21.04.1969

HANDEL CALTEXStart mit Winkeln

Hundertfünfzig Jahre nach napoleonischem Militär-Flitter sollen an deutschen Straßen wieder blauweiß-rote Sergeanten-Winkel blitzen. Das Rangzeichen, von der amerikanischen Erdöl-Gesellschaft Chevron als Firmenemblem benutzt, wird in den nächsten Wochen an 828 westdeutschen Benzinstationen den vertrauten Caltex-Stern ersetzen.
Chevron-Manager Claus Groth, 42, der in Frankfurt residierende Boß der Chevron Erdoel Deutschland GmbH. vollzieht mit dem Farbenwechsel den letzten Akt eines zwei Jahre zurückliegenden Konzernhandels. Damals verordneten die Caltex-Eigentümer Texaco (Jahresumsatz: 20 Milliarden Mark) und Standard Oh Company of California (Jahresumsatz: 16 Milliarden Mark) ihrer gemeinsamen Tochter (Jahresumsatz: 7,2 Milliarden Mark) eine Abmagerungskur.
Ergebnis: Caltex muß seinen europäischen Geschäftsbereich zu je 50 Prozent an die Muttergesellschaften zurückgehen. Außerhalb Amerikas wollten die Konzerne im Caltex-Pool nur noch östlich von Suez zusammenarbeiten. Texaco kassierte seinen Anteil selbst, Standard Oh ließ das Abkommen durch seine Tochter Chevron Oil Europe erfüllen.
Der Anstoß zu der Bereinigung kam freilich nicht von dem Ölgiganten selbst, sondern von der amerikanischen Antitrust-Behörde. Den Kartell-Schnüfflern war aufgefallen, daß Texaco sich allzu stark in fremde Märkte hineindrängte. 4800 Benzinstationen übernahmen die Konzernbosse zum Beispiel allein von der Deutschen Erdöl-AG (DEA) und der Rheinpreußen AG. Zusammen mit ihrer Caltex-Tochter verfügten sie damit über 6400 Stationen -- fast ein Siebentel aller deutschen Zapfsäulen.
Die Mahnung der Kartell-Beamten zu einem europäischen Spitt war der Standard Oh nicht einmal unangenehm. Denn obwohl sich die Caltex-Mütter Texaco und Standard Oh 1936 in einem Abkommen gelobt hatten. außerhalb Amerikas nur mit ihrer gemeinsamen Tochter zu operieren, versuchte die Texaco immer mehr Geschäfte auf eigene Rechnung zu machen. In der Branche galten die Texaner als "die Leute mit dem härtesten Gebiß".
Der schwierigste Teil der Umbenennung fiel der Standard Oh zu. Während Texaco in Deutschland gut eingeführt ist, muß Standard Oil den Deutschen den unbekannten Namen Chevron erst schmackhaft machen. Eilends ließen die Konzernbosse deshalb ein einprägsames Markenzeichen bereitstellen: den napoleonischen Sergeantenwinkel.
Damit sich die Westdeutschen schnell an das neue Emblem gewöhnen, investiert der Benzintrust sechs Millionen Mark in Tankstellen-Schilder und großformatige Inserate. Der Sergeantenwinkel über den Zapfsäulen ist zwei Quadratmeter groß und erreicht damit das in der Bundesrepublik zulässige Höchstmaß für Reklameblech.
Freilich stieß die Umtauschaktion der amerikanischen Ölbosse bei den deutschen Caltex-Händlern nicht überall auf Zustimmung. Der Freudenstädter Mineral-Großhändler Hugo Oest zum Beispiel, der im Schwarzwald 360 Benzin-Stationen betreibt und bei der Spaltung der Texaco zugeschlagen wurde, will seinen Kraftstoff weiter unter dem roten Stern verkaufen.
Alle Versuche der Caltex-Mütter, Oest zur Räson zu bringen, scheiterten an seinen unbefristeten Konzessions-Verträgen mit der Caltex Deutschland GmbH. Texaco und Standard Oil hatten den Firmennamen auch nach der Caltex-Spaltung nicht aus dem Handelsregister gestrichen.
Dennoch braucht die deutsche Chevron um das Zukunftsgeschäft nicht zu bangen. Die Caltex-Raffinerie in Raunheim bei Frankfurt bleibt nämlich weiterhin gemeinsames Eigentum von Chevron und Texaco.
Bis auf weiteres fließen aus derselben Leitung fünf Markenbenzine: Texaco, DEA, Chevron, Boron und -- eigens für Hugo Oest -- auch Caltex.

DER SPIEGEL 17/1969
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