12.05.1969

SCHRÖDERWhisky getrunken

Der Oberbefehlshaber der Bundeswehr und selbsternannte CDU-Reservekanzler scheint nur noch bedingt einsatzbereit.
Bewußtseins-Trübung überkam Verteidigungsminister Gerhard Schröder, 58, als er am Montag vergangener Woche vor Absolventen der Münchner Heeres-Offizierschule beim letzten Absatz einer 16-Seiten-Vorlesung über die Innere Führung angelangt war. Seine Stimme versagte, stumm und unbeweglich stand er am Rednerpult.
Schröders persönlicher Referent, der Ministerialrat Hans-Georg Wieck, eilte nach vorn und reichte dem hilflosen Chef ein Glas Wasser. Mit unsicherer Hand hob es der Minister, trank und brachte die Rede mühsam zu Ende. Die Offiziere applaudierten, Bonns Polit-Strategen kalkulierten.
Der deutschnationale CDU-Protestant Schröder hatte sich seit der Adenauer-Dämmerung als Kanzler einer christlich-freidemokratischen Koalition bereit gehalten. Im November 1966, als die Bonner CDU/CSU-Fraktion zum bislang letztenmal einen Kanzler-Kandidaten kürte, stimmten immerhin 81 von den insgesamt 202 CDU-Abgeordneten im Bundestag für Schröder.
Er warnte davor, der Großen Koalition zuliebe die Liberalen zu verteufeln: "Wir können doch nicht die Teller aus dem Fenster werfen, von denen wir eines Tages noch essen wollen."
Ob gerade Gerhard Schröder von den Tellern essen würde, geriet erstmals im August 1967 in Zweifel. Er stürzte in seinem Ferienhaus "Atterdag" auf Sylt; Diagnose: Herzrhythmus-Störungen mit Bewußtseins-Trübungen.
Kanzler Kiesinger machte sich Vorwürfe, den Kollaps seines Parteirivalen dadurch mitverschuldet zu haben, daß er in einem Prestigestreit dem Verteidigungsminister kurz zuvor einen Abstrich an den Etatmitteln aufgezwungen hatte.
Ministergattin Brigitte Schröder klagte Frau Marie-Luise Kiesinger am Telephon:" Mein Mann hat sich über diese Sache so geärgert, daß er umgefallen ist." Dazu Kiesinger: "Das habe ich nicht gewollt. Unser Leben ist so kurz, warum machen wir es uns gegenseitig so schwer?"
Der Rekonvaleszent brauchte Monate, bis er seine Tätigkeit auf der Bonner Hardthöhe wiederaufnehmen konnte. Und noch Wochen danach bemerkten Mitarbeiter bei ihm offenkundige Zeichen von Gedächtnisschwund, Formulierungsschwierigkeiten und Konzentrationsschwäche. Aber Schröder gab nicht auf.
Mit einer sorgfältig vorbereiteten Serie von Fitness-Demonstrationen im Bundestag, vor Parteifreunden und Journalisten bekräftigte er in der Öffentlichkeit aufs neue seinen Anspruch, Kiesinger die Führung in der CDU und den Kanzlersessel streitig zu machen.
"Von der Hardthöhe aus", so Schröder damals, "habe ich das Palais Schaumburg ständig im Fadenkreuz." Seine Schweigsamkeit bei Kabinettsdiskussionen begründete er: "Was soll ein Mann, der in fünf Jahren auf seinem (Kiesingers) Stuhl sitzen wird, jetzt noch viel sagen."
Den Freien Demokraten empfahl sich der Verteidigungsminister als entschiedener Gegner einer Wahlrechtsreform, die damals noch auf dem Programm der Großen Koalition stand und die Ausschaltung der freidemokratischen Mini-Opposition zum Ziel hatte.
Indes, die Liberalen hatten seit dem Nürnberger SPD-Parteitag im März letzten Jahres, der keine Mehrheit für ein neues Wahlrecht erbrachte, die Furcht vor einem Mord durch Reform verloren. Überdies sahen die neuen FDP-Führer Scheel und Genscher, die im vergangenen Jahr das konservative Mende-Regime abgelöst hatten, das Heil der Partei eher auf der Linken.
