark.
Bei Norwegen aber lag der Fall ganz anders. Es verfügte über gewaltige natürliche Bollwerke gegen einen Angriff. Dazu kam, daß ein deutscher Angriff gegen seine 3400 Kilometer lange Küstenlinie im Anfangsstadium absolut vereitelt werden konnte, wenn die britische Flotte wachsam war. Truppen, die vier Tage lang auf See sein würden, könnten niemals Norwegen erreichen, wenn der Gegner auf das Unternehmen vorbereitet war.
Wenn Hitler trotz aller Risiken an seinem Abenteuer festhalte, so argumentierte Oster, werde ihn vielleicht ein Rückschlag gleich zu Anfang veranlassen, das Unternehmen abzublasen. Wie zutreffend Osters Prognose war, zeigt sich daran, daß übertriebene Berichte von örtlichen Mißerfolgen den Diktator in eine Nervenkrise stürzten; er war drauf und dran, die Invasion aufzugeben.
Falls sich erreichen ließ, daß Hitler auf sein skandinavisches Abenteuer verzichten mußte, würde sein Prestige erschüttert, dem deutschen Namen ein weiterer Makel erspart bleiben und der Kampf für ein anderes Deutschland Auftrieb erhalten. Hielt er aber an seinen Plänen fest und mußte er dann nach einem mehr oder weniger großen Debakel klein beigeben, so würde sich im Volk Enttäuschung über den "Führer" breitmachen und die Aussichten für einen Umsturz würden sich bessern.
Ein Rückzug aus Norwegen könnte sogar weniger Leben kosten als ein siegreicher Ausgang des Unternehmens, und die Verluste wären in jedem Fall verschwindend gering im Vergleich zu den Opfern, die ein längerer Krieg fordern würde.
Seit der Geburt des skandinavischen Projekts hatten Oster und seine Gefährten auf eine Demonstration der britischen Flotte gehofft, die zeigen würde, daß sie auf ihrer Hut und der Weg nach Nordeuropa versperrt war. Britische Flottenbewegungen in östlicher Richtung, im psychologisch richtigen Augenblick, erforderten natürlich zeitgerechte Informationen; diese zu beschaffen und dann an die richtigen Stellen weiterzugeben, ließ Oster sich selbst angelegen sein.
Am 2. April wußte er noch immer nichts Definitives, hatte aber den "entschiedenen Eindruck", daß das skandinavische Unternehmen etwa am 15. April anlaufen werde, drei oder vier Tage später vom Großangriff an der Westfront gefolgt. Die Gewißheit kam am Mittwoch, dem 3. April.
In welche Richtung Osters Denken ging, läßt sich aus seiner Bemerkung schließen, daß "die Leute in London, sobald sie etwas erfahren", bestimmt alles tun würden, um Hitlers Plan zu vereiteln. Um ganz sicherzugehen, daß die Engländer "etwas erfuhren", lancierte er zwei Warnungen, die, wie er mit gutem Grund annehmen durfte, rasch weitere auslösen würden.
Die eine gab Dr. Müller in einem Telephongespräch mit seinem Vertrauensmann Monsignore Schönhöffer an den Heiligen Stuhl. Die zweite Warnung erging am Nachmittag oder Abend an den niederländischen Militärattaché in Berlin, Gijsbertus Sas.
Während der zurückliegenden Monate hatte Oster seinen holländischen Freund regelmäßig über das hektische Hin und Her der Offensivbefehle informiert. Ebenso getreulich hatte Sas die Nachrichten an seinen belgischen Kollegen, Oberst Goethals, weitergegeben. Es war für alle drei ein ermüdendes und aufreibendes Geschäft.
Der gute Goethals, der mit Sas auf bestem Fuße stand, hatte eine Zeitlang volles Vertrauen in das Urteil von dessen deutschem Freund. Als aber Monat um Monat ein Alarmruf nach dem anderen kam, verlor sich diese Überzeugung. Goethals meldete zwar bis zuletzt alles, was Sas ihm von Oster brachte, aber gelegentlich mit Einschränkungen wie "mit den üblichen Vorbehalten übermittelt" oder "Gewährsmann hat wiederholt ebenso überzeugt wie diesmal kommende Ereignisse gemeldet, die dann nicht eingetreten sind".
Oster hatte Sas am 3. April mitgeteilt, er sei sicher, daß die Invasion Norwegens in der ersten Hälfte der kommenden Woche (8.-10. April) erfolgen werde, über den Schlag im Westen dagegen wisse er noch nichts Bestimmtes, befürchte aber, daß er zugleich mit dem Angriff im Norden geführt werden solle. Abschließend bat er Sas, die Information an die Dänen und Norweger und "vor allem" an den englischen Geheimdienst weiterzuleiten.
