21.04.1969

NEU IN DEUTSCHLANDArmer Bursche

Geraubte Küsse (Frankreich, Farbe). Sie küßten und sie schlugen ihn 1959 im ersten Spielfilm Francois Truffauts, und im nunmehr achten Werk des Franzosen ist die Hauptperson Antoine Doinel (wie damals gespielt von Jean-Pierre Léaud) noch immer ein armer Bursche.
Zwar lernt der gescheiterte Soldat, Nachtportier, Aushilfs-Detektiv und Fernsehmechaniker nun endlich -- im Bordell, bei der voluptuösen Frau eines Kunden und im Bett der Jugendfreundin Christine (Claude Jade) -- die Liebe kennen, doch Liebe, das läßt Truffaut essayistisch in die anscheinend nur lustige, offensichtlich nur liebenswürdige Handlung einfließen, ist eine zweideutige Vokabel:
Ein reicher Pariser beschäftigt Detektive mit der Frage, "warum keiner mich mag", ein Homoerotiker macht Jagd auf den entwischten Partner, und nach der ersten Nacht mit Antoine wird Christine vom Heiratsantrag eines verstörten Voyeurs überrumpelt.
"Ich bin das genaue Gegenteil eines avantgardistischen Regisseurs", sagt Truffaut, und das stimmt: In der Pariser Cinémathèque des Cinéphilen Henri Langlois, dem der Regisseur seinen Film, den besten seit "Jules et Jim", auch widmete, hat der Ex-Kritiker gelernt, daß Alfred Hitchcocks Präzision und Marcel Carnés altmodische Melancholie ("Hafen im Nebel") den Kino-Erfolg garantieren bis auf den heutigen Tag.

DER SPIEGEL 17/1969
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