Taktiker Schröder erkannte den beginnenden Wandel und versuchte, auf anderem Wege an die Spitze des Staates zu gelangen. Sein Griff nach der Bundespräsidentschaft scheiterte jedoch am 5. März dieses Jahres in der Berliner Ostpreußenhalle, als Walter Scheels FDP mit überwiegender Mehrheit gegen Schröder und für den Sozialdemokraten Heinemann stimmte. Sogleich faßte Schröder sein altes Ziel wieder ins Auge, das er auch als Präsidenten-Kandidat nie ganz ·außer acht gelassen hatte.
Wenige Wochen nach der Berliner Wahl hielt er eine scharfe Rede gegen jede Änderung des Wahlrechts und erntete das gewünschte Aufsehen. "Die Alternative der CDU zu Kiesinger", fand die "Welt". "heißt bei Koalitionsverhandlungen nach den Bundestagswahlen wieder Gerhard Schröder."
Aber so heil war Schröders Welt in Wahrheit nicht mehr. Die FDP hatte nach ihrem gelungenen Heinemann-Votum zusätzlich Spaß am linken Image gewonnen, und ihr Bundesgeschäftsführer Hans Friderichs ließ den lästigen Bewerber abblitzen: "Der Schröder muß erst noch erfunden werden, der unser Wahlprogramm übernimmt."
Schröders Unions-Rivale, der CSU-Bayer Franz-Josef Strauß, verfolgte die Anstrengungen des nordischen Parteifreunds, doch noch zu Kanzlerehren zu gelangen, eher belustigt. Strauß: "Wenn die CDU mit Kiesinger die nächste Bundestagswahl gewinnt, dann heißt der Kanzler Kiesinger."
Tatsächlich setzt auch die FDP insgeheim bereits mehr auf Kiesinger als auf Schröder. Der Kanzler hatte schon im vergangenen Jahr begonnen, sein Verhältnis zu den Liberalen aufzupolieren. Für ihn sei die Große Koalition "nie ein Dogma" gewesen, und, so Kiesinger damals: "Ich stehe einer bürgerlichen Koalition durchaus viel näher." Nach der Präsidentenwahl von Berlin lud der Kanzler die FDP-Führungsmannschaft zu einem Versöhnungs-Umtrunk ins Palais Schaumburg.
Das nach wie vor unbeirrte Trommeln der Kanzlerpartei für eine FDP-feindliche Wahlrechtsreform würde. damit können die Freidemokraten rechnen, schnell verklingen, wenn das Wahlergebnis im Herbst der CDU eine kleine Bürgerkoalition schmackhaft macht.
Allenfalls durfte Schröder sich noch Kanzler-Chancen ausrechnen, wenn Kiesinger nach der Bundestagswahl als Chef einer neuen Großen Koalition bei Halbzeit scheitern sollte. Dann nämlich käme der Schwabe als Kanzler eines Bürgerbündnisses nicht mehr in Frage.
Die ehrgeizigen Karrierepläne ihres Mannes versuchte Brigitte Schröder zu bremsen: "Was nutzt das alles, wenn du dich dabei verbrauchst." Schröder widersprach: "Da habe ich schon ganz andere Sachen durchgestanden." Er rüstete sich zum Kampf um den Spitzenplatz auf der Wahlliste des CDU-Kernlandes Nordrhein-Westfalen, den in der Vergangenheit Konrad Adenauer besetzte und den auch der CDU! CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Rainer Barzel, gegen Schröder beanspruchte.
Dann aber traf den Minister in aller Öffentlichkeit erneut körperliches Versagen. In München mußten ihm zwei Offiziere vom Podium helfen, und ein Militärarzt nahm sich im Kommandeurszimmer der Heeres-Offizierschule des Verteidigungsministers an. Im Parteivolk brach Zweifel aus, ob Schröder überhaupt den Wahlkampf durchstehen könne.
Der strapazierte Reservekanzler versuchte eilig, den Vorfall zu bagatellisieren. Es habe sich um ein ganz gewöhnliches Unwohlsein gehandelt: "Ich habe einen Fehler gemacht und vorher Whisky getrunken."

DER SPIEGEL 20/1969
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