Sas eilte zuerst zu seiner Gesandtschaft, um ein chiffriertes Kabel an seine Regierung abzusenden, mußte aber feststellen, daß der Gesandte, der allein befugt war, Kodeberichte durchzugeben, das Haus bereits verlassen hatte. Der Attaché sah nun keine andere Möglichkeit mehr, als den Adjutanten des Kriegsministers, Hauptmann Kruls, anzurufen, mit dem er einen einfachen Kode vereinbart hatte, um vorgesehene Angriffstermine zu übermitteln.
Gleich am folgenden Morgen sandte er ein chiffriertes Telegramm nach Den Haag, in dem er die den skandinavischen Ländern drohende Gefahr präzisierte und ersuchte, die Information an den britischen Geheimdienst weiterzuleiten. Er erbot sich auch, nach Den Haag zu kommen, um, wie der belgische Militärattaché es damals ausdrückte, "mit eigenem Mund die Nachricht zu ergänzen, die er telegraphisch übermittelt hatte".
Zuerst aber mußte Sas die Aufträge, die Norwegen und Dänemark betrafen, für Oster erledigen. Nachdem er routinegemäß seinen Freund Goethals benachrichtigt hatte, fiel ihm ein, daß er den norwegischen Gesandtschaftsrat Ulrich Stang flüchtig kannte und daß der Diplomat mittags im Hotel Adlon zu essen pflegte. Als er Stang an der Bar traf, fragte er ihn in beiläufigem Ton: "Wie beurteilen Sie die Situation?"
"Nicht ganz ungefährlich; die Engländer wollen vermutlich in Norwegen landen", lautete die verblüffende Antwort.
Verdattert rief Sas: "Was, die Engländer wollen in Ihrem Land landen? Wissen Sie nicht, daß die Deutschen nächsten Dienstag in Norwegen landen werden?"
Stang: "Unmöglich, Unsinn!"
Später erfuhr Sas von Oster, daß Stang sich als Quisling-Anhänger entpuppt habe. Selbstverständlich hatte er nicht die leiseste Warnung nach Oslo geschickt.
Am Nachmittag des gleichen 4. April suchte Sas die dänische Gesandtschaft auf, um mit Marineattaché Kjolsen zu sprechen. Kjolsen war bestürzt und versprach, die Nachricht sofort per Kurier nach Kopenhagen bringen zu lassen. Einige Tage danach bedankte sich die dänische Regierung herzlich. Die Ironie der Geschichte wollte es, daß Osters Warnung unverzüglich an jene Adresse gelangte, wo sie das Gefühl der Wehrlosigkeit nur noch verstärken konnte, während sie die beiden Bestimmungsorte, wo sie hätte Rettung bringen können, nicht erreichte.
Auch London war nämlich nicht ins Bild gesetzt worden. Trotz der sonst engen Beziehung zum Secret Service hatte der holländische Geheimdienst die Bitte um Information der Engländer einfach ignoriert. Noch schlimmer: Niemand hielt es für nötig, Sas davon in Kenntnis zu setzen, daß man in dieser Hinsicht nichts zu unternehmen gedenke; ihm und Oster blieb keine Möglichkeit mehr, das Versäumnis auf einem anderen Weg wiedergutzumachen.
Die Erklärung für das Verhalten der Holländer liegt zweifellos zwischen Ungläubigkeit und furchtsamer Vorsicht. Die hohen militärischen Stellen, die in eben jenem Augenblick die Belgier wissen ließen, daß sie Sas' Warnungen nicht "sehr ernst" nähmen, scheuten sich vermutlich, eine Information, der sie selbst nicht vertrauten, an eine Großmacht weiterzugeben. Außerdem wollten sie nichts unternehmen, was den Deutschen, falls sie davon erfuhren, einen Vorwand liefern würde, Holland neutralitätsfeindlicher Handlungen zu bezichtigen.
Obwohl die Invasion Norwegens und Dänemarks tatsächlich erfolgte, wie Sas sie angekündigt hatte, wurde dadurch sein Ansehen bei der militärischen Führung in Den Haag nicht spürbar gehoben. Es war fast so, als nehme man an, daß er aus purem Glück auf etwas gestoßen sei und keine besondere Anerkennung verdiene.
Da der Transport der Invasionstruppen vier Tage in Anspruch nahm, wäre es für Hitler sehr schwierig gewesen, seinen Entschluß noch umzustoßen, sobald die ersten Flotteneinheiten nach Norden in Marsch gesetzt waren. Der Angriff begann planmäßig am 9. April.
