21.04.1969

KIRCHE / SÄUGLINGSTAUFEBabys und Brüder

Die "Taufe an Säuglingen", so entschied der evangelische Pfarrer Johannes Weygand, 41, sei "wider Gottes Gebot"; ein Baby könne sich nicht für oder gegen Christus entscheiden.
Weil er das behauptet und keine Kinder mehr tauft, darf Weygand, bisher Pfarrer der Gemeinde Kieselbronn bei Pforzheim, das Wort Gottes nicht mehr verkünden.
In der vergangenen Woche versetzte ihn der badische Landeskirchenrat mit Wirkung vom 1. Juni dieses Jahres in den Ruhestand. Begründung: "Pfarrer Weygand lehnt die Kindertaufe ab und weigert sich, die Kinder von taufwilligen Eltern zu taufen ... Allein die Erwachsenentaufe läßt er gelten, und zwar in einer Ausschließlichkeit, die sich biblisch nicht begründen läßt."
Auch in der Gemeinde Gelsenkirchen-Heßler werden keine Kinder mehr getauft. Die Pastorin Tabea Ruddies, 40, lehnt diese Amtshandlung ab. Weil sie es "schroff und öffentlich" tut, wird ihr der Glaubensprozeß gemacht: In der vorletzten Woche wurde ihr eröffnet, daß sie sich demnächst vor fünf geistlichen Herren in einem sogenannten Lehrgespräch zu verantworten habe. Ihr droht ein Berufsverbot, wie Weygand es bereits erhielt.
In Köln-Mülheim sind Berit Aston, 2, und ihre vier Wochen alte Schwester Min am, Töchter des evangelischen Hilfspredigers Helmut Aston, 31, noch nicht getauft worden. Der Mülheimer Hilfsprediger Wiland Wiemer, 30, will seine Kinder Anke, 23 Monate, und Axel, elf Monate, ebenfalls erst dann taufen lassen, "wenn sie selber darum bitten".
Aston und Wiemer müssen für ihre Überzeugung büßen: Obwohl ihre Gemeinden bereits zweimal die Einsetzung der Pastoren als Gemeindepfarrer vorschlugen, lehnt die Kirchenleitung ihre Bestallung ab.
Der Streit um die Taufe, jahrelang in Zeitschriften und gelegentlich auf Pfarrertagungen ausgetragen, hat sich vor allem in der Evangelischen Kirche im Rheinland zum offenen Kampf entwickelt: Etwa jeder dritte evangelische Geistliche im Rheinland ist anderer Meinung als der Präses Joachim Beckmann, der die Kindertaufe verteidigt. Von Beckmanns 1200 Pfarrern sympathisieren mehr als 400 mit dem Arbeitskreis "Taufe und Gemeinde". Seine Hauptforderung an die Kirche: Sie dürfe nicht länger auf der Taufe der Säuglinge bestehen.
Noch nie seit Kriegsende hat es in evangelischen Kirchen -- abgesehen von Themen wie Kirchensteuer, Notstand und Militärseelsorge eine so große und so radikale Opposition gegeben." An dieser Stelle", so betont Oberhirte Beckmann, entscheide sich "ganz Wesentliches über die Frage der Einheit der Kirche".
Es ist ein gesamtdeutsches Problem geworden. Wie in allen Teilen der Bundesrepublik formieren sich auch in der DDR junge Pastoren zum Widerstand gegen die Säuglingstaufe. Studiendirektor Christoph Hinz (Bezirk Magdeburg) mahnt: "Wir sollten die Taufdiskussion und die Anfragen der Brüder, die für ihre Kinder Taufaufschub praktizieren, nicht unwirsch beiseite schieben: "Jetzt macht ihr uns auch noch diesen Ärger."
Drüben wie hüben droht der Taufstreit die ohnehin klein gewordene Schar der Frommen zu spalten. In Westfalen tagte jüngst die konservative "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis" und verteidigte die Kindertaufe." Sie ist Gottes Weg zu uns, nicht unser Weg zu Gott."
Auf beiden Seiten werden prominente Protestanten zitiert: Die Kinderlauf-Gegner berufen sich vor allem auf den 1968 verstorbenen Karl Barth, der die Kirche nicht "verwässert, buchstäblich vertaufwässert" haben wollte, die Anhänger der Tauf-Partei auf zahlreiche Kirchenführer von Luther bis Lilie.
Ähnlich wie die Kirchensteuer, beschäftigt neuerdings auch die kirchliche Taufe die Öffentlichkeit. Für die Säuglingstaufe plädierte "Bild"-Chef Peter Boenisch, ließ allerdings auch einen Gegner zu Wort kommen und das Problem auf "Bild"-Höhe abhandeln: "Ein Säugling kann schreien, in die Windeln machen und irgendwann "Mama" und "Papa" sagen. Viel mehr nicht. Reicht das für eine Mitgliedschaft in der Kirche?"
