05.05.1969

HANDEL / BIERTeutsches Pils

Über Nacht regneten in Stuttgart 25 000 Sterntaler nieder. Die metallglänzenden Plastikscheiben lagen auf Bürgersteigen, Autodächern und Parkbänken. Den Findern winkte Freibier oder ein kostenloser 20-Minuten-Einkauf in Lebensmittelläden. Zeitungsannoncen und Reklameflugzeuge verkündeten tags darauf den Namen des Spenders: "Deutsches Stern Pils".
Das originelle Werbespektakel in der württembergischen Metropole ist der Auftakt zu einer bundesweiten Absatzoffensive der Essener Stern-Brauerei, eines Tochterunternehmens der Funke-Gruppe (Jahresumsatz: 117 Millionen Mark). Die Bierbrauer von der Ruhr wollen in diesem Jahr das schaffen, was in der Branche noch keinem gelang: ein nationales Bier, das wie Coca-Cola an jeder Straßenecke zu haben ist.
Kaum ein anderes Produkt widersetzt sich so zäh moderner Marktstrategie wie Bier. Denn Gerstensaft ist höchstens zehn Wochen haltbar, und das Gewicht von Fässern und Flaschen treibt die Versandkosten auf längeren Strecken so hoch, daß sie den Wert des Inhalts übersteigen. Überdies hängen Deutschlands Biertrinker oft an dem Gebräu ihrer vertrauten Regionalmarken, von denen es fast 2000 in Westdeutschland gibt.
Der große Markt aber ist für die deutsche Brau-Industrie lebensnotwendig geworden. Seit der Bierumsatz stagniert (Umsatzsteigerung 1967/68: 1,6 Prozent), müssen die Brauereien einander Kundschaft abjagen, wenn sie weiter expandieren wollen.
Ein hundertprozentiges Erfolgsrezept für ein Bundesbier fand indes noch keine Brauerei. Selbst Beck"s aus Bremen, das seit 1956 konsequent überall in Westdeutschland Markenwerbung ("löscht Männer-Durst") betreibt, vermochte sich südlich der Mainlinie noch nicht durchzusetzen.
Auch den großen Bierkonzernen -- Oetker-Gruppe, Dortmunder Union, Henninger/Reemtsma -- gelang das Einheitsbier noch nicht. Die Brauerei-Bosse kauften vorerst mehrere Dutzend Brauereien zwischen Schleswig-Holstein und dem Allgäu zusammen.
Der zerstückelte deutsche Biermarkt beginnt auch ausländische Bier-Riesen anzulocken. Amerikas zweitgrößte Bierfirma Schlitz zum Beispiel etablierte sich bereits in Belgien und verhandelte mit dem Henninger-Bräu. Von England dringt der größte britische Brau-Konzern, Allied Breweries, vor. Durch seine Fusion mit dem Unilever-Konzern hat er bereits einen Fuß auf den Kontinent gesetzt. Profitable Bier-Objekte in der Bundesrepublik suchen sowohl der kanadische Brauer-König Taylor als auch der belgische Brau-Konzern Stella Artois. Kürzlich kontaktierte die internationale Skol-Gruppe ein Dutzend deutscher Brauereien.
Den Angriffen der Großen versuchte die Essener Funke-Gruppe zuvorzukommen. Ihr Rezept: Rund 40 mittelgroße Brauereien im gesamten Bundesgebiet produzieren nach einer Mix-Anweisung der Essener Stern-Brauerei ein einheitliches Bier. Den Verkauf und die Werbung der 75 Pfennig kostenden Flaschen übernimmt die Stern-Brauerei, wofür ihre Partner acht Mark je Hektoliter abführen müssen.
Sterns nationaler Bier-Vorstoß machte die Konkurrenz munter. Qetkers Brauerei-Marketinggruppe, die seit einiger Zeit über Pläne für eine große Biermarke grübelt, ließ eilends vier Brauereien des Konzerns in Süddeutschland "Teutsch-Pils" anbieten. Oetkers Markenknüller indes wird nach Meinung der Experten den Namen "Prinz" tragen. Unter dieser Bezeichnung wurde das Oetker-Bier schon in Italien populär. Voraussichtlicher Start in Deutschland: Herbst 1969.
Plötzlich haben auch die kleinen und mittelgroßen Brauereien ihr Herz für eine nationale Biermarke entdeckt. Der Frankfurter Werbe-Experte Rüdiger Ruoss sammelte unter dem Decknamen "Konsul" zwölf westdeutsche Brauereien, die alle einen Jahresausstoß von über 100 000 Hektoliter haben. Die Pläne für ein Bundesbier sind bereits fertig, Werbegelder von mehreren Millionen Mark bei einer Frankfurter Bank deponiert.
In Hamburg trommelte der Marketing-Experte Dr. Walter Scheuermann ebenfalls 22 verängstigte Klein-Brauer zu einer Markengemeinschaft zusammen. Am 28. Mai dieses Jahres wollen sie ihre Unterschrift unter den Gründungsvertrag der "Co-Brau-GmbH" setzen. Scheuermann, der bereits drei Werbekampagnen ausarbeitete, prophezeit das Debüt seiner Marke für den Herbst dieses Jahres.
Der Deutsche Brauer-Bund freilich hält das Bundesbier lediglich für eine "interessante Idee", die das Hauptproblem der Branche nicht löst: "Einheitliche Preise sind bei diesem Sauhaufen kaum drin", schimpfte ein Aktionär.
Kenner der Bierbranche geben einem Bundesbier aus den Braukesseln deutscher Mittel- und Kleinfirmen wenig Chancen. Spottet Dr. Horst Launer, Chef der Paderborner Brauerei: "Kooperation ist schön, aber aus zwei armen Schweinen wird ja noch keine fette Sau."

DER SPIEGEL 19/1969
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