Am Tirpitzufer studierten Oster, Dohnanyi, Liedig, Müller und andere eifrig eine große Karte der Nordsee. Stundenlang diskutierten sie, an welcher Stelle die britische Flotte auftauchen werde. Als die Stunden zu Tagen und die Tage zu Wochen wurden, schwand die Hoffnung immer mehr.
Hitler aber war in Deutschland der Held des Tages. Das Unglaubliche war geschehen, und niemand konnte leugnen, daß der Sieg großenteils ein persönlicher Triumph des "Führers" war. Eine Zeitlang verschwand der verächtliche Spitzname "der böhmische Gefreite" aus dem Vokabular der Generalität. Erfahrene Kommandeure begannen an ihrem Urteilsvermögen zu zweifeln.
Mit Hitlers Triumph in Nordeuropa war das Problem der Westoffensive endgültig entschieden. Von der militärischen Führung brauchte er nun keine ernstlichen Schwierigkeiten mehr zu befürchten. Sein persönlicher Erfolg in Norwegen hatte die Generäle betäubt, ihnen sogar eine gewisse Ehrfurcht eingeflößt.
Monatelang hatte sich die soldatische Elite Deutschlands schikanieren, hereinlegen und umherstoßen lassen, bis das verächtliche Wort "Waschlapppen" nach Osters Ansicht für die meisten Angehörigen der höheren Generalität galt. Der passive Widerstand, den so viele im Herbst und Frühwinter geleistet hatten, gehörte endgültig der Vergangenheit an.
Während der vergangenen Monate hatte man die Regungen des Gewissens beschwichtigt und unterdrückt. Der Schmutz, der aus Polen westwärts geweht wurde, war unter den Teppich gekehrt worden. Die weitverbreiteten Bedenken gegen die brutale Vergewaltigung neutraler Staaten waren fast überall verstummt.
Der Angriff gegen Dänemark und Norwegen hatte viel weniger Gewissensskrupel erregt, als man sie noch einige Monate vorher bei dem Gedanken an einen Überfall auf Holland und Belgien gehegt hatte. Die Invasion dieser Länder war nun lediglich ein weiterer Schritt in derselben Richtung. Der Sieg, wie Hitler seinen Generälen so oft gepredigt hatte, entschuldigte alles, und die Aussichten für einen militärischen Triumph, im Herbst noch so trübe, schienen nun glänzend zu sein.
In Den Haag und -- in geringerem Maß -- in Brüssel weigerte. man sich noch immer, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Alles wäre sehr viel angenehmer gewesen, hätte man die Kassandrarufe aus Berlin zum Schweigen bringen können. Sas hatte seit Mitte März Den Haag gemieden, weil ihn dort fast nur unerquickliche Begegnungen erwarteten.
Am Nachmittag des 3. Mai, genau einen Monat nach der Norwegen und Dänemark betreffenden Nachricht, erhielt Sas von Oster erneut eine offensichtlich dringende Information über die Offensive im Westen. Man war sich jedoch einig, daß es wenig Sinn hätte, sie sofort nach Den Haag weiterzugeben. Oster meinte: "Du hast so viel Schwierigkeiten in Holland gehabt, sie glauben es ja doch nicht. Wir wollen erst noch etwas warten und sehen, was weiter passiert."
Am folgenden Tag ergriff Den Haag die Initiative mittels einer telegraphischen Anfrage aus dem holländischen Außenministerium, die durch eine Warnung aus dem Vatikan ausgelöst war. Man erkundigte sich bei der Gesandtschaft in Berlin, ob dem Attaché von einem bevorstehenden Angriff etwas bekannt sei. Die Anfrage wurde mit einem chiffrierten Telegramm beantwortet, in dem es hieß: Sas bestätige die Warnung in vollem Umfang; die Invasion werde vermutlich Mitte der folgenden Woche beginnen.
In dieser Zeit besuchte der Attaché seinen Freund Oster täglich in dessen Wohnung, und wenn man auch nicht sagen kann, daß sie jede Vorsicht mißachtet hätten, so empfanden doch beide sichtlich, daß Sicherheitserwägungen hinter der Notwendigkeit unmittelbarer Kontaktnahme zurückstehen müßten. Da Sas diplomatische Immunität genoß, war natürlich nur Oster gefährdet.
Am Abend des Montag, 6. Mai, sagte Oster seinem Freund, die Offensive sei nunmehr auf den 8. Mai festgesetzt, und wahrscheinlich werde ihr ein Ultimatum von äußerst knapper Frist vorangehen. Diese Information ging per Chiffre-Telegramm an das holländische Außenministerium ab.