Schon versuchen linke wie rechte Radikale, auch Politiker in den Streit hineinzuziehen. Ein linker Schülerbund verteilte in Hessen Flugblätter mit der Behauptung, daß die Kirchen sich "mit der Kindtaufe bereits an wehrlosen Säuglingen" vergreifen; der NPD-Abgeordnete Ulrich Kaye wollte daraufhin im Landtag von Kultusminister Ernst Schütte erfahren, oh er diese Ansicht teile. Schütte: "Nein."
Während sich der Streit um die raufe von Woche zu Woche ausbreitet, erweist sich die evangelische Kirche als unfähig, sich klar zu entscheiden. Am deutlichsten demonstrierte sie ihre Hilflosigkeit bislang im Rheinland, wo in dieser Woche die Superintendenten erneut tagen und einen Ausweg finden wollen -- nach dem seit 17 Jahren vergebens gesucht wird.
Denn die Auseinandersetzung hatte -- von der Öffentlichkeit zunächst kaum bemerkt -- 1952 begonnen, als die Landessynode (das Kirchenparlament) die Kirchenordnung (die Verfassung) verabschiedete. Sie bestimmt in Paragraph 37, Absatz 1: "Die Taufe eines Kindes christlicher Eltern ist möglichst bald nach der Geburt anzumelden."
So alt wie diese Bestimmung ist der Widerstand der Pfarrer dagegen. Zunächst waren es einzelne, die ihre Kinder nicht im Säuglingsalter taufen ließen. Sie beriefen sich zumeist auf die Bibel: Nirgendwo ist darin gefordert, daß Säuglinge getauft werden. Und Neutestamentler wie Kirchenhistoriker sind sich weitgehend darüber einig, daß in der Frühzeit der Kirche -- zu Lebzeiten Jesu und der Apostel -- die Christen nicht Kinder, sondern Erwachsene tauften.
Ähnlich argumentierte auch Karl Barth. In seiner "Kirchlichen Dogmatik" bezeichnete er die Säuglingstaufe als eine "tief unordentliche Taufpraxis". Nach Barth ist die Taufe "dankbares Bekenntnis des Glaubens zu einem Glaubensbekenntnis aber sei ein Säugling nicht fähig.
1964 setzten sich die rheinischen Tauf-Kritiker mit Karl Barth zum "Mülheimer Gespräch" zusammen und formulierten die "Erklärung von Mülheim", in der die Kirchenleitung gebeten wird, "von allen Maßnahmen" gegen die Taufgegner abzusehen.
Gleichwohl ließ die Kirchenleitung Berichte aus den Gemeinden anfordern, "welche Pfarrer unserer Rheinischen Kirche ihre Kinder nicht taufen, und zwar unter Hinzufügung einer ausführlichen Begründung". Und: "Fehlanzeige ist erforderlich."
In der Folgezeit baten verschiedene Kreissynoden im Rheinland um "gründliche Beratung" des Themas und brüderliche Duldung der Taufrebellen. Die Landessynode erklärte sich denn auch einverstanden, daß die Kirchenleitung von "disziplinären Maßnahmen gegen Amtsträger, die ihre eigenen Kinder ungetauft lassen", absieht. Die gleichzeitige Unterlassung von Verwaltungsmaßnahmen" wie Kreissynoden sie zuvor gewünscht hatten, wurde jedoch nicht gefordert.
So hatte die Kirchenleitung freie Hand, widersetzlichen Amtsträgern wie Aston und Wiemer die Bestallung als Gemeindepfarrer vorerst vorzuenthalten, was ihnen Einkommens-Verlust, schlechtere Altersversorgung und geringere Vollmachten in der Gemeinde eintrug. Zwei andere Pfarrer, so berichtet der Arbeitskreis, seien zu Kreuz gekrochen: Sie ließen ihre Kinder taufen, weil sie anders keine Pfarrstelle bekommen hätten. Die Taufreformer ließen dennoch nicht locker, und der renommierte Berliner Theologe Helmut Gollwitzer stellte sich auf ihre Seite. Er forderte die "vorbehaltlose Freigabe der Erwachsenentaufe", wobei beide Möglichkeiten -- Kinder- und Erwachsenen-Taufe -- "gleichberechtigt nebeneinanderstehen" müßten.
Die rheinische Synode mochte sich bisher weder für die alte noch für eine neue Regelung entscheiden: "Zur Zeit", so verlautbarte das Kirchenparlament, sehe es sich "nicht in der Lage, eine Änderung der Kirchenordnung vorzunehmen".
"Bis zur endgültigen Klärung" soll es bei einem Kompromiß bleiben: Alle Pastoren müssen zwar alle fremden, brauchen aber nicht ihre eigenen Kinder zu taufen.

DER SPIEGEL 17/1969
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