Doch in Den Haag zeigte man sich keineswegs sehr beunruhigt. Am selben Tag schrieb Außenminister van Kleffens an einen Amerikaner holländischer Herkunft, die Gefahr für die Niederlande sei vorüber, da der Krieg sich bald auf den Balkan verlagern werde. Offensichtlich hatte die Warnung, die der Papst drei Tage vorher Den Haag hatte zukommen lassen, keinen größeren Eindruck gemacht als die zwanzig oder mehr Warnungen, die Sas während des vergangenen halben Jahres aus Berlin geschickt hatte.
Am Donnerstag, dem 9. Mai, mußten die "endgültigen" Befehle für die Offensive erteilt werden, wenn sie tatsächlich am folgenden Morgen anlaufen sollte. Sas führte im Laufe des Tages ein Telephongespräch mit Oster und besuchte ihn um sieben Uhr abends in seiner Wohnung.
Die Befehle seien zwar erteilt worden, berichtete Oster, aber bei Hitler könne man nie sicher sein, und es sei durchaus möglich, daß er sie noch im letzten Moment zurücknehme. Der entscheidende Zeitpunkt sei halb zehn Uhr -- wenn bis dahin keine Gegenbefehle ergangen seien, würde die Offensive unweigerlich anrollen. Die beiden Männer gingen dann in die Stadt, um zu Abend zu essen, "mehr oder weniger ein Begräbnismahl", wie Sas sagte. Während des Essens sprachen sie über die Jahre ihrer Bekanntschaft, und Oster erzählte, man habe entdeckt, daß in der Affäre Dänemark irgendwo ein Leck gewesen sei. Eine Untersuchung sei eingeleitet worden, werde aber durch das Märchen, Goethals habe die Information aus "katholischen Kreisen des OKW" erhalten, von der richtigen Fährte abgelenkt.
Um halb zehn Uhr waren die beiden unterwegs zum OKW im Reichskriegsministerium in der Bendlerstraße. Sas wartete im Taxi. Nach zwanzig Minuten kam Oster zurück und sagte: "Mein lieber Freund, jetzt ist es wirklich aus. Es sind keine Gegenbefehle gegeben. Das Schwein ist zur Westfront abgefahren, jetzt ist es wirklich endgültig aus. Hoffentlich sehen wir uns nach diesem Kriege wieder."
Dann faßte Oster seinen Freund an einem Jackettknopf, gab ihm einen freundschaftlichen Schubs und sagte: "Sas, sprengt mir die Maasbrücken."
Nachdem sie die letzten Abschiedsworte gesprochen hatten, trennten sich die beiden Freunde, und Sas eilte in seine Gesandtschaft, um das Kriegsministerium in Den Haag anzurufen. Es meldete sich Leutnant zur See Erster Klasse Post Uiterweer am Apparat, dem Sas die Nachricht in einer vereinbarten Form durchgab.
Nachdem er anschließend Goethals benachrichtigt hatte, machte er sich mit seinen Kollegen von der Gesandtschaft an die Verbrennung geheimer Papiere. Eineinhalb Stunden nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, fast genau um Mitternacht, wurde er ans Telephon gerufen und hörte die Stimme von Oberst van de Plassche, dem Chef des Aufklärungsdienstes Ausland im holländischen Generalstab, in bekümmertem Ton sagen: "Ich habe sehr schlechte Nachrichten von Ihnen über die Operation Ihrer Frau. Was hat sie denn? Haben Sie denn auch alle Ärzte konsultiert?"
Sas war empört, daß er abermals gezwungen wurde, in solch durchsichtigen Wendungen, die seinen Informanten schonungslos bloßstellten, am Telephon zu sprechen. Voller Grimm antwortete er: "Ja, aber ich verstehe nicht, daß Sie mich unter diesen Umständen belästigen. Sie wissen es jetzt. An der Operation läßt sich nichts mehr ändern. Ich habe mit allen Ärzten gesprochen. Morgen bei Tagesanbruch findet sie statt." Damit knallte er den Hörer auf die Gabel.
Sas machte sich nach dem Telephongespräch wieder daran, Papiere zu verbrennen. In dieser Nacht tat niemand in der Gesandtschaft ein Auge zu, und während sie arbeiteten, ließen sie das Radio laufen. Um drei Uhr früh berichteten die ersten Meldungen von deutschen Flugzeugen über holländischem Territorium.
Neunundzwanzigmal hatte Hitler einen Termin für den Angriff im Westen festgesetzt und wieder rückgängig gemacht. Nun war die Invasion im Gange.
IM NÄCHSTEN HEFT
Admiral Canaris zwischen Widerstand und Resignation -- Ein übereifriger Abwehroffizier entdeckt Osters Geheimnis -- Offiziere in der Heeresgruppe Mitte planen ein Attentat auf Hitler

DER SPIEGEL 22/